Sehr geehrte Damen und Herren

Liebe Gäste

Im Namen des Beobachters und der Basler Mediengruppe heisse ich Sie recht herzlich willkommen zum diesjährigen Prix Courage. Ich freue mich darauf, mit Ihnen einen unvergesslichen Abend erleben zu dürfen. Zuvor müssen Sie jedoch noch mein Grusswort überstehen.

Es gibt immer wieder Ereignisse – frohe oder auch traurige –, die einen aufrütteln und zu grundlegenden Gedanken über die Zeit, in der wir leben, verleiten. Ich möchte Ihnen zwei – leider traurige – Ereignisse in Erinnerung rufen, bei denen es mir so ging.

Im Sommer des vergangenen Jahres starben im Saxetbach oberhalb Wilderswil im Berner Oberland 21 junge Menschen. Sie befanden sich auf einer Canyoning-Tour. Canyoning ist, wie Sie bestimmt wissen, eine neue, trendige Variante des Bergsports. Man bewegt sich abwärts kletternd, schwimmend respektive watend durch eine Schlucht talwärts. An jenem Tag im Juli entlud sich ein heftiges Gewitter im Einzugsgebiet des Saxetbachs, und eine ungeheure Walze aus Wasser, Geröll und Schlamm spülte die Opfer weg, teilweise bis in den Brienzersee hinaus. Wer die flache, breite Talebene bei Wilderswil kennt, kann ermessen, welche Gewalten am Werk gewesen sein müssen. Gegen die Verantwortlichen der Veranstalterfirma, Adventure World aus Wilderswil, die laut Medienberichten die Tour trotz Warnungen Einheimischer durchgeführt hatten, wurde ein Strafverfahren eingeleitet.

Im Frühjahr dieses Jahres starb ein junger Mensch auf dem Parkplatz bei Lauterbrunnen im Berner Oberland. Nicht bei einem Autounfall, sondern beim Bungee-Jumping, bei jener Trendsportart, bei der man sich, an einem Gummiseil befestigt, ins Leere stürzt. Der junge Mann wagte einen 100-Meter-Sprung, der zuständige Angestellte der Veranstalterfirma befestigte ihn jedoch irrtümlich am Seil für den 180-Meter-Sprung. Gegen die Verantwortlichen der Veranstalterfirma, Adventure World aus Wilderswil, wurde ein Strafverfahren eingeleitet.

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Daraufhin, man könnte auch sagen, erst daraufhin, deponierte Adventure World die Bilanz. Falls jemand unter Ihnen nun besorgt ist, weil er ebenfalls unbedingt im Berner Oberland Bungee-jumpen will: Ich kann Sie beruhigen. Auf meine telefonische Anfrage hin erklärte mir eine nette Auskunftsperson bei Berner Oberland Tourismus, dass Bungee-Jumping von mehreren Unternehmen angeboten wird. Allfälligen Interessenten gebe ich im Verlauf des Abends gerne die Telefonnummern bekannt.

Die Nachfrage ist also offensichtlich ungebrochen. Das scheint nur logisch, befinden wir uns doch im Zeitalter der Ich-Gesellschaft. Jener Gesellschaft, in der nur der Einzelne, das Individuum mit seinen Wünschen und seinen Bedürfnissen, zählt. Der Einzelne baut an seiner Ich AG und nimmt unter anderem teil an der marktwirtschaftlich durchorganisierten Spass- und Animierkultur, die von der Street-Parade bis zum Bungee-Jumping alles Denkbare anbietet. Für Herrn Ich AG sind auch viele dieser Trendsportarten erfunden worden, denn wenn er Abenteuer mit dem ultimativen Kick zu erleben wünscht, dann bitte subito, möglichst ohne eigene Anstrengung und, das scheint mir entscheidend, ohne Übernahme der Eigenverantwortung. Die wird gleichsam an der Garderobe des Veranstalters abgegeben. Instant-Abenteuer als Konsumgut, was scheren einen die Verhältnisse und Umstände, man hat bezahlt, jetzt aber hopp. Selbsterfüllung als Mass aller Dinge. Eine Einstellung, die es beileibe nicht nur bei Trendsportarten gibt, wie fairerweise anzufügen ist. Das Unbehagen, das einen bei der Betrachtung dieser Ich-Gesellschaft beschleicht, hat Kenneth Angst in der NZZ kürzlich ausgezeichnet beschrieben, klar und zugleich zurückhaltend. Dieser Zurückhaltung befleissige ich mich heute nicht, wie Sie gemerkt haben. Daher möchte ich klarstellen: Ich will hier nicht schwarz malen, ich will nicht generell Trendsportarten verteufeln, wenngleich ich Bungee-Jumping unnachahmlich dämlich finde. Ich gebe auch gerne zu, dass meine Sicht der Dinge etwas drastisch, zynisch oder jedenfalls konservativ wirken mag, sie ist es vermutlich auch. Dennoch: Die jungen, jetzt toten Menschen, die jetzt konkursite Firma und ihre bald angeklagten Verantwortlichen sind in gewissem Sinne Protagonisten und werfen ein Schlaglicht auf die Individualgesellschaft.

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Ein ausgeprägter Individualist ist aber auch der Beobachter. In der ersten Nummer im Jahre 1927 schrieb sein Gründer, Max Ras, der Beobachter tanze "nach niemandes Pfeife", und das gilt heute noch. Die Haltung des Beobachters, stets mit Rat und Tat auf der Seite des Einzelnen, des Individuums, verstärkt diesen Eindruck: ein ausgeprägter Individualist. Der Beobachter also als Zentralorgan der Ich-Gesellschaft? Mitnichten. Der Beobachter, und dies ist der entscheidende Unterschied, hat seine Verantwortung für das Ganze nie abgegeben und wird es nie tun. Und er unterstützt seine Leserinnen und Leser bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung, anstatt sie zur Delegation derselben an irgendeine andere Instanz zu verleiten. Er will dem Einzelnen ein selbstbestimmtes, mündiges Leben in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, kurz, in der Gemeinschaft unseres Landes ermöglichen. Denn keine Gesellschaft, sagt Marion Gräfin Dönhoff in ihrem Buch "Zivilisiert den Kapitalismus" zu Recht, kann ohne einen ethischen Minimalkonsens überleben. Wenn jeder nur seinem Egoismus frönt, dann löst sich die Gemeinschaft schliesslich auf, und unser Staatswesen kollabiert wie vor elf Jahren der real existierende Sozialismus.

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Für diesen Minimalkonsens jenseits der Ich-Gesellschaft steht der Beobachter und stehen besonders alle für den Prix Courage Nominierten.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.