Diego Barberis verschlug es fast die Sprache: «Das ist ein sehr emotionaler Moment für mich. Ich bin sehr gerührt. Einfach vielen Dank für die Auszeichnung», sagte der 49-jährige Preisträger, den Tränen nahe, an der Preisverleihung vom letzten Samstag im Lichthof der Universität Zürich. Mit seiner Frau Renata war er aus dem Tessin nach Zürich gereist, ohne damit zu rechnen, den Prix Courage zu erhalten.

Den 18. August 1998 wird Diego Barberis nie vergessen. Er und seine Frau sind zwei von vielen, die auf der A2 bei Bodio den verunfallten Citroën einer holländischen Familie passieren. Barberis aber sieht nicht nur das auf dem Dach liegende brennende Auto. Sofort wird ihm klar, warum ein Mann wie versteinert dasteht und eine Frau wild herumfuchtelt.

Barberis hält an, hört die Schreie der Kinder im Fahrzeug, stösst die Frau beiseite und zieht die fünfjährige Kelly heraus. Um ihn herum explodieren die Pneus, er sieht Flammen. Doch Barberis kriecht durchs Fenster ins Auto und zerrt den Kindersitz samt der 20 Monate alten Manon heraus. Er und die beiden Mädchen bleiben unverletzt; die Mutter kommt mit leichten Armverletzungen davon.

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Die Tat hat sein Leben verändert
Woher er die Kraft dazu nahm, weiss er bis heute nicht. Wenig später brannte das Auto lichterloh. Welch mutige Tat er vollbrachte, wird ihm erst bewusst, als sich tags darauf die Medien auf ihn stürzen. Er kommt ins Grübeln und fragt sich, ob auch ihm jemand geholfen hätte, wenn er sich bei der Rettung verletzt hätte. Vier Tage nach dem Unfall holt ihn das Erlebte ein: In einem Restaurant bricht er zusammen.

Von der holländischen Familie hat Barberis seit dem Tag des Unfalls nichts mehr gehört. Dank habe er nicht erwartet, sagt er, aber vielleicht ein Lebenszeichen.

Sein Leben hat sich seither verändert: Der Garagist aus Vira Gambarogno lebt bewusster, fragt sich mehr, was er warum tut. Kürzlich haben sich die Barberis einen Traum erfüllt und ein Haus gekauft. Dort steht jetzt die Piatti-Skulptur, die Diego Barberis zusammen mit der Preissumme von 25'000 Franken erhalten hat.

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Die Wahl fiel der siebenköpfigen Jury nicht einfach, erklärte alt Bundesrat Otto Stich: «Aber wir konnten nur einen Gewinner wählen.» Die anderen Anwärterinnen und Anwärter mussten sich also nicht als Verlierer fühlen, sondern als ehrenvolle Zweitplatzierte. Es waren dies:

  • Reto Cantieni, der ehemalige Leiter des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums in Thusis GR, der sich weigerte, intimste Daten von Stellensuchenden in einen Zentralcomputer einzuspeisen, und deshalb entlassen wurde.

  • Catherine Giauque, die Dorfpolizistin, die sich traute, auch Verkehrsübertretungen von Dorfkönigen zu ahnden, bis sie der Gemeinderat von Saint-Blaise NE wegen «mangelnden Feingefühls» fristlos auf die Strasse stellte.

  • Paul Spirig, der 36-jährige St. Galler Reallehrer, der sich stets für das Wohl seiner Schüler einsetzte – im Fall einer Kosovo-Albanerin auch gegen den Willen ihres Vaters: Dieser erschoss Paul Spirig am 11. Januar 1999. Spirig wurde an der Feier vertreten durch eine Schwester und einen Bruder sowie durch 15 Schülerinnen und Schüler seiner ehemaligen Schulklasse.

  • Werner Zumbrunn, der als Direktionsassistent der Industriellen Werke Basel Kungelei bei der Vergabe eines Grossauftrags witterte – und seinen Job verlor.

In seiner kurzen Rede schilderte Chefredaktor Ivo Bachmann, was der Beobachter mit dem nun bereits zum dritten Mal verliehenen Preis anstrebt: Der Prix Courage stehe für eine gerechte, solidarische und offene Schweiz. Geehrt werden sollen Menschen, die für diese Werte besonders couragiert eintreten: sei es aufgrund ihrer engagierten Lebenshaltung oder einer besonders mutigen Tat – ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile. Gleichzeitig stehe der Prix Courage auch für die Beobachter-Vorstellung von einem Journalismus, der mehr bewege als ein paar Emotionen.

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Die Pressefreiheit verteidigen
Verleger Mathias Hagemann rief die Parlamentarierinnen und Parlamentarier unter den 400 geladenen Gästen dazu auf, sich gegen eine verschärfte Medienkontrolle und gegen die Einrichtung eines staatlichen Medienrats einzusetzen: «Beweisen Sie Courage, halten Sie die Pressefreiheit hoch und unterstützen Sie diesen Vorstoss nicht.»

Für die feierliche Stimmung im Uni-Lichthof sorgten nebst Fernsehmoderator Röbi Koller die Seiltänzerin Doryana sowie als Uberraschungsgast der Schauspieler Walter Andreas Müller, der vor allem Christoph Blocher, aber auch zahlreiche andere prominente Politiker nachahmte und aufs Korn nahm.