Was würden Sie tun, wenn Sie in irgendeiner Stadt nachts um halb zwei Uhr sähen, wie vier kräftige junge Leute zwei Menschen niederschlagen und weiter auf sie einprügeln, mit Schlägen und Fusstritten, was also würden Sie tun, wenn Ihnen das Gespenst der Jugendgewalt persönlich begegnet? Unauffällig weitergehen? Schnell weitergehen? Davonrennen? Laut schreien? Oder eingreifen und sich dazwischen stellen?

Von letzterem, wir wissen es, rät die Polizei ab, und der gesunde Menschenverstand ebenfalls, gerade wenn Sie allein sind, einer gegen vier. Aber es sind nicht unsere einzigen Ratgeber. Da gibt es noch eine Stimme in unserm Kopf oder in unserm Herzen, die sagt: «Helfen!». Die meisten von uns würden wohl, ihrer Vernunft folgend, dieser Stimme entgegnen: «Tät ich gern, wenn ich könnte». Und wenn die Stimme sagt: «Jetzt!», würden wir vielleicht zum Handy greifen, so wir eines dabei haben, und die Nummer 117 anrufen.

Franz Hohler, Jurypräsident

Quelle: Adi Bitzi, usgang.ch

Doch da kommt einer, der nicht auf die Vernunft hört und sich nicht die Chancen ausrechnet, sondern der nur auf diese Stimme hört, die ihm sagt: «Helfen! Jetzt!» und stellt sich dazwischen, ganz allein, kassiert ebenfalls Schläge, aber die Prügler sind irritiert und ziehen ab.

Die Polizei ist inzwischen von einem andern Zeugen alarmiert worden und rückt an, der Helfer, auch er jung und kräftig, geht seines Weges. Glück gehabt, könnte man sagen, aber nun trifft er zu seinem Pech etwas später wieder auf die Gruppe, denen er in ihr tristes Handwerk gepfuscht hat, und diese Gruppe rächt sich an ihm, dem Spielverderber, und richtet ihn ebenso übel zu wie die beiden, denen er geholfen hat.

Anzeige

Mit einer autistischen Behinderung gehört er zu den Schwächeren unter den Mitmenschen, und ausgerechnet der Schwächere ist es, der denen, die noch schwächer sind, zu Hilfe kommt, ausgerechnet der Schwächere ist es, der sich gegen die Stärkeren stellt.

loading...

Diese Geschichte einer bedingungslosen und fast aussichtslosen Tapferkeit hat die Jury des «Prix Courage» beeindruckt und berührt, und sie hat beschlossen, Herrn Marc Hoffmann den «Prix Courage» des Jahres 2010 zuzusprechen.

Das heisst nicht, dass wir nicht auch von der Courage der andern Kandidaten und Kandidatinnen beeindruckt waren, die alle auf ihre Art Besonderes und Aussergewöhnliches geleistet haben, sei es mit einer spontanen Tat, mit ihrem Einsatz für transparente und korrekte Bedingungen am Arbeitsplatz, mit ihrem Auftreten gegen Raser, oder mit ihrem unermüdlichen und bewundernswerten Engagement für den Religionsfrieden. Ich bitte Sie alle, schon Ihre Nomination als Würdigung und Auszeichnung anzusehen; in der Jury haben wir wie jedes Jahr sämtliche Fälle sorgfältig studiert und eingehend besprochen, und wir haben uns darüber gefreut, wie viele mutige Menschen es in unserm Land gibt.

Anzeige

Franz Hohler, 10. September 2010

Interview mit Marc Hofmann

Wie Marc Hofmann, Gewinner des Jurypreises, heute zu den Tätern steht und was er mit dem Preisgeld tun will.

 

Beobachter: Marc Hofmann, was ist das für ein Gefühl, als Held gefeiert zu werden?
Marc Hofmann: Das alles macht mich sehr stolz, sehr glücklich.

Beobachter: Sie wurden ja selbst schwer verletzt.Wie geht es Ihnen heute?
Hofmann: Sehr gut, die Verletzungen sind verheilt.

Beobachter: Konnten Sie das Geschehene auch verarbeiten?
Hofmann: Es beschäftigt mich eigentlich nicht mehr.

Beobachter: Sie haben keine Angst, wenn Sie nachts unterwegs sind?
Hofmann: Nein, überhaupt nicht.

Beobachter: Sie waren damals allein unterwegs, weil Sie zuvor eine Kollegin nach Hause gebracht hatten.
Hofmann: Ja, ich lasse nie eine Frau allein nach Hause gehen.

Beobachter: Wie hat Ihre Kollegin reagiert, als sie erfuhr, was Ihnen zugestossen war?
Hofmann: Sie ist ganz schön erschrocken. Und dann hat sie mich im Spital besucht.

Beobachter: Im Dezember beginnt die Gerichtsverhandlung gegen die Täter
Hofmann: Ja. Das macht mich ein wenig nervös.

Beobachter: Was haben Sie ihnen gegenüber für Gefühle?
Hofmann: Eigentlich gar keine. Sie sind mir egal.

Beobachter: Die jungen Männer sind zurzeit auf freiem Fuss. Haben sie sich je bei Ihnen gemeldet?
Hofmann: Nur einer, aber der ist nicht angeklagt, glaube ich. Er hat mir bald nach der Tat geschrieben, sich entschuldigt und erklärt, er werde die Sachen bezahlen, die beim Überfall kaputtgegangen waren. Er war wahrscheinlich nur ein Mitläufer.

Beobachter: Die Anklage lautet auf versuchten Mord. Können Sie sich erklären, warum Jugendliche überhaupt so etwas tun – grundlos einen Menschen verprügeln?
Hofmann: Nein. Aber wahrscheinlich ist das für die eine Art Spass. Vielleicht waren sie auch betrunken oder hatten sonst etwas genommen.

Anzeige

Beobachter: Wurde Ihnen neben all dem Lob auch einmal gesagt, es sei unvorsichtig gewesen, sich einzumischen? Die Polizei rät ja davon ab, bei Schlägereien dazwischenzugehen.
Hofmann: Ja, das schon.

Beobachter: Hatten Sie keine Angst um Ihre Gesundheit?
Hofmann: Nein. Vielleicht ein bisschen.

Beobachter: Sie würden trotz allem wieder gleich handeln?
Hofmann: Sicher. Ich bin einfach so. Ich helfe gern. Das ist meine Art.

Beobachter: Haben Sie schon Pläne, was Sie mit den gewonnenen 25'000 Franken machen werden?
Hofmann: Die Skulptur kommt zu meinen Fussballmedaillen. Und mit dem Geld werde ich ein Sofa kaufen. Und vielleicht ein paar Tage verreisen – nach England oder Spanien.

Beobachter: Warum gerade dorthin?
Hofmann: Dort war ich schon mal, und es war schön.