Ein Mann gerät zufällig an einen Unfall, kriecht auf den Knien in ein brennendes Auto und zieht zwei Kleinkinder heraus. Sekunden später geht das ganze Auto in Flammen auf, wie in einem Film. In den Zeitungen am Tag danach ist Diego Barberis «der Held der A2».

Doch der 49jährige Tessiner passt nicht ins Bild eines Hollywood-Helden. Er sitzt am Tisch, spricht leise, kratzt nervös an seinen Fingernägeln und kämpft beim Erzählen gegen die Tränen – auch jetzt noch, ein Jahr danach. «Ich weiss nicht, was in mich fuhr. Ich tat es einfach», sagt er.

Er war am 18. August 1998 mit seiner Frau unterwegs. Einer von vielen Autofahrern, die auf der A2 bei Bodio Richtung Süden rollten, und nichts prädestinierte ihn für eine Tat, was nicht auch für die meisten anderen gegolten hätte. «Ich bin weder Feuerwehrmann noch Arzt», sagt Diego Barberis, der seit fast zwanzig Jahren eine Garage in Quartino führt.

Und doch rennt er an jenem Tag als Einziger zum verunfallten Citroën. Der Wagen liegt auf dem Dach und brennt. Diego Barberis sieht einen Mann, der wie versteinert dasteht, und eine wild fuchtelnde Frau. Was sie sich auf Holländisch zurufen, kann er nicht verstehen, aber er hört die Schreie der Kinder.

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Er klettert ins brennende Auto
Mit der Mutter bückt er sich zum Auto, versucht, durchs zerbrochene Fenster ein Kind herauszuziehen. In ihrer Panik zieht die Mutter zwar am Kind, bemerkt aber nicht, dass es in den Gurten festsitzt. Barberis stösst sie zur Seite, reisst die Gurten auseinander und zieht die fünfjährige Kelly heraus. Er hört Pneus explodieren, sieht Flammen und Funken, doch im Auto schreit ein weiteres Kind. Die 20 Monate alte Manon steckt in ihrem Kindersitz fest. Barberis kriecht durchs Fenster ins Auto und zerrt den ganzen Kindersitz heraus. «Woher nahm ich nur die Kraft?», fragt er sich heute.

Er und die Kinder bleiben ohne einen Kratzer, die Mutter kommt mit leichten Verletzungen am Arm davon. Sie schaffen es noch rechtzeitig, sich in Sicherheit zu bringen. Nur wenig später brennt das ganze Auto lichterloh.

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Die holländische Familie wird mit der Ambulanz ins Spital gebracht. Diego Barberis fährt mit seiner Frau weiter, schaut zu Hause in der Werkstatt vorbei, erzählt im Restaurant den Vorfall ein paar Freunden, isst etwas und geht schlafen. «Was für ein Tag», denkt er sich – mehr nicht.

Grosser Medienrummel
Doch dann geht es erst richtig los. Die Medien stürmen tagelang seine Garage, von überall her kommen Glückwünsche, und langsam beginnt er zu realisieren, was er getan hat. «Erst jetzt wurde ich mir der Gefahr bewusst, in die ich mich selber begeben habe», erzählt er.

Diego Barberis beginnt sich zu fragen: «Warum ich? Wieso half niemand anders? Zufall, Schicksal? Und wenn ich mich bei der Rettung verletzt hätte? Hätte mir jemand geholfen?» Vier Tage später holt ihn das Erlebte ein: In einem Restaurant bricht er zusammen.

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Von der holländischen Familie hat er seit dem Tag nach dem Unfall nichts mehr gehört. Zweimal haben er und seine Frau nach Holland geschrieben. Es kam keine Antwort. «Ich erwarte keine Dankesworte, nur einen Gruss, ein Lebenszeichen», meint er etwas enttäuscht. Die Familie wolle den Unfall vergessen, sagen die einen. Mag sein.

Diego Barberis vergisst nicht: «Ich sehe das Leben anders seither. Hängen wir nicht alle an einem dünnen Faden? Lohnt es sich, grosse Pläne zu schmieden? Sollten wir das Leben nicht jetzt leben?» Vieles scheint ihm im Beruf und im Alltag leichter zu fallen. Vor einigen Monaten haben er und seine Frau getan, was sie seit Jahren tun wollten: Sie haben sich ein Haus gekauft.

Nachts kommt die Erinnerung
Im März wurde er zum «Ritter der Strasse» ernannt. Die Urkunde hängt nun in seiner Garage. «Die Anerkennung freut mich. Ich bin sehr glücklich, dass die zwei Kinder noch leben», sagt er. Was wäre, wenn er es nicht geschafft hätte oder wenn er sich selber verletzt hätte? «Ich will gar nicht daran denken.»

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Doch manchmal erwacht er nachts. Dann sieht er das Feuer, hört die Stimmen der Kinder, und dann kommt erneut die Frage: «Warum gerade ich?»