Thomas Minders bester Mann ist wieder einmal Daniel Vasella. Der hat beim Pharmariesen Novartis in den letzten zehn Jahren 286'900'000 Franken kassiert – und damit jede halbe Stunde so viel verdient wie ein Durchschnittsschweizer in einem Monat. Seine Treue zu Novartis liess er sich jetzt per Geheimvertrag mit weiteren Millionen vergolden. Damit ist er Minders bestes Argument im Kampf für seine Abzocker-Initiative geworden.

Ein Trumpf, der sticht. Denn Minder hat ­seine Initiative genau gegen die entfesselte Gier von Managern wie Vasella gestartet, die den Hals nicht voll genug kriegen. Und diese Managerkaste haut Minder nun acht Millionen um die Ohren, um seine Abzocker-Initiative zu bodigen. Eine unglaubliche Summe, auch wenn man fairerweise anmerken muss: «Super-Dan» Vasella hätte dafür nur dreieindrittel Monate arbeiten müssen. Doch im Vergleich zu den 400'000 Franken, die Minder für seine Kampagne zur Verfügung hat, ist derart viel Geld ein Skandal. Wenigstens für alle, die glauben, dass in einer Demokratie Argumente zählen und nicht die Millionen der Mächtigen.

Umgekehrt macht genau diese ungleiche Ausgangslage den Reiz dieses Abstimmungskampfs aus: hier David, der Mann (fast) ohne ­Mittel, dort Goliath, mit Geld ohne Ende. Und wie schön: Der kleine ­David scheint sich diesmal gegen den übermächtigen Feind durchzusetzen. Eine Traumkonstellation für jede ­Demokratie.

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Volk verunsichern

Sich aber darauf zu verlassen, dass sich David mit der Kraft seiner Argumente immer durchsetzt, wäre, gelinde gesagt, naiv. Denn viel Geld ist überhaupt die Voraussetzung dafür, dass man eine raffinierte Kampagne planen und durchziehen kann. Genau das tut Economie­suisse jetzt bei der Abzocker-Initiative, um das Stimmvolk «in drei Phasen zum Nein» zu bringen, wie das Wirtschaftsmagazin ­«Bilanz» kürzlich aufgezeigt hat.

Ziel der ersten Phase, «Unfreeze» (Auf­tauen), war es, Verunsicherung zu stiften. Und das mit einem Leitspruch, der nach Konsumentenschutz klang: «Lesen Sie bitte das Kleingedruckte.» Dazu gesellten sich Sprüche wie der von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, der in seiner Neujahrsansprache «Lieber mehr als minder» frotzelte. Seither läuft die Phase «Move» (Bewegen), die die Vorzüge des Gegenvorschlags herausstreichen soll. Dazu präsentiert Economiesuisse Studie auf Studie. Begleitet wird das von Testimonials glaubwürdiger Wirtschaftsführer – ein Stilmittel, zu dem sonst meist Hilfsorganisationen greifen.

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Ängste schüren

Phase 3, «Freeze» (Blockieren), wird jetzt, kurz vor dem Abstimmungstermin vom 3. März, ­gestartet. Sie wird auf Teufel komm raus Ängste schüren. Nun werden Gegengesichter zu ­Thomas Minder präsentiert: etwa Peter Spuhler, der mit Stadler Rail Tausenden Arbeit verschafft hat. (Unerwähnt bleibt bestimmt, dass der ­SVPler jeweils 525'000 Franken dafür absahnte, dass er pro Jahr ein paar Verwaltungsratssitzungen der UBS besuchte.) Den Schluss setzen wird der Angst-Spot «Grounding 2026», der suggeriert: Ein Ja zur Initiative endet im Grounding der Schweiz.

Economiesuisse tut, als stehe ­unsere Zukunft auf dem Spiel. Dabei sind die Unterschiede zwischen ­Ini­tiative und Gegenvorschlag gar nicht so gross: Die Initiative verbietet Antritts- und Abgangsentschädigungen generell; gemäss Gegenvorschlag sind sie nur bei einer Zweidrittelmehrheit der Generalversammlung möglich. Die Initiative verlangt, dass Verwaltungsräte – wie bei der UBS – jährlich gewählt werden; der Gegenvorschlag sieht Wahlen alle drei Jahre vor. Die Initiative sieht bei Verstössen Bussen bis zum Sechs­fachen des ­Jahreslohns und Gefängnis bis zu drei Jahren vor; der Gegenvorschlag will das nicht.

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Warum also buttert Economiesuisse so viel in diese Kampagne rein? Weil die Wirtschaft uns im Vorbeigehen noch eine Lektion erteilen will: dass sie auch eine 75-Prozent-Umfragemehrheit in ein Nein umbiegen kann. Denn wer das schafft, kann jede Abstimmung gewinnen.

Vielleicht aber wird Minders Initiative für Economiesuisse zu einer Lektion in Selbstbeschränkung werden: Wer schamlos mit Mil­­lionen um sich schmeisst und sich nicht selber einschränken will, dem wird es irgendwann ­ergehen wie den Abzockern. Die wollten ihre Gier auch nicht zügeln. Jetzt werden sie halt zwangsbeschränkt.