Die Aareschwelle wäre der sichere Tod für das Kind – Marc Kormann mobilisiert alle Kräfte, um den Kinderwagen in Richtung Notausstieg zu zerren. Es ist der zweitletzte vor der Schwelle. Die Strömung ist heftig an ­diesem Tag. «Der Kinderwagen oder ich komme hier aus dem Wasser», das ­realisiert der Berner Polizist.

Eine Viertelstunde zuvor ist der ­Notruf eingegangen: Ein Kinder­wagen mit einem zweijährigen Mädchen sei in die Aare gestürzt. Kormann, 40, und sein Kollege, ­gerade in der Nähe, stellen sich am Fluss auf. Kurz darauf sehen sie den Wagen – mit den Rädern nach oben im Wasser. Kormann, einst Triathlet, springt in den 15 Grad kalten Fluss. Kräftig crawl­end, schafft er es zum Wagen, trotz der Strömung kann er ihn umdrehen. Das Mädchen sitzt fest­geschnallt und leblos darin. Kormann schafft es zum Notausstieg, seine Kollegen können den Wagen fassen. Er selbst lässt los, um die Rettung des Kindes nicht zu gefährden.

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Der Fluss reisst ihn weiter. Eine Nottreppe trennt ihn noch von der Schwelle. «Im schlimmsten Fall versuche ich mich über die Schwelle treiben zu lassen», schiesst es ihm durch den Kopf. Doch er hat grosses Glück, bei der Treppe reicht ihm ein Passant die Hand und zieht ihn zum Ufer.

Grosses Glück hat auch das Mädchen. ­Obwohl die Kleine minutenlang unter Wasser war, können die Sanitäter sie reanimieren. Nach einer Woche im Spital darf sie nach Hause – bis jetzt sind keine Spät­folgen feststellbar. Mit dem grossen Echo, das seine Tat im September 2013 auslöste, hätte Kormann nie gerechnet. «Es waren noch viele andere an der Rettung beteiligt, wir haben als Team gehandelt», sagt er.

Auch Kormanns neunjährige Tochter ist stolz, dass ihr Papa dem kleinen Mädchen das Leben gerettet hat. Allerdings möchte sie nicht, dass er sich noch einmal so in ­Gefahr bringt.

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