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Preis fürs Lebenswerk«Mir braucht man nicht zu danken»

Hannes Schmid bringt Hoffnung in den Slum von Phnom Penh. Dafür wird er mit dem Prix Courage «Lifetime Award» ausgezeichnet.

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Hannes Schmid im Video-Porträt.
von aktualisiert am 02. November 2018

Hannes Schmid wird heute mit dem Prix Courage Life Time Award ausgezeichnet. Mit seinem Hilfswerk «Smiling Gecko» zeigt der Schweizer Künstler in Kambodscha, wie die Entwicklungshilfe von morgen aussehen muss, damit sie funktioniert.

 

Beobachter: Hannes Schmid, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie hörten, dass Ihnen der «Beobachter Prix Courage Life Time Award» verliehen wird?
Hannes Schmid: Dieses Jahr ist ein spezielles, und durch diesen Preis wird es nun noch spezieller. Ich bin keiner, der auf solche Preise schielt oder gar mit ihnen kokettieren würde. Zuerst dachte ich einfach: super! Erst mit der Zeit wurde mir klar, was für eine grosse Auszeichnung das ist. So eine Ehre bestätigt einen. So ein Preis bestätigt einen, aber er stellt einen auch ins Rampenlicht. Wenn ich den Preis heute entgegennehme, stehe ich auch für all meine Mitarbeiter in der Schweiz und in Kambodscha auf der Bühne. Denn so etwa, das schafft man nicht allein. Mit all diesen Leuten möchte ich den Preis teilen, auch wenn sie heute nicht hier sind.

Ein Preis ist nicht nur retrospektiv: Er ist eine Anerkennung, aber auch eine Verpflichtung. 
Das muss ich mich ständig fragen: Ist das, was ich hier mache, ein Segen oder ein Fluch? Der Fluch ist die immense Verantwortung, die man trägt. Wenn man einmal die Grösse hat, die «Smiling Gecko» erreicht hat, gibt es kein Zurück mehr.

Wie viele Leute in Kambodscha leben heute schon von «Smiling Gecko»?
Etwa 8000. Und in absehbarer Zeit werden es noch viel mehr: Unser nächstes Projekt ist eine Reismühle. Ist sie gebaut, ernähren wir 50'000 Menschen, und die Kinder gehen zur Schule. Damit wächst aber auch der Druck: Ich kann Leute nicht aus den Slums von Phnom Penh holen, und wenn mir das Geld ausgeht, einfach so sagen: Geht doch für ein paar Jahre dorthin zurück, ins Elend, in den Dreck, in die Prostitution. Ich habe in ihr Leben eingegriffen, nun schulde ich ihnen eine Zukunft. Ihre Sorgen sind also meine Sorgen. 

 

Unser nächstes Projekt ist eine Reismühle. Ist sie gebaut, ernähren wir 50'000 Menschen, und die Kinder gehen zur Schule. 

Hannes Schmid

 

Schlafen Sie manchmal schlecht?
Ich schlafe vor allem wenig und leide oft unter Jetlag. Aber ja, es kommt vor, dass ich mitten in der Nach schweissnass aufwache, eine Nummer in Kambodscha wähle: «Haben wir an das gedacht, ist dies aufgegleist, klappt jenes?» Die Verantwortung nagt oft an mir.

Woran merken Sie, dass das Projekt funktioniert?
An ganz kleinen Sachen. Vor einem guten halben Jahr hatten wir bei uns auf der Farm drei oder vier Mopeds herumstehen. Soeben mussten wir einen richtigen Parkplatz bauen. Es gibt jetzt nämlich etwa 250 Töffli. Das bedeutet, dass die Farmer genug verdienen, um sich ein Moped zu kaufen. Und das ist in Kambodscha ein riesiger Schritt, denn damit kann man Kinder in die Schule bringen, Kranke zum Arzt, Hühner auf den Markt, man kann Verwandte besuchen. Daran misst sich der relative Wohlstand, das ist der erste Schritt in ein neues, in ein besseres Leben.

Welche sind im Moment Ihre grössten Sorgen?
Das grösste Problem ist wie immer die Geldbeschaffung. Am Anfang habe ich das Projekt mit meinen privaten Mitteln finanziert. Inzwischen sind wir dermassen gewachsen, dass wir auf substanzielle Zuwendungen angewiesen sind. Wir haben eine Schweinezucht, eine Fischfarm, einen Hotelbetrieb und vor allem eine neue Schule. Neu dazu kommen jetzt die erwähnte Reismühle und ein Food-Processing-Center, damit wir Lebensmittel haltbar machen können. Das sind immense Investitionen. Dazu kommen Dinge, die ich nicht beeinflussen kann: eine Dürre, eine Missernte.

Lassen Sie uns träumen: Es käme eine Fee, und Sie hätten einen Wunsch frei.
Wir brauchen finanzielle Unterstützung, um unsere Pläne zu verwirklichen. Es ist im Moment gerade sehr trendy, von «Social Impact Investments» zu reden. Finanzinstitute und Investoren haben einen Weg gefunden, um über «Hilfe» sogar an den Ärmsten der Armen Geld zu verdienen. 14, 18 Prozent Zinsen wollen sie für ihr Geld, wegen des hohen Risikos, wie sie sagen. Ich finde diesen Ansatz falsch. Erst wenn die Tausenden von Millionen aus Spenden und Staatsgeldern in Form von philantropischem Impact Investment, also zinsfrei und ohne Rückzahlung, aber klar nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten eingesetzt werden, dann können wir wirklich etwas bewegen.

Was treibt Sie an?
Das Wissen, dass es funktionieren muss, dass es funktionieren wird. Und das Wissen, das man nirgends im Leben etwas erreicht, wenn man nichts riskiert. Ohne Fehler kein Lernprozess. Ich habe Dutzende Fehler gemacht, aber ich habe aus jedem einzelnen gelernt. Heute weiss ich: Entwicklungshilfe im herkömmlichen Sinn hat versagt. Jahrzehnte lang wurde Geld in arme Länder gepumpt, ohne dass es den Leuten dort heute besser ginge als früher. Entwicklungshilfe muss nachhaltig sein. So widersprüchlich das jetzt vielleicht klingt: Entwicklungshilfe muss sich lohnen. Die Schweiz kann es sich nicht mehr leisten, jedes Jahr 2.2 Milliarden Franken irgendwo hin zu schicken, ohne dass damit etwas bewirkt wird und vor allem, ohne dass es sich lohnt.

 

Ich habe Dutzende Fehler gemacht, aber ich habe aus jedem einzelnen gelernt. Heute weiss ich: Entwicklungshilfe im herkömmlichen Sinn hat versagt.

Hannes Schmid

 

Das müssen Sie mir erklären.
Man kann nicht ewig spenden, Reissäckli verteilen. Das ist Symptombekämpfung. Und man kann auch nicht warten, bis die gesamte Dritte Welt zu uns kommt – dann haben wir einfach hier die Dritte Welt. Man muss vor Ort helfen. Und zwar so, dass sich auf der einen Seite die Investition lohnt, und auf der anderen muss sich auch der Effort lohnen, den die lokale Bevölkerung leistet. Die Leute vor Ort müssen wissen: Es gibt ein besseres Leben, und schlussendlich haben wir es selber in der Hand.

Dann gibt es sicher ganz viele Menschen in Kambodscha, die Ihnen dankbar sind.
Mir braucht man nicht zu danken. Ich mache ja etwas, was ich selber machen möchte. Ich habe mit 72 ein Leben, das aus permanenter Weiterbildung besteht, ich lerne heute etwas über Schulwesen, morgen über die optimale Zusammensetzung von Fischfutter. Der schönste Dank für mich ist es, wenn ich vor Ort bin und ich sehe, dass es funktioniert. Ich sehe dieses Projekt als Kunst, als soziale Plastik.

Das klingt wunderschön du poetisch. In der Realität sind Sie aber mit handfesten Fragen konfrontiert. Was beutet Erfolg in dieser Hinsicht für Sie?
Ich hatte soeben im Oktober nicht nur Geburtstag, sondern auch Weihnachten: Die weltweit tätige Firma Dalberg Advisory hat eine Studie über das Projekt «Smiling Gecko» verfasst und Schwarz auf Weiss belegt: Es funktioniert, es ist wirtschaftlich, es ist nachhaltig, und vor allem: Es ist skalierbar. Das muss das höchste meiner Ziele sein. Erfolg ist, wenn ich sehe, dass ich es erreichen kann.

Zur Person

Hannes Schmid (1946) gilt als einer der bedeutendsten Fotokünstlern der Schweiz. Doch man kennt ihn auch im Ausland: Weltbekannt wurde Schmid durch seinen «Marlboro Man», eine Ikone der Werbung. Seit 2012 engagiert sich der Zürcher mit der NGO «Smiling Gecko» für Familien in Kambodscha. Diesen Frühling verlieh ihm die Uni Zürich dafür einen Ehren-Doktortitel.

Der «Beobachter» verleiht heuer neben dem regulären «Prix Courage» zum zweiten Mal den mit 10'000 Franken «Prix Courage Lifetime Award». Letztes Jahr wurde Pfarrer Ernst Sieber für sein Lebenswerk ausgezeichnet, 2018 geht der Preis an Hannes Schmid.

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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1 Kommentar

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karpiniec
Mit sehr großer Freude und Interesse habe ich diesen Artikel gelesen, leider gibt es sehr wenige solcher Projekte. Wenn es viele solcher Projekte gäbe, hätte wir weniger Probleme. Aus diesem Grunde gibt es seit kurzer Zeit einen zaghaften Ansatz positive Projekte zu "Sammeln" und natürlich vorzustellen. http://www.eza-neu.eu/category/projekte/vorzeigeprojekte/ die für alle Interessierten aber speziell für EZA-NGO´s eine Orientierungshilfe sein sollen. Gerhard Karpiniec Münchendorf/Österreich

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