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Vaterschaftsurlaub«Viele Familien müssen sich durchwursteln»

Eine Volksinitiative fordert einen Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen. Wieso es höchste Zeit dafür ist, erklärt Mitinitiant Adrian Wüthrich im Interview.

Adrian Wüthrich: «Väter, die sich um das Kind kümmern wollen, sollen das auch tun dürfen.»
von aktualisiert am 10. August 2017

Unterschriftensammlung war erfolgreich

Die Initiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub – zum Nutzen der ganzen Familie» ist zu Stande gekommen. Nach Angaben der Bundeskanzlei sind 107'075 eingereichte Unterschriften gültig. Eine Abstimmung findet allerdings kaum vor 2019 statt.

Update vom 10. August 2017

 

Das nachfolgende Gespräch mit Adrian Wüthrich, dem Kopf hinter der Initiative, wurde im Juli 2016 geführt:

Adrian Wüthrich, Präsident des Trägervereins «Vaterschaftsurlaub jetzt!» und selber zweifacher Familienvater, kämpft mit seinem Anliegen gegen Windmühlen an: Für den Bundesrat geniesst diese Reform «nicht oberste Priorität» – viel wichtiger für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf seien Betreuungsangebote wie bezahlbare Kindertagesstätten. Und das Parlament lehnte in den vergangenen Jahren mehrere Dutzend Vorstösse ab, die in diese Richtung zielten. Trotzdem scheint die Initiative, die von zahlreichen Gewerkschaften sowie Familien-, Männer- und Frauenorganisationen getragen wird, offensichtlich auf viel Wohlwollen zu stossen.

Zur Person

Adrian Wüthrich (36) ist Präsident des Vereins «Vaterschaftsurlaub jetzt!» und von Travail.Suisse, dem Dachverband der Schweizer Gewerkschaften. Er sitzt ausserdem für die SP im Berner Grossrat sowie im Gemeinderat von Huttwil BE. Er ist Vater von zwei Söhnen. (Bild: zvg)

Beobachter: Herr Wüthrich, wie viele Tage konnten Sie nach der Geburt ihrer beiden Söhne freinehmen?
Adrian Wüthrich: 10 Arbeitstage.

Beobachter: Das ist viel. Ihr Beispiel zeigt, dass inzwischen die meisten Arbeitgeber kulant sind und Vätern mehrere Tage frei geben – obwohl sie nicht müssen.
Wüthrich: Das ist erfreulich, denn es ist das Ergebnis von zahlreichen Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. Aber noch immer ist die Hälfte aller Arbeitnehmer keinem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt und damit ohne Anspruch auf zusätzliche Freitage. Das führt dazu, dass Väter ihren Vaterschaftsurlaub selber finanzieren müssen – entweder, indem sie Ferientage eingeben oder unbezahlten Urlaub beziehen. Das wollen wir ändern, denn gerade für Väter mit tieferen Löhnen ist das nicht so einfach. Und Ferien sind ja zur Erholung da.

Beobachter: Das Parlament will das offenbar nicht. Schon mehr als 20 Vorstösse zum Thema wurden abgeschmettert.
Wüthrich: Junge Eltern sind in National- und Ständerat absolut unterrepräsentiert. Trotzdem verschieben sich die Mehrheiten langsam: In der letzten Session wurde ein Antrag auf 10-tägigen Vaterschaftsurlaub mit nur noch 90:97 Stimmen abgelehnt. Wahrscheinlich braucht es jetzt einfach den Druck von der Strasse, damit die Schweiz endlich einen Schritt in Richtung modernere Familienpolitik macht. Die Schweiz ist das einzige Land in ganz Europa, das keine gesetzliche Regelung für Vaterschaftsurlaub kennt.

Beobachter: Und wenn die meisten Väter gar keinen Sonderurlaub wollen?
Wüthrich: Es wäre falsch, auf einen Vaterschaftsurlaub zu verzichten, nur weil einige wenige keinen Bedarf haben. Es wird niemand gezwungen, diese 20 zusätzlichen Freitage auch tatsächlich zu beziehen.

«Jemand, der 4000 Franken verdient, steuert also monatlich 2.40 CHF bei. Das ist weniger als eine Tasse Kaffee!»

Adrian Wüthrich, Politiker und zweifacher Vater

Beobachter: Sie schmücken Ihre Initiative mit den Schlagworten «notwendig», «zeitgemäss» und «bezahlbar». Das sehen die Gegner anders. Was sagen Sie zu den folgenden drei Argumenten?

Erstens: Die Initiative ist nicht «notwendig»! Bisher hat unsere Gesellschaft problemlos ohne Vaterschaftsurlaub funktioniert.

Wüthrich: Naja, viele Familien müssen sich durchwursteln. Für einen guten Start ins Familienleben ist es jedoch entscheidend, dass die Väter bei Mutter und Kind präsent sind - das ist wissenschaftlich nachgewiesen. Bei einem solch einschneidenden Erlebnis darf die Arbeit auch einmal ruhen. Der Vaterschaftsurlaub hilft, die Beziehung zwischen Vater und Kind sowie den Eltern untereinander zu stärken und trägt so zur familiären Stabilität bei.

Zweitens: Die Initiative ist nicht «zeitgemäss»! Das eigentliche Ziel der Initiative ist es, dass wir noch weniger arbeiten müssen als bisher und dafür mehr Freizeit haben.

Wüthrich: Von wegen weniger arbeiten: Vater sein ist ein äusserst aufwendiger Job. Väter, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und sich um das Kind kümmern wollen, sollen das auch tun dürfen. Ausserdem trägt der Vaterschaftsurlaub zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei. So können Mütter früher als bisher wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen.

Drittens: Die Initiative ist alles andere als «bezahlbar»! Sie kostet uns Hunderte Millionen Franken.

Wüthrich: Den Steuerzahler wird der Vaterschaftsurlaub nichts kosten, denn die Finanzierung würde über die Erwerbsersatzordnung EO abgewickelt – also über denselben Topf wie der Militärdienstersatz oder der Mutterschaftsurlaub. Es stimmt zwar, dass der Vaterschaftsurlaub jährliche Kosten von 385 Millionen Franken verursachen würde. Runtergerechnet auf den einzelnen Arbeitnehmer ergibt das aber einen Anteil von 0,06 % am Monatslohn plus zusätzlich 0.06% für den Arbeitgeber. Jemand, der pro Monat 4000 Franken verdient, steuert also CHF 2.40 bei – das ist weniger als eine Tasse Kaffee.

«Die Schweiz braucht mehr Kinder! Etwas Besseres kann doch gar nicht passieren.»

Adrian Wüthrich, Politiker und zweifacher Vater

Beobachter: Viele Schweizer KMU laufen Sturm gegen Ihren Vorschlag. Rechnen wir mal vor: Ein 32-jähriger angehender Vater und Soldat, der als einer von vier Personen in einer Schreinerei arbeitet, fehlt seinem Arbeitgeber dann bis zu 12 Wochen: 5 Wochen Ferien, 3 Wochen Militärdienst und 4 Wochen Vaterschaftsurlaub.

Wüthrich: Erstens: Im Schnitt haben die Schweizer nur 1,5 Kinder, der Mann wird also nicht jedes Jahr während 20 zusätzlichen Tagen fehlen. Zweitens: Väter mit Vaterschaftsurlaub sind zufriedener, fehlen weniger am Arbeitsplatz und wechseln weniger häufig den Arbeitsplatz. Und drittens schlagen wir bewusst vor, dass man diese 20 Tage flexibel beziehen kann.

Beobachter: Was heisst flexibel?
Wüthrich: Man kann 20 Tage am Stück frei nehmen oder – das andere Extrem – während 20 Wochen beispielsweise nur 80 statt 100 % arbeiten. Da wird jeder Arbeitnehmer mit seiner Firma den optimalen Weg finden müssen. Im Kern geht es darum, den Spiess umzudrehen: Bislang ist es so, dass die Arbeitgeber ihrerseits einen Vaterschaftsurlaub bewilligen dürfen – als eine Art ‹patronale Geste›. In Zukunft soll dieses Recht beim Arbeitnehmer liegen.

Beobachter: Pro Kind 20 Ferientage – da werden es manche Paare mit der Verhütung nicht mehr so genau nehmen…
Wüthrich: (lacht) Das wäre ja fantastisch! Der Schweiz kann nichts Besseres passieren, als dass mehr Kinder auf die Welt kommen. Das würde Demografieprobleme lösen, die AHV entlasten, die Zuwanderung bremsen und den Fachkräftemängel eindämmen. Also, liebe Paare, legt los!

Viele profitieren schon heute

Seit dem 1. Juli 2005 kennt die Schweiz den Mutterschaftsurlaub: Nach der Niederkunft hat die Arbeitnehmerin Anspruch auf mindestens 14 Wochen Ferien. Während dieser Zeit wird ihr ausserdem 80 % des Lohnes ausbezahlt, maximal jedoch 196 Franken pro Tag.

Der Vaterschaftsurlaub jedoch ist gesetzlich nicht geregelt. Der Vater kann bei der Geburt des Kindes höchstens im Rahmen eines «üblichen freien Tags» (Art. 329 Abs. 3 OR) Anspruch auf einen eintägigen Urlaub geltend machen. Ein solcher gilt als Sonderurlaub, den Arbeitnehmende beziehen können, um persönliche Angelegenheiten wie einen Arztbesuch, den Tod eines nahen Verwandten, die Heirat oder einen Umzug zu regeln.

Zahlreiche Firmen bieten jedoch freiwillig einen längeren Vaterschaftsurlaub an: Gemäss Bericht des Bundesrats zum Vaterschaftsurlaub profitieren 228'000 Angestellte von einem GAV, der einen Urlaub von 5 bis 15 Tagen vorsieht. Zusätzliche 161'000 Personen können von einem «Elternurlaub» profitieren. Dazu kommen zahlreiche Firmen, die ebenfalls weitergehende Regelungen beschlossen haben, darunter McDonalds, SwissRe, Migros, UBS oder die Bundesverwaltung. Eine detaillierte Auflistung gibt es auf dieser Seite.
 

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