Mit dem Prix Courage ehrt der Beobachter jedes Jahr Menschen, die mit selbstlosem Einsatz anderen geholfen haben. Leute, die keine Angst hatten, ihre eigenen Interessen, ihre Karriere oder gar ihr Leben zu riskieren für einen höheren Zweck. Leute, die in einem einzigen entscheidenden Moment über sich hinausgewachsen sind, um jemanden zu retten, oder die mit beharrlichem Kampf gegen einen scheinbar übermächtigen Apparat angetreten sind, um ein Unrecht zu beseitigen. Egal, was es sie selber kostete.

Die Ordensschwester Marie-Rose Genoud, 70 Jahre alt, kämpfte über zehn Jahre lang gegen Walliser Behörden, die Asylbewerbern zu viel Geld abknöpften. Sie zog bis vor Bundesgericht und bekam 2008 Recht und letzten Freitag dafür den Prix Courage.

Der 14-jährige Schüler Damiano Saitta rettete im Juni dieses Jahres im Kanton Solothurn ein zehnjähriges Mädchen aus den kalten Fluten der Aare vor dem Ertrinken. Sie, liebe Leserinnen und Leser, zeichneten ihn für diese Tat mit dem Publikumspreis des Prix Courage aus.

Wie die fünf anderen Nominierten helfen sie uns, selber mutiger zu werden. Denn Angst darf uns nicht lähmen, sie soll uns helfen. Dafür ist sie da.

Das Gefühl der Angst ist ein überlebenswichtiger Sicherungsmechanismus der Evolution, und es steuert – ob wir uns das eingestehen oder nicht – praktisch all unsere Handlungen, wie unsere Titelgeschichte belegt.

Ob wir zum Kopfsprung in einen Fluss ansetzen oder uns für eine neue Stelle bewerben, unsere Ängste sind ein entscheidendes Kriterium. Psychologen wissen: Jede Situation, jede Veränderung prüfen wir zuerst auf ihre Bedrohlichkeit. Erst dann ziehen wir den möglichen Nutzen und die Vorteile in Betracht. Das Muster ist in allen Lebewesen verankert, es ist der Erfolgsgarant jeder Spezies.

Die Schattenseite davon zeigt sich besonders deutlich in der beschleunigten Welt von heute, die uns immer schnellere Veränderungen aufzwingt. Globalisierung, Klimaerwärmung, Terrorgefahren nagen an unserem Grundvertrauen. Es dominieren ein generelles Misstrauen und eine diffuse Angst vor allem und jedem. Der Wiener Angstforscher Hans-Ulrich Wittchen spricht von einem «Zeitalter der eskalierenden Angst».

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Industrie, Politiker und Interessengruppen schüren Ängste, um ihre Ziele zu erreichen. Und die Medien spielen eifrig mit. Ein aktuelles Beispiel ist das Medikament Tamiflu und die Angst vor einer Grippepandemie. Verunsicherte Regierungen orderten die Pillen millionenfach, obwohl sie gegen die Krankheit kaum helfen. Durchschauen wir also die Mechanismen der Angstgesellschaft und fürchten wir uns nicht.