In Möriken AG sagen gewisse Leuten noch heute, sie sei eine «Hexe», und habe nur eines im Sinn habe: «Das Dorf schlecht machen.» Seit sieben Jahren kämpft Ruth Ramstein darum, dass den sexuell missbrauchten Opfern von Lehrer Köbi R. endlich Gerechtigkeit wiederfährt - und dass die Behörden endlich gemachte Fehler eingestehen. Die Folgen: Ruth Ramstein musste aus der Schulpflege austreten, und auch die FDP-Ortspartei wollte sie nicht mehr in ihren Reihen haben. Selbst die Lehrerschaft stellte sich geschlossen hinter ihren Kollegen. Doch die 48-Jährige blieb standhaft.

Sie kämpfte weiter - für die Opfer, und gegen die Schulpflege. Im April 1997 brachen schliesslich drei betroffene Mädchen das Schweigen.

«Ein Amt verlangt Zivilcourage»
Doch «offenbar kann immer noch nicht sein, was nicht sein darf», sagte Jury-Präsident Otto Stich in seiner Laudatio. Und deshalb richtete sich der Volkszorn weiterhin auf Ruth Ramstein. Und nicht auf den Täter.

Alt Bundesrat Stich lobte Ruth Ramstein auch als Schulpflegerin. «Sie hat gezeigt, dass die Übernahme eines Amtes Verantwortung und Zivilcourage verlangt.» Ziel der Schule müsse die «Heranbildung eigenständiger Persönlichkeiten» sein, und «das setzt Respekt vor dem Kind und körperliche Distanz voraus».

«Ein Preis gegen die Gleichgültigkeit»
Der Beobachter-Preis wurde dieses Jahr zum zweiten Mal verliehen. Die Zeitschrift ehrt damit mutige Menschen und mutige Taten. Beobachter-Chefredaktor Ivo Bachmann unterstrich vor allem den Signalcharakter dieses Preises: Der Prix Courage, so Bachmann, sei «auch ein Preis gegen das Schweigen, gegen die Resignation und gegen die Gleichgültigkeit in der Gesellschaft». Die Schweiz als Ganzes müsse endlich «einen mutigen Schritt vorwärts» machen. Bachmann nannte namentlich die europäische Integration und «das kleinmütige Hin und Her rund um die Solidaritätsstiftung».

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Ins gleiche Horn stiess Beobachter-Verleger Mathias Hagemann in seiner Grussansprache: «Eine Ablehnung der Solidaritätsstifttung wäre ein enormes innen- und aussenpolitisches Fiasko.» Hagemann warnte davor, die Stiftungsidee «mit traurigen Kinderaugen» retten zu wollen und rief dazu auf, die Stiftung den Menschenrechten zu widmen.

Viele prominente Gäste
Die Preisverleihung fand im Rahmen einer grossen Galafeier in der ABB-Halle in Zürich-Oerlikon statt. Durch den Abend führte TV-Moderator Röbi Koller. Uber 350 Gäste waren geladen, darunter viel Prominenz aus der Welt der Medien, aus Wirtschaft und Kultur. Auch die eidgenössische Politik war hochrangig vertreten – beispielsweise durch Nationalratspräsident Ernst Leuenberger.

Auch Sigi Feigel war nominiert
Fünf mutige Persönlichkeiten waren für den diesjährigen Prix Courage nominiert: nebst der Gewinnerin Ruth Ramstein auch der Zürcher Rechtsanwalt Sigi Feigel, die junge Glarner Finanzverwalterin Bernadette Gisler, der Aufdecker der Freiburger Polizeiaffäre Jean Claude Knopf und der einstmalige Zürcher Polizeibeamte Kurt Meier alias «Meier 19». Die fünf waren von über 13'000 Personen in einer Beobachter-Leserumfrage für den Prix Courage 98 nominiert worden. Vor einem Jahr ging der Preis an die beiden Beamte Angela Ohno und Hanspeter Heise, die Aufdecker der Zürcher Klärschlammafffäre.