Esther Wyler und Margrit Zopfi wollten alles richtig machen. Und sie standen auf der richtigen Seite, auf der Seite der Schwachen. Auf der Seite jener, die in diesen wirtschaftlich gnadenlosen Zeiten keine Chance haben, sich selber durchzubringen und auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Sie haben geglaubt daran, dass das Zürcher Sozialamt nur das Beste macht und jenen hilft, die Hilfe brauchen. Bis sie entdeckt haben, dass einiges nicht gut war. Dass es Bezüger gibt, die zu Unrecht Geld kassieren. Und damit jenen schaden, die tatsächlich Hilfe brauchen. 

Sie haben ihre Vorgesetzten informiert, sie haben verlangt, genauer hinzusehen. Aber es ist nichts passiert. Die Tatsache, dass es Leute gibt, die die Sozialhilfe systematisch missbraucht haben, ist unter den Tisch gewischt worden. Weil der Auftrag der Sozialhilfe so unbestritten ist, so zentral für eine solidarische Gesellschaft, konnte nicht sein, was nicht sein durfte. 

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Esther Wyler und Margrit Zopfi wussten nicht mehr weiter. In ihrer Verzweiflung haben sie der Weltwoche anonymisierte Beweise für Missbrauchsfälle zugespielt. Die Folgen sind bekannt: Sie wurden am Arbeitsplatz verhaftet und verloren ihren Job. Der Fall hat grosse Wellen geschlagen. Parteien von links bis rechts haben Position bezogen, Untersuchungskommissionen wurden eingesetzt, Schuldige gesucht, die Welt in Gut und Böse eingeteilt.

Andres Büchi, Chefredaktor Beobachter

Quelle: Adi Bitzi, usgang.ch
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Auch Margrit Zopfi und Esther Wyler hat man schwerste Vorwürfe gemacht. Sie hätten das Amtsgeheimnis verletzt, die Sozialhilfebezüger generell in Misskredit gebracht.

Das Gegenteil ist der Fall. Je sauberer, je klarer und fairer eine Sozialhilfe funktioniert, desto besser ihr Ruf und desto kleiner das Stigma, das jeder Geldbezüger fürchtet, nämlich jenes, bloss ein arbeitsfauler Profiteur zu sein. Arbeitslosigkeit kann jedem passieren. Eine möglichst fehlerfreie Sozialhilfe ist der beste Garant dafür, dass Sozialhilfe zu beziehen kein Begriff wird, für den man sich schämen muss.

Wenn man überzeugt ist von einer Sache, wenn man daran glaubt, auf der richtigen Seite zu kämpfen, und plötzlich erkennen muss, dass trotz aller guten Absichten längst nicht alles gut ist, kostet es Mut, diese Punkte zu benennen. Es kostet Mut, weil man leicht den Stempel des Verräters an einer guten Sache kriegt.

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Margrit Zopfi und Esther Wyler haben trotzdem gehandelt. Nicht weil es einfach war, sondern weil es richtig war. Weil erst Kritik auch Gutes noch besser macht. Weil Wahrheiten ausgesprochen werden müssen, auch wenn sie weh tun. Wir brauchen Leute, die den Mut dazu haben. Es ist der Mut, den wir auch von unsern Politikern wünschen. Es ist ein Mut, den unsere Leserinnen und Leser mit dem Publikumspreis würdigen.

Andres Büchi, Chefredaktor Beobachter

Interview mit Margrit Zopfi und Esther Wyler

Weshalb der Publikumspreis für Margrit Zopfi und Esther Wyler mehr ist als eine nette Geste.

 

Beobachter: Die Leserinnen und Leser des Beobachters haben Ihnen den Prix Courage verliehen. Was bedeutet Ihnen der Preis?
Esther Wyler: Es berührt mich, dass so viele Menschen hinter uns stehen. Das ist eine ganz wichtige moralische Unterstützung. Die Sache ist ja noch nicht ausgestanden. Die Zürcher Stadtregierung verlangt nach wie vor, dass wir wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt werden.

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Beobachter: Sie hatten Missstände bei der Vergabe von Sozialhilfegeldern publik gemacht und dazu anonymisierte Fälle einem Journalistenübergeben. Warum sind die Missstände nicht behoben worden, bevor sie öffentlich wurden?
Margrit Zopfi: Wir hatten unsere Kritik wiederholt bei Vorgesetzen vorgebracht. Ohne Erfolg. Es mangelte in der Führungsetage schlicht am Willen, Fehler einzugestehen und daraus zu lernen. Kritische Stimmen wurden abgeblockt, Missbrauchsfälle unter den Teppich gekehrt. Auch deswegen hatten Sozialarbeiter kaum ein Interesse, Hinweisen selber nachzugehen.
Esther Wyler: Wir arbeiteten ja beide über zehn Jahre im Sozialamt. Irgendwann wird es eine persönliche Frage, ob man weiter schweigen will. Es ging ja nicht um eine kleine Firma, die man hätte verlassen können, weil sie unprofessionell arbeitet. Es ging um eine wichtige soziale Institution, die mit Steuergeldern bezahlt wird.

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Beobachter: Sie wurden verhaftet, fristlos entlassen und angeklagt. Ein hoher Preis. Hat es sich gelohnt?
Esther Wyler: Auf jeden Fall. Heute ist es kein Tabu mehr, Sozialhilfebezüger bei Verdacht strenger zu kontrollieren. Es ist auch weitgehend unbestritten, dass der Kampf gegen Missbräuche kein Kampf gegen die Sozialhilfe ist. Vielmehr profitieren gerade diejenigen davon, die tatsächlich auf Hilfe angewiesen sind.
Margrit Zopfi: Zwischendurch gibt es auch Zweifel an diesem Fortschritt. Im Beobachter unterstellte uns kürzlich die Zürcher SP-Co-Präsidentin Beatrice Reimann, wir hätten eigene Frustrationen auf Kosten von Menschen ausgebadet, die Sozialhilfe empfangen. Unsere Kritik richtete sich immer gegen ein System, das Missbräuche ermöglicht. Ich wüsste nicht, welchem rechtmässigen Sozialhilfebezüger wir geschadet hätten.

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Beobachter: Sie waren eineinhalb Jahre arbeitslos. Wie haben Sie wieder Tritt gefasst?
Esther Wyler: Wir schrieben weit über hundert Bewerbungen. Es schien unmöglich, mit einem laufenden Verfahren eine Stelle zu finden. Das war eine ganz schwierige Zeit. Wir mussten befürchten, selber von Sozialhilfe abhängig zu werden. Mittlerweile hat es aber geklappt, wir arbeiten beide wieder.

Über den Prix Courage

Der Prix Courage des Beobachters wird seit 1997 verliehen. Er zeichnet besonders charaktervolle und mutige Frauen und Männer aus, die bei Fehlverhalten und Übergriffen couragiert eingreifen, die eigene Risiken oder Nachteile in Kauf nehmen, um Menschen zu Hilfe zu eilen, oder die sich selbstlos für eine offene, solidarische und gerechte Schweiz einsetzen – die «Heldinnen» und «Helden» des Alltags. Der Prix Courage besteht aus einem Jurypreis und einem Publikumspreis.