Anne-Marie Rey, 76, lässt viel über sich ­ergehen: Beschimpfung in öffentlichen ­Diskussionen, Schmähbriefe, mitunter sogar Morddrohungen. Erzkonservative werfen ihr vor, sie habe zahllose «kindliche Leben» auf dem Gewissen, weshalb sie dereinst in der Hölle schmoren werde. Der Grund: Anne-Marie Rey engagiert sich seit 40 Jahren für das Recht der Frau auf Selbstbestimmung.

Die jüngste Welle von Angriffen ­erlebte sie Anfang Jahr, als christlich-konservative Kreise mit der Initiative «Abtreibungsfinan­zierung ist Privat­sache» den straflosen Schwangerschaftsabbruch ­einmal mehr in Frage stellten. Rey erduldet den Hass, seit sie 1971 ins erste Initiativkomitee für einen straf­­losen Schwangerschaftsabbruch kam. Seither engagiert sie sich an vorderster Front und war mass­geblich am Erfolg beteiligt, als vor zwölf Jahren die Fristenregelung 72 Prozent ­Ja-Stimmen an der Urne erzielte.

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Sie sei vor 40 Jahren ziemlich unbedarft in dieses Thema hineingerutscht, sagt sie. Anne-Marie Rey war Hausfrau und Mutter dreier Kinder. Geprägt hatte sie ihr Vater, der als Gynäkologe schon in den vierziger Jahren Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt hatte. Zu Zeiten, als sich Tausende Frauen noch Pfuschern anvertrauen mussten statt Fachleuten. Etliche bezahlten die Quacksalbermethoden mit dem Tod. Rey selbst trieb als 26-Jährige ab, weil sie trotz Verhütung schwanger geworden war.

Eine Abtreibung ist heute kein Tabu mehr. Trotzdem kämpft die Bernerin weiter. Der missiona­rische Eifer der Abtreibungsgegner macht sie zwar noch immer wütend. «Aber ich schlucke den Ärger runter.»  Sie ist überzeugt: «Ein Kind zu gebären soll ein freier Entscheid, Erfüllung und Freude sein, nicht einfach biologisches Schicksal, das erduldet werden muss.»

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