Klassische Helden sind Lebensretter. Rolf Sigg ist ein Sterbehelfer. Trotzdem - oder gerade darum - ist er auch ein Held. Denn jemanden auf dessen eigenen Wunsch zu erlösen von ausweglosem Leiden ist etwas zutiefst Menschliches. Und doch braucht ein solches Handeln Mut, weil Rolf Sigg als Pfarrer dafür ein Tabu in seinen eigenen Reihen brechen musste. Weil jede Sterbehilfe immer als Eingriff gegen das Leben, gegen Gott gesehen werden kann.

Aber wer kennt die uns bestimmte Lebensuhr? Wer legt fest, wann unsere Zeit abgelaufen ist? Genauso wie wir es dankbar annehmen, dass die heutige Medizin viele Todkranke heilen und ihnen zu einem glücklichen zweiten Leben verhelfen kann, müssen wir akzeptieren, dass auch die beste Medizin in besonders schweren Fällen machtlos ist. Sie kann den Leidenskampf eines Patienten höchstens noch verlängern.

Die Nächstenliebe gebietet es, in solchen Fällen den Wunsch des Patienten nach einer eigenen Entscheidung zum höchsten Gut zu machen.  Genau dafür kämpft Rolf Sigg seit 1985. Als Gründungsmitglied von Exit, als Pfarrer, der Sterbenden Halt gibt und sie auch auf dem letzten Gang begleitet.

Immer wieder wurde er angefeindet. Die Presse nannte ihn «Todesengel», er verlor sein Amt als Pfarrer in Grenchen, und er wurde viermal verhaftet, gerade so, als hätte er ein Verbrechen begangen.

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Zu stark ist das Wort «töten» mit etwas Verwerflichem verbunden. Dabei geht vergessen: Es ist ein Akt der Selbstbestimmung, wenn ein Mensch in einer ausweglosen Krankheit, ohne Hilfe auf Besserung, sich bewusst entscheidet für den Abschied aus dem Leben.

Der Freitod ist ein Menschenrecht. Es kann nicht Aufgabe des Staates oder irgendeiner Kirche sein, dem Bürger vorzuschreiben, wie er zu leben und wie er nicht zu sterben hat. Jeder muss das vor sich selbst und seinem Gewissen verantworten. Präventivmediziner Felix Gutzwiller sagt dazu: «Der urteilsfähige Bürger darf nicht daran gehindert werden, sich das Leben auf für ihn würdige Weise zu nehmen. Praktisch bedeutet das, dass der Staat in diesem Fall den Zugang zum würdigen Sterbemittel gewährleisten muss.»

Dass solche Sätze heute in der Schweiz möglich sind, ist auch das Verdienst von Rolf Sigg.  Mit grosser Zustimmung hat die Leserschaft des Beobachters auf die Nomination von Rolf Sigg reagiert. Nicht so sehr, weil er ein klassischer Held ist, sondern weil er ein Pfarrer ist, der die Nächstenliebe so versteht, dass sie keine Dogmen hochhält, sondern hilft, den letzten und innigsten Wunsch von Schwerstkranken zu erfüllen, den Wunsch, in Würde zu sterben.

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Es ist Dankbarkeit, die aus vielen Leserbriefen zu spüren ist. Dankbarkeit für die Möglichkeit, das eigene Leben im schlimmsten Fall abschliessen zu dürfen, selbstbestimmt und friedlich. Dankbarkeit für den Notausgang, den Rolf Sigg den Menschen eröffnet hat.

Der Kampf für dieses Menschenrecht ist ein Akt der Zivilcourage, den die Leserinnen und Leser des Beobachters mit dem Publikumspreis des Prix Courage honorieren.

Quelle: Adi Bitzi
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