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Prix Courage 2009Kämpferische Nonne und mutiger Lebensretter

Die Ursulinen-Nonne Marie-Rose Genoud ist Preisträgerin des diesjährigen Prix Courage. Der Publikumspreis geht an den 14-jährigen Lebensretter Damiano Saitta.

Die im Kloster Sitten wohnhafte 70-jährige Marie-Rose Genoud kämpfte über zehn Jahre gegen die Walliser Kantonsregierung, die Asylbewerbern jeden Monat zehn Prozent vom Lohn abzog − als vorgezogene «Schuldenrückzahlung», sollten sie einmal von der Sozialhilfe abhängig werden. Dies obwohl bereits der Bund einen Betrag zur Rückerstattung von Fürsorgeleistungen einzieht. Asylbewerber im Wallis wurden also doppelt zur Kasse gebeten.

Bis zum höchsten Gericht

Gegen diesen Missstand kämpfte Marie-Rose Genoud bis vor Bundesgericht an. 2008 erhielt sie definitiv Recht. Zwar räumte die Walliser Regierung bereits 2004 Fehler ein. Als sie das mittlerweile an den Bund weitergeleitete Geld zurückfordern wollte, lehnte der damalige Justizdirektor Christoph Blocher ab; die Asylbewerber hätten gesetzliche Rekursfristen nicht eingehalten. Jetzt sollen die Betroffenen vom Kanton Wallis doch noch entschädigt werden.

«Die Jury hat alle Fälle eingehend studiert und sich entschieden, den diesjährigen Prix Courage an Schwester Marie-Rose Genoud zu vergeben», erklärte Jurypräsident Franz Hohler in seiner Laudatio. «Dass eine Nonne der Regierung eines Kantons beibringen muss, was geltendes Recht ist, ist ungewöhnlich, und wenn ein abschliessender Expertenbericht feststellt, die Abzüge vonseiten des Kantons seien falsch gewesen, jedoch ‹nicht aus bösem Willen geschehen›, sieht man nur, wie dringend nötig Menschen mit gutem Willen sind, die bereit sind, diesen Willen auch gegen alle Widerstände durchzusetzen.» Der mit 25'000 Franken dotierte Jurypreis wird jährlich von der Zeitschrift Beobachter verliehen.

Laudatio Prix Courage 2009

Jurypräsident Franz Hohler mit Prix-Courage-Preisträgerin Marie-Rose Genoud
Quelle: Christian Schnur

Gewinner des Publikumspreises

Für den mit 10'000 Franken dotierten Publikumspreis wählten die Leser der Zeitschrift Beobachter den 14-jährigen Damiano Saitta aus Riedholz SO: Der sportliche Teenager rettete ein Mädchen vor dem Ertrinken. Als Saitta an einem schönen Junitag bei der Einmündung der Siggern in die Aare im solothurnischen Flumenthal sein Badetuch auslegen will, hört er Hilferufe: «Mami! Mami!» Er sieht, wie eine Frau versucht, ein Mädchen aus dem Fluss zu retten. Die Strömung hat das Kind in die Aare hinausgerissen, als es im knietiefen Wasser spielte. Doch die Mutter gerät selber in Not und muss ihre Tochter loslassen. «Immer wieder tauchte ihr Kopf unter», erinnert sich Damiano Saitta. Er alarmiert die Polizei, rennt los und springt in die Aare. Mit ein paar kräftigen Schwimmzügen gelangt er zum Mädchen: «Sie hat sich sofort an mich geklammert», sagt der Untergymnasiast. Es gelingt ihm, mit dem Kind ans Ufer zu schwimmen.

«Ich kann doch nicht zuschauen»

Ohne die beherzte Tat des jungen Burschen wäre das Mädchen sehr wahrscheinlich ertrunken. War Damiano Saitta nicht bewusst, dass eine solche Rettung gefährlich ist? «Ich habe mir das nicht überlegt», sagt er. «Aber ich würde es wieder machen, ich kann doch nicht zuschauen, wie jemand ertrinkt.» 

«Damianos Tat setzt ein wichtiges Zeichen», erklärte Beobachter-Chefredaktor Andres Büchi an der Preisverleihung. «Wir brauchen Leute, die handeln, wo man auch wegschauen kann. Wir brauchen Leute, die bereit sind, ein Risiko einzugehen, wo andere noch zögern. Damianos Tat kann auch anderen Mut machen: Mut, in entscheidenden Phasen an ihre Möglichkeiten zu glauben und über sich hinauszuwachsen.»

Laudatio Publikumspreis 2009

Beobachter-Chefredaktor Andres Büchi mit dem Publikumspreisträger Damiano...

Über den Prix Courage

Der Prix Courage des Beobachters wird seit 1997 verliehen. Er zeichnet besonders charaktervolle und mutige Frauen und Männer aus, die bei Fehlverhalten und Übergriffen couragiert eingreifen, die eigene Risiken oder Nachteile in Kauf nehmen, um Menschen zu Hilfe zu eilen, oder die sich selbstlos für eine offene, solidarische und gerechte Schweiz einsetzen – die «Heldinnen» und «Helden» des Alltags. Der Prix Courage besteht aus einem Jurypreis und einem Publikumspreis.

Veröffentlicht am 11. September 2009