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Prix Courage 2013 - PreisverleihungPrix Courage für Opfer behördlicher Willkür

Ein Gruppe von «administrativ Versorgten» werden mit dem Prix Courage 2013 ausgezeichnet. Der Publikumspreis geht an einen Journalisten, der unermüdlich Missstände aufdeckt.

(von links nach rechts:) Andres Büchi (Beobachter Chefredaktor), Urs Hulliger, Lorenzo Querci, Bozena Domanska, Jean-Louis Claude, Julius Schulthess, Ursula Biondi, Kurt Marti, Bernadette Gächter und stellvertretend für Walter Emmisberger seine Gattin Morena Emmisberger.
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Walter Emmisberger aus Fehraltorf, Ursula Biondi aus Zürich, Jean-Louis Claude aus Genf und Bernadette Gächter aus Altstätten/SG werden vom «Beobachter» mit dem Prix Courage 2013 ausgezeichnet. Alle vier wurden als Kinder und Jugendliche Opfer behördlicher Willkür. Ihre Einzelschicksale stehen exemplarisch für immenses persönliches Leid. Der Publikumspreis 2013 wird dem Journalisten Kurt Marti für seine Aufdeckung von Machtmissbrauch und Korruption im Wallis verliehen.

Die Gewinner des mit 25‘000 Franken dotierten 16. Prix Courage stehen fest. Die Jury unter dem Vorsitz von Ständerätin Pascale Bruderer zeichnet damit Walter Emmisberger, Ursula Biondi, Jean-Louis Claude und Bernadette Gächter aus. Als Kinder und Jugendliche wurden sie fremdplatziert, galten in den Augen der Behörden als «arbeitsscheu» oder führten angeblich ein «liederliches Leben». Walter Emmisberger kam im Gefängnis zur Welt, wurde von seinen Pflegeeltern verprügelt, missbraucht und eingesperrt. Ursula Biondi wurde ohne jegliche Verurteilung durch ein Gericht zur «Nacherziehung» ins Frauengefängnis Hindelbank gesteckt und Jahre später noch als «Knaschti» verspottet.

Jean-Louis Claude kam als Kind zu einem Bauern, wo er wie ein Tier gehalten wurde. In einem Waisenhaus wurde er später mehrfach sexuell missbraucht, von Angestellten, Priestern und selbst vom Direktor. Bernadette Gächter war 18, als sie schwanger wurde. Ihr ungeborenes Kind wurde abgetrieben, sie selbst gegen ihren Willen sterilisiert. Die Psychiatrie stufte sie als «geistesgestört» ein. Alle vier Preisträger traten mit ihren persönlichen und teils sehr intimen Erlebnissen an die Öffentlichkeit und legten so stellvertretend für unzählige andere Betroffene beschämende Einzelbeispiele für behördliche Willkür und deren Folgen offen. Diesen Frühling bat Bundesrätin Simonetta Sommaruga offiziell alle ehemaligen Verdingkinder und Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im Namen der Schweizer Regierung um Entschuldigung.

Der Preis wurde den Gewinnern am Freitagabend in festlichem Rahmen überreicht. Jurypräsidentin Pascale Bruderer zu den Preisträgern: «Die schwierige Frage, was Zivilcourage im Kern ausmacht, haben Sie auf Ihre Art und Weise beantwortet: nicht mit Worten, sondern mit Taten. Der diesjährige Prix Courage geht an Sie – aber nicht ausschliesslich an Sie, sondern auch an viele Tausende weitere ehemalige Verdingkinder und Opfer behördlicher Gewalt.» Zudem verband sie in ihrer Laudatio den Prix Courage mit drei wichtigen Botschaften: «Erstens: Der Preis soll Mut belohnen. Den Mut von Menschen, die in ihrem Innersten, nämlich in ihrer Würde, verletzt wurden. Den Mut von Menschen, die ihres Ichs beraubt wurden. Zweitens: Der Preis ist Ausdruck unseres Respektes. Wir haben grossen, tiefen, ehrlichen Respekt vor Ihnen als Menschen. Mit Ihren Worten geben Sie auch jenen Opfern behördlicher Willkür eine Stimme, die über das Erlebte noch nicht oder nicht mehr reden können. Drittens: Der Preis ist auch ein Aufruf an die Gesellschaft. Die bisherigen Bestrebungen können nur ein Anfang sein, der Weg der gesellschaftlichen Aufarbeitung muss weiter, viel weiter führen.»

Kurt Marti gewinnt Publikumspreis

Beide Augen zudrücken und schweigen war nicht seine Sache. Der Journalist Kurt Marti nannte Namen und deckte in der linken Zeitung «Rote Anneliese» unerschrocken Machtmissbrauch, Parteifilz und Korruption auf. Er wurde deswegen mehrfach vor Gericht gezerrt und als «Nestbeschmutzer» diffamiert. Marti hörte 2010 bei der «Roten Anneliese» auf, aber er schweigt auch jetzt nicht, wo er wieder als freier Journalist arbeitet. Viele seiner Artikel veröffentlichte er unlängst in seinem Buch «Tal des Schweigens». Für seine unbeirrbare Haltung wurde Kurt Marti von den Leserinnen und Lesern des «Beobachters» mit dem Publikumspreis des Prix Courage in der Höhe von 10‘000 Franken ausgezeichnet.

Dazu Andres Büchi, Chefredaktor des «Beobachters»: «Er selber sagt von sich, er sei nur ‹Stellvertreter der Bürgerinnen und Bürger› im Kampf um Gerechtigkeit. Doch er ist mehr als das. Er hat Zivilcourage bewiesen, weil er persönliche Anfeindungen und Nachteile in Kauf nahm, weil er den Mut hatte, unbequem zu sein, weil er eine Haltung zeigte, die für demokratische Werte steht. Die Auszeichnung für Kurt Marti zeigt, dass sich die Menschen einen Journalismus wünschen, der seine Aufgabe als vierte Gewalt wahrnimmt und den Mächtigen auf die Finger schaut, auch gegen alle Widerstände. Sie wollen einen Journalismus, der tiefer bohrt, Missstände entlarvt, korrigierend wirkt und Zivilcourage beweist, so wie Kurt Marti es getan hat.»

Über den Prix Courage

«Die Schweiz braucht Leute, die handeln, wo Zuwarten andere gefährdet, die laut werden, wo Schweigen Unrecht verdeckt, die ehrlich sind, wo Lügen leichter fiele», sagt Andres Büchi,  Chefredaktor des «Beobachters». Diese Menschen gibt es. Der «Beobachter» möchte ihnen Aufmerksamkeit und Anerkennung schenken und verleiht deshalb seit 1997 den Prix Courage, den Preis für ausserordentliche, mutige Taten. Jedes Jahr nominiert die Beobachter-Redaktion verschiedene Personen oder Organisationen, die ihr Handeln einem höheren Ziel unterordnen als dem eigenen Vorwärtskommen. Preiswürdig sind Projekte und Taten, aber auch langfristiges Engagement oder das Lebenswerk einer Person in oder aus der Schweiz.

Veröffentlicht am 09. September 2013

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1 Kommentar

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Verena Lobsiger
Selbstbestimmungsprojekt Gibt jeder zur Zeit jeder Bürger und jeder Tourist, der in der Schweiz verweilt, einenen Franken in den Selbststeuerungsfond, erhalten wir pro Tag 8,5 Mio. In 125 Tagen eine Milliarde. Alle finden meine Idee sehr gut, aber an der Umsetzung hapert es, deshalb frage ich Sie mal ,ob nicht einmal der Versuch mit Glückskette der Weg wäre.