Quelle: Christian Schnur

Beide Augen zudrücken, einen Strich ziehen unter das Ganze und vor allem: schweigen. So hätten sie das gern gehabt, jene Lokal­fürsten des deutschsprachigen Oberwallis, die es mit Gesetzen nicht allzu genau ­nehmen, die sich Vorteile erschummeln und Sonderrechte ermauscheln. Doch Kurt Marti schwieg nicht. Als Redaktor der linken Oberwalliser Zeitung «Rote Anneliese» stocherte er zehn Jahre lang in den zuweilen trüben Gewässern der Lokalpolitik – und prangerte unerschrocken Machtmissbrauch, Parteifilz und Korruption an. Schrieb über den Polizeichef, der sich an einer 13-Jährigen ver­gangen hatte und von oben gedeckt wurde. Über den ­Gemeindepräsidenten mit seinen grössenwahnsinnigen Bauprojekten, der ­Kritiker massiv einschüchterte. Über den Betreibungsbeamten, der Geld abzweigte und auf das Stillschweigen eines Parteifreunds in der Kantonsregierung vertrauen konnte.

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Marti wurde für seine Artikel mehrmals vor Gericht gezerrt, doch seine Recherchen waren stets sauber. Den letzten Prozess wegen übler Nachrede gewann er 2010 vor Bundesgericht, danach hörte der heute 53-Jährige bei der «Anneliese» auf; zu sehr hatte der Job an ihm gezehrt. Längst hatte Marti – der Bauernsohn aus dem Goms, der seine Sommer bis zum Physik- und Philosophiestudium kühemelkend auf Alpen verbracht hatte – das Etikett des «Nestbeschmutzers» um­gehängt bekommen. Er war zur Reizfigur des politischen Establishments geworden, zum Aussenseiter.

Doch Marti schweigt auch jetzt nicht, wo er wieder als freier Journalist arbeitet. Im ­vergangenen Jahr zog er über ein Dutzend seiner «Anneliese»-Artikel wieder hervor, beschrieb ihre Entstehungsgeschichte, ­aktualisierte sie und veröffentlichte sie in seinem Buch «Tal des Schweigens». Als Plädoyer für eine kritische, aufmerksame Öffentlichkeit, die den staatlichen Institutionen auf die Finger schaut – nicht nur im Oberwallis.

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