Beobachter: In nächster Zeit ­werden viele Familien den Gürtel enger schnallen müssen. Bedeutet die Rezession für Paar- und Fami­lientherapeuten Hochkonjunktur?
Markus Fäh: Nicht nur für Paar- und Familientherapeuten. Auf Psychotherapeuten kommt ganz allgemein viel Arbeit zu. Die Krise löst bei vielen Menschen Ängste aus. Manche brauchen bei der Verarbeitung Hilfe.

Beobachter: Welche Gefahr bildet die Krise für die Beziehungen innerhalb einer Familie?
Fäh: Negativer Stress, wie er durch die Sorge um die Lebensgrundlage hervorgerufen werden kann, wirkt grundsätzlich be­lastend auf Beziehungen. Das Ausmass an Zufriedenheit lässt sich daran messen, ob Freude den Stress ausgleicht. Steigt die Belastung, können in Beziehun­gen alte Wunden neu aufbrechen, und die Freude macht sich davon.

Beobachter: Arbeitslosigkeit stellt die Tagesstruktur einer Familie auf den Kopf. Welche Folgen hat es, wenn zum Beispiel ein vorher zu 100 Prozent erwerbstätiger Vater plötzlich den ganzen Tag zu Hause sitzt?
Fäh: Jeder erlebt eine solche Belastung anders. Und die Reaktion hängt auch davon ab, wie sehr die Partner auf ihre bisherigen Rollen fixiert sind. Personen, die ihren ganzen Selbstwert aus der Ausübung ihres Berufs geschöpft haben, leiden besonders. Wer aber flexibel ist und der neuen Situation auch Positi ves abgewinnen kann, dem wird es besser gehen. Die neu verfügbare Zeit bietet auch die Chance, die Beziehungen in der Familie intensiver zu pflegen. Bei Ihrem Beispiel ermöglicht die Arbeits losigkeit den Kindern, mehr Zeit mit dem zuvor oft abwesenden Vater zu verbringen.

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Beobachter: Wie lässt sich vermeiden, dass es in der Familie zu kriseln beginnt?
Fäh: Man sollte mit der Situation offen umgehen. Wenn das Geld für die Sommerferien nicht ausreicht, sollte das rechtzeitig am Familientisch thematisiert und nicht bis zum letzten Augenblick verdrängt werden. Das kostet manchmal Überwindung, aber dieser Kampf lohnt sich.

Quelle: Christian Lanz

Markus Fäh ist Psychoanalytiker, Paar- und Familientherapeut und Autor des Buchs «Schluss mit Jammern… und das Leben kommt von selbst»; Zytglogge-Verlag, 2008, 29 Franken.

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