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VerkehrWarum nicht per Bus pendeln?

Busreisen ins Ausland boomen. Jetzt fordern Politiker Fernbusse auch im Inland – als Konkurrenz zu den SBB. Die zehn wichtigsten Fragen und Antworten.

Mit dem Fernbus kann man heute in der Schweiz nur ins Ausland reisen.
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Der Mediensprecher eines Umweltverbands brüllt fast ins Telefon: «Natürlich ist die Bahn ökologischer als der Bus!» Die Emotionen gehen hoch: Bürgerliche Politiker fordern die Zulassung von Fernbussen auf Inlandstrecken. Heute haben die SBB das Fernverkehrsmonopol. Erlaubt ist nur der Bustransport ins Ausland.

Die 10 wichtigsten Fragen und Antworten

  1. Weshalb sind Fernbusse so günstig?
    Keine Bahnhöfe, kein teures Schienennetz: Fernbusse haben eine viel billigere Infrastruktur als die Bahn. Gespart wird auch beim Personal. Anbieter wie Flixbus sind reine Vermittler, für sie fahren Busunternehmer, die ihren Chauffeuren Tieflöhne bezahlen dürfen. Die günstigsten Tickets sind zudem Lockvogelangebote. Zürich–München für neun Euro ist kein kostendeckender Preis.
  2. Wie ist die Situation im Markt?
    Nachdem die letzten echten Mitbewerber aufgaben, hat der Branchenleader Flixbus im wichtigsten Markt, Deutschland, einen Anteil von 80 Prozent. Dieses Fast-Monopol wurde auch mit Kampfpreisen und einem ruinösen Wettbewerb erreicht. Keine Fernbusfirma schrieb bisher Gewinn. Laut Experten werden die Ticketpreise steigen, da der Verdrängungskampf zu Ende ist.
  3. Würden Schweizer Busfirmen von einer Liberalisierung profitieren?
    Auf den ersten Blick ja. Sie könnten Inlandstrecken bedienen – was bisher den SBB vorbehalten ist. Im Jahr 2014 forderte der Branchenverband Car Tourisme Suisse die Liberalisierung – heute ist er nicht mehr dafür, laut «Handelszeitung» «aus Furcht vor der ausländischen Konkurrenz». Unklar ist die Position des zweiten Verbands, BUS CH, Repräsentant der privaten Postautofirmen (die auch Bus- und Carfahrten anbieten). Präsident Walter Wobmann sagte kürzlich, das Interesse an einer Liberalisierung des Fernbusmarktes fehle. Gegenüber dem Beobachter wollte er die Aussage nicht bestätigen. Er äussere sich derzeit nicht dazu.
  4. Was würde die Liberalisierung für die SBB bedeuten?
    Es käme wohl zu Umsatzeinbussen. In Deutschland konkurrieren Fernbusse seit 2013 die Deutsche Bahn. Sie hat auf Fernstrecken Einbussen von fünf Prozent. Auch die SBB kämpfen mit Rückgängen im internationalen Verkehr. Inland-Fernbusse dürften weitere Kunden abspenstig machen. Bei einer Liberalisierung fordern die SBB «gleich lange Spiesse». Sie sehen sich durch Gesetze benachteiligt: Höhere Sicherheits- und Sozialstandards der Angestellten, rollstuhlgängige Bahnhöfe und Züge sowie die Haftbarkeit bei Verspätungen verteuerten die Bahn.
  5. Wer ist für die Liberalisierung, wer ist dagegen?
    Die Nationalräte Philippe Nantermod (FDP) und Lukas Reimann (SVP) fordern in Motionen die Zulassung von Fernbussen auf Inlandstrecken. Die FDP hat das Thema intern noch nicht behandelt, dürfte aber – wie die SVP auch – für eine Liberalisierung sein. Auch Preisüberwacher Stefan Meierhans spricht sich für Fernbusse aus, um den Wettbewerb zu fördern. Linke Parteien, Teile der CVP und Umweltverbände dürften gegen die Liberalisierung sein, aus ökologischen Gründen und um den öffentlichen Verkehr zu schützen. Dagegen ist auch die in fast allen Parteien vertretene SBB-Lobby. Eine Parlamentsabstimmung dürfte knapp ausgehen.
  6. Können Fernbusse Züge und Strassen entlasten?
    Experten glauben nicht an eine Entlastung der Züge. Diese sind vor allem in den Agglomerationen überfüllt, wo Fernbusse kaum Platz haben. Laut SBB könnten eher «alternative Arbeitsformen» und «angepasste Unterrichtszeiten bei Hochschulen» Entlastung bringen. Fernbusse wären aber ein Mittel gegen verstopfte Strassen, sagt der Mobilitätsexperte Thomas Sauter-Servaes von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Autofahrer sollten auf die «sehr flächeneffizienten» Busse umsteigen und so weniger Staus verursachen.
  7. Sind bei einer Liberalisierung neue Busbahnhöfe erforderlich?
    Eine Million Schweizer reist bereits mit dem Fernbus. Doch die Busbahnhöfe sind kaum mehr als Parkplätze. Zwingend sei eine bessere Infrastruktur nicht, sagt Experte Sauter-Servaes. Investitionen führten zu höheren Ticketpreisen. Das wollten die Kunden kaum, sie würden lieber an einem simplen Parkplatz einsteigen.
  8. Sind die Billigbusse ein Sicherheitsrisiko?
    Laut Medienberichten wiesen in Deutschland fast 30 Prozent der Fernbusse Mängel auf – «rollende Risiken». In der Schweiz fehlen nationale Daten. Polizeikontrollen in der grössten Schweizer Busdestination, Zürich, ergaben keine überdurchschnittlichen Mängel. Die Chauffeure hielten die Arbeits- und Ruhezeitenverordnung gut ein. «Es gibt schwarze Schafe, doch die Branche ist keineswegs marode», sagt ein Sprecher der Kantonspolizei.
  9. Sind Busse ökologischer als Züge?
    Busse produzierten weniger Treibhausgase als die Bahn, schrieb «20 Minuten». Nationalrat Lukas Reimann ist der Meinung, der Staat könne kein Verkehrsmittel verbieten, das «umweltfreundlicher wäre» als die Bahn. Dabei bezog sich der SVP-Politiker auf eine deutsche Studie. Doch die Deutsche Bahn setzt teilweise Dieselloks und Kohlestrom ein. Die SBB fahren aber mit Strom aus 90 Prozent Wasserkraft und sind mit hoher Sicherheit umweltfreundlicher als Busse.
  10. Wie geht es weiter?
    Die Motionen werden im Verlauf des nächsten Jahres in den eidgenössischen Räten behandelt. Weichenstellungen sind also kaum vor 2018 zu erwarten. Mit dem Fernbus kann man heute in der Schweiz nur ins Ausland reisen.
Veröffentlicht am 27. September 2016

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1 Kommentar

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Andy Capp
Fernbusse sind Rosinenpicker. Im Gegensatz zur Bahn bedienen diese nur lukrative Hauptlinien. Bahn und Postauto fahren auch in abgelegene Gegenden, welche für Fernbusse völlig unrentabel wären. Und noch etwas: Solange Fernbusbetreiber sich nicht ans Behindertengleichstellungsgesetz halten und keine Rollstuhlfahrer befördern, welche nicht selber einsteigen können, sind Fernbusse in der Schweiz wohl kein Thema.

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