Kaum hatte Pascale Bruderer, die Jurypräsidentin des Prix Courage, die Gewinner verkündet, lagen sich Shqip­rim Olluri, 16, Dines Dzaferi, 16, und Ramon Amrhein, 17, in den Armen. Die drei Freunde hatten im August 2011 bei Diessenhofen TG einen Familienvater aus dem Rhein gezogen und ihn vor dem sicheren Tod bewahrt. Für diese Tat wurden sie mit dem Jury­preis des Prix Courage ausgezeichnet – dieser ist mit 25'000 Franken dotiert.

«Hut ab, Shqiprim, Ramon und ­Dines. Ihr dürft wirklich stolz sein. Auf eure Tat, aber auch darauf, dass ihr der hilfsbereiten und verantwortungsbewussten Jugend ein Gesicht gebt – mit eurem Einsatz, eurer Einstellung, eurem Engagement», lobte die Jurypräsidentin Pascale Bruderer.

Die Leserinnen und Leser des Beobachters erkoren mit Rolf Sigg einen Preisträger, der sein Leben dem Kampf für ein selbstbestimmtes Sterben gewidmet hat. «Ich hätte nicht gedacht, dass ich für meinen Einsatz einmal einen solch be­deutenden Preis erhalten würde», sagte der 95-jährige Pfarrer bei der Übergabe des mit 10'000 Franken dotierten Publikumspreises. «Rolf Sigg ist ein Held», sagte Beobachter-Chefredaktor Andres Büchi in seiner Laudatio. ­Jemanden auf dessen eigenen Wunsch von ausweglosem Leiden zu erlösen sei etwas zutiefst Menschliches.

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Den Rahmen für die 15. Vergabe des Prix Courage bildete eine Gala mit Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur sowie zahlreichen Showacts. Darunter Kabarettist Lorenz Keiser und Musiker Andreas Vollenweider. «Es nervt mich, wenn jemand sagt: ‹Die Welt geht unter, und niemand tut etwas›», so Vollenweider. Der Prix Courage des ­Beobachters zeige, dass das Gegenteil wahr sei: «Es gibt unglaublich viele ­Leute, die Unglaubliches leisten.»

Die Teenager Ramon Amrhein, Shqiprim Olluri und Dines Dzaferi haben einen Mann vor dem Ertrinken gerettet und dafür den Prix- Courage-Jurypreis gewonnen. Sie finden, alle anderen Kandidaten hätten ihn ebenso verdient.

Quelle: Adi Bitzi
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Beobachter: Seid ihr überrascht, dass eure Tat mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde?
Shqiprim: Überrascht? Mann, als der Preis verkündet wurde, bekam ich Gänsehaut, und das Herz rutschte mir in die Hose.
Ramon: Ich dachte, auf den Publikumspreis hätten wir vielleicht Chancen, weil wir alle unsere Freunde gebeten hatten, für uns zu stimmen. Aber mit dem Jury preis hätte ich nie gerechnet.
Dines: Vor allem weil die anderen Kandidaten alle auch Unglaubliches geleistet haben. Der Taxifahrer zum Beispiel, der jemanden aus dem brennenden Auto ­rettete, den fand ich krass. Oder auch Rolf Sigg, der den Publikumspreis gewonnen hat. Der war echt mutig – nicht nur in einem bestimmten Moment, sondern über längere Zeit.
Shqiprim: Ja, eigentlich hätte jeder der Kandidaten diesen Preis verdient.

Beobachter: Was macht ihr mit dem Preisgeld?
Ramon: Ich hab vor ein paar Wochen die Lehre als Tierpfleger begonnen und verdiene im Monat ein paar hundert Franken. Und jetzt bekomme ich auf einmal über 8000 Franken? Das ist viel Geld. Ich weiss noch nicht, was ich damit tue.
Shqiprim: Also, verpulvern werd ichs jetzt nicht. Ich legs erst mal auf die Bank.
Dines: Ich auch. Vielleicht spar ich für ein Auto oder so.

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Beobachter: Bei der Rettung waren andere anwesend, doch niemand hat gehandelt. Warum nicht?
Ramon: Die anderen Leute standen da wie erstarrt. Ich glaube, die wussten schlicht nicht, was tun. Die waren überrumpelt. Und vielleicht hofften sie, jemand anders würde helfen.
Dines: Ein paar von ihnen sagten uns später, sie hätten gedacht, der Mann sei ein Bekannter von uns und mache bloss Spass. Aber das ist eine seltsame Aussage. Jemand, der so um Hilfe ruft, macht doch keinen Spass.

Beobachter: Ihr dagegen habt kurzentschlossen gehandelt. Warum?
Shqiprim: Weil dieser Mann um Hilfe gerufen hat. Wir mussten einfach helfen. Wenn ich tatenlos zugesehen hätte, wie er langsam in den Fluten untergeht – ich hätte wahrscheinlich nie wieder ruhig einschlafen können.

Beobachter: Ihr seid mit 16 und 17 Jahren sehr junge Preisträger. Macht euch das stolz?
Ramon: Ja, auf jeden Fall. Manche Er­wachsene glauben, Jugendliche machten hauptsächlich Schwierigkeiten und sonst nichts. An unserem Beispiel sehen sie, dass junge Menschen eigentlich ganz in Ordnung sind. Manchmal sogar mutiger als Erwachsene.
Dines: Und vielleicht können wir für an dere Jugendliche sogar eine Art Vorbild sein. Damit sie sehen, dass es richtig ist und sich lohnt, auch einmal seinen ­ganzen Mut zusammenzupacken, wenns nötig ist.

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Rolf Sigg hat als Mitgründer der Sterbehilfeorganisation Exit von den Leserinnen und Lesern des Beobachters den Prix-Courage-Publikumspreis zugesprochen bekommen. Auch mit 95 Jahren kämpft er weiter für einen selbstbestimmten Tod.

Rolf Sigg, der Gewinner des Publikumpreises

Quelle: Adi Bitzi

Beobachter: Sie haben gerade den Publikumspreis erhalten. Wie fühlen Sie sich?
Rolf Sigg: Ich bin überwältigt, und es ist mir eine enorme Freude. Denn der Preis zeigt mir, dass die Sterbehilfeorganisa tion Exit heute bei einer grossen Zahl von Zeitgenossen positiv verankert ist. Das ist eine grosse Genugtuung für mich.

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Beobachter: Sie kämpfen seit über 30 Jahren für den selbstbestimmten Tod. Gab es Momente des Zweifels an Ihrem Engagement?
Sigg: Nein, ich war immer überzeugt, das Richtige zu tun. Menschen Leiden zu ersparen ist eine zutiefst humane Sache. Ich hätte im Gegenteil schon früher damit anfangen sollen.

Beobachter: Sind Sie erstaunt, dass Sie ausgerechnet den Publikumspreis gewonnen haben?
Sigg: Nein, denn das Thema geht viele, um nicht zu sagen jeden an. Und es ist aus meiner Sicht auch der wichtigere Preis, denn die Wertschätzung der Bevölkerung für Exit kommt beim Publikumspreis besser zum Tragen. All den vielen Menschen, die an Exit glauben und mich unterstützt und gewählt haben, möchte ich deshalb hier meinen Dank aussprechen.

Beobachter: Gab es auch negative Reaktionen auf Ihre Nominierung?
Sigg: Ich habe keine zu spüren bekommen. Im Gegenteil, es sind immer wieder Menschen auf mich zugekommen und haben gesagt, sie hätten für mich gestimmt.

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Beobachter: Gibt es etwas, was Sie aus heutiger Sicht hätten anders machen sollen?
Sigg: Ich hätte ruhig frecher auftreten können, wie es eigentlich meinem Naturell entspricht. Aber es war ja gar nicht klar, dass das Ganze so gut rauskommt.

Beobachter: Wissen Sie schon, was Sie mit den 10'000 Franken Preisgeld machen werden?
Sigg: Die Hälfte des Geldes möchte ich meiner Frau geben. Sie hat die ganze Zeit den Karren mitgezogen, hat mich in jeder Hinsicht unterstützt, teilweise auch gegen ihre Überzeugung. Dafür möchte ich ihr danken. Dann möchte ich 2000 Franken einem Mann geben, der seine Lehrtochter gegen ihren gewalttätigen Ehemann beschützt hat und damit selber Gefahr lief, an gegriffen zu werden. Wei­tere 2000 Franken möchte ich unter den Mitarbeitern von Exit International verteilen. Und die letzten 1000 Franken verputze ich selber.

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Beobachter: Sie sind heute 95 Jahre alt. Gibt es etwas, was Sie noch unbedingt erreichen wollen?
Sigg: Ich bin schon fünfundneunzigeinhalb! Und ja, es gibt etwas, was ich noch er reichen möchte: Ich möchte mich noch mehr mit jenen Menschen befassen, die mir wichtig sind.