Wenn das Glück uns verlässt, brauchen wir Menschen vom Schlage der Prix-Courage-Nominier­ten. Leute, die das Wohl anderer über das eigene stellen. Leute, die sich wie Stefan Wittwer, 41, trotz einem herannahenden Zug auf einen Bahnübergang wagen, um jemanden zu retten. Oder die sich in eiskaltes Wasser stürzen, um ein betag­tes Ehepaar, das am Ertrinken ist, aus seinem sinkenden Auto zu retten. Wie es Remo Knechtle, 27, an jenem Dezembertag tat, den er nicht vergessen wird – und noch weniger Max und The­rese Gerschwiler, die Geretteten. «Ich kann doch unmöglich zuschauen, wie Menschen sterben», sagt Knechtle.

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Entschlossene Praktiker

Bloss zuschauen war auch für Marc Hofmann, 24, keine Option. Das brachte ihm ­ei­nen gebrochenen Kiefer, eine eingeschlagene Nase und einen neun­tägigen Spitalaufenthalt ein. Die feigen, skrupellosen Schläger, mehrere junge Männer, schlugen und traten auf ihn ein, weil er sie frühmorgens in Basel daran gehindert hatte, ein Pärchen zu verprügeln. «Ich wollte einfach helfen.»

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«Nicht zuschauen», «einfach helfen»: Immer wieder fallen die ganz simplen Motivationen auf, mit denen couragierte Menschen wie Knechtle oder Hofmann ihre Handlungen begründen. Es sind ­keine grossartigen Theoretiker, die meinen, anderen Leu­ten das Weltgeschehen erklären zu müssen, sondern gutgeerdete Praktiker, entschlossen Handelnde mit ­intaktem und festem Wertekompass.

Wie die beiden Lastwagenchauffeure Claudio Regusci, 22, und Marc Uti­ger, 23, die dafür sorgten, dass ihr Arbeitgeber die gesetzlichen Arbeitsbestimmun­gen einhält. Oder wie Margrit Zopfi, 60, und Esther Wyler, 51, die nicht schweigen wollten zu den Missständen im Zürcher So­zial­departement. Oder wie die Kämpfe­rin für einen fortschrittlichen Islam, ­Saïda Kel­ler-Messahli, 53, die mit den Mord­drohungen zu leben gelernt hat, ohne sich an sie zu gewöhnen. «Ich will mich nicht vor ein paar Fundamentalisten ducken», sagt sie. Dabei wäre ducken doch so viel bequemer. Sie habe letztes Jahr kein einzi­ges freies Wochenende gehabt, sagt die zweifache Mutter.

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Wie würden wir reagieren?

Manchmal kommt die Gelegen­heit plötzlich, um Mut zu beweisen, für andere oder für ein ­Ideal einzustehen – wie bei den Nominierten Knechtle und Wittwer. Manchmal ist die Ar­beit der Ort, wo Beherztheit nötig wird. Und manchmal fordert uns ein eige­ner Fehler mit schlimmen Folgen he­raus, wie bei Joachim Maire, 37, der ­be­trun­ken seine Exfreundin zu Tode fuhr und jetzt sein Leben der Verkehrsprävention widmet.

Wie hätten wir selber reagiert? Die ehr­liche Antwort wird wohl viele von uns demütig stimmen müssen. Einige sind zum Helden geboren. Etliche sind es nicht, das lehrt uns leider der Alltag. Umso höher ist der Einsatz der Nominierten zu würdigen. Denn es ist keine kleine Sache, wenn man weiss, dass man sich im Notfall nicht nur auf sein Glück verlassen muss.

 

RTEmagicC_Marc_Hofmann_kl.jpg.jpg Marco Hofmann
Der Autist Marco Hofmann rettete im letzten November ein Paar vor einer Schlägerbande. Mutig stellte er sich dazwischen und kassierte selber heftig Prügel. zum Portrait
RTEmagicC_Saida_Keller-Messahli_kl.jpg.jpg Saïda Keller-Messahli
Die 53-jährige ist den fundamentalistischen Moslems ein Dorn im Auge: Die gebürtige Tunesierin kämpft trotz Todesdrohungen für einen toleranten Islam. zum Portrait
RTEmagicC_Remo_Knechtle_kl.jpg.jpg Remo Knechtle
Der 27-Jährige rettete in letzter Minute zwei 80 Jahre alte Senioren. Sie drohten mit ihrem Auto am 6. Dezember in einem Weiher zu versinken.
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RTEmagicC_Joachim_Maire_kl.jpg.jpg Joachim Maire
Als Raser brachte der 37-Jährige im Juni 2003 seine Freundin um. Nach verbüsster Strafe betreibt er in der Raserszene Präventionsarbeit und unterstützt die Raser-Initiative. zum Portrait
RTEmagicC_Claudio_Regusci_Marc_Utiger_kl.jpg.jpg Claudio Regusci und
Marc Utiger

Die beiden jungen Lastwagenchauffeure haben sich erfolgreich gegen 13-Stunden-Tage und Schwarzarbeit bei ihrem Arbeitgeber gewehrt.
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RTEmagicC_Stefan_Wittwer_kl.jpg.jpg Stefan Wittwer
Der 41-jährige Familienvater bewegte einen sturzbetrunkenen Autolenker in letzter Sekunde dazu, vom Bahnübergang, hinter verschlossener Barriere, weg zu fahren. zum Portrait
RTEmagicC_Esther_Wyler_Margrit_Zopfi_kl.jpg.jpg Esther Wyler und
Margrit Zopfi

Die beiden Controllerinnen haben Unregelmässigkeiten in der Sozialhilfe publik gemacht. Beide wurden deswegen entlassen und stehen wegen Amtsgeheimnisverletzung vor Obergericht. zum Portrait
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