Nach Umgestaltung des Seeufers finden wir heute eine privilegierte Erholungszone vor, die uns einen quasi paradiesischen Ort bietet.» Das schreibt die Behörde von Saint-Blaise, einem 3000-Seelen-Dorf am Neuenburgersee, in ihrem Gemeindeporträt. Und weiter: Dank weitsichtiger Planung verfüge man heute über «ein modernes Erscheinungsbild».

Zumindest einer Einwohnerin des Winzerdorfs bei Neuenburg müssen die schönen Worte wie blanker Hohn erscheinen: Catherine Giauque, Mutter einer zwei Jahre alten Tochter, war Anfang 1998 als Dorfpolizistin angestellt und schon nach fünf Monaten fristlos entlassen worden.

Eine offizielle Begründung gab es nicht, doch die 35-Jährige weiss, was dahinter steckt: «C’est ma tête qui ne leur convient pas!», sagt sie, vom Geschehen noch immer aufgewühlt. «Mein Kopf passt ihnen nicht.» Vor Gericht erstritt Giauque wenigstens eine Lohnfortzahlung über sechs Monate. Denn die fristlose Kündigung war missbräuchlich.

Das Geld hat die Familie nötig, denn seit Töchterchen Stacy auf die Welt gekommen ist, arbeitet Ehemann Laurent, gelernter Koch, nur halbtags. Er hätte für die Kleine gesorgt, seine Frau als Beamtin ein fixes Einkommen nach Hause gebracht. So war es geplant. Nun hat Catherine eine Halbtagsstelle als Taxifahrerin, ihr Mann kocht bis September in einem Campingrestaurant. «Hoffentlich findet er dann eine andere Arbeit», sagt Catherine Giauque.

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Die Warnung vor dem Dorfklüngel
Giauques Trauma begann bereits vor Dienstantritt. Ihr Vorgänger musste «aus gesundheitlichen Gründen» demissionieren, weil er, so erzählt man im Dorf, dem Druck des Gemeinderats nicht mehr standgehalten habe und krank geworden sei – «die Nerven».

In Saint-Blaise regiere eine «Mafia», ein Klüngel von Dorfmächtigen rund um den seit 25 Jahren amtierenden Gemeindepräsidenten, der auch Ehrenbürger des Orts und Chef des kantonalen Strassenverkehrsamts ist. Schon bevor sie die Stelle antrat, hatten sie Bekannte gewarnt: Wer sich dem Clan nicht unterordne, dem werde das Leben schwer gemacht.

Dennoch trat sie im Januar 1998 ihren Dienst an. «Ich wollte in ein kleines Dorf, weil ich den direkten Kontakt zu den Menschen liebe.» Stutzig wurde sie, als sie erstmals auf Patrouille gehen wollte. Auf dem Posten gab es weder ein Fahrzeug noch ein Funkgerät; nicht einmal eine eigene Uniform erhielt sie. Kurz entschlossen schlüpfte Giauque ins Dienstkleid ihres Vorgängers und schaute mit ihrem privaten Fahrrad nach dem Rechten.

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Zu korrekt für die Unkorrekten
Pflichtbewusst notierte sie Ubertretungen: Bei der Recyclingstelle deponierte das halbe Dorf widerrechtlich Berge von Sperrmüll, beim Jachthafen bildete sich eine Drogenszene. Der Gemeinderat reagierte auf Giauques Beobachtungen abweisend: Sie sei «nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort», es fehle ihr an «Feeling».

Das Fass zum Uberlaufen aber brachten Verkehrsübertretungen, die Mitglieder der «Mafia» betrafen. Sie verteilte Bussen an Falschparkierer – der Gemeinderat nahm ihr die Bussenzettel ab, um die Sünden bestimmter Persönlichkeiten ungeschehen zu machen. Einmal wurde sie sogar angewiesen, sich bei einem der Gebüssten schriftlich zu entschuldigen.

Zum Eklat kam es, als sie in einer Einbahnstrasse einen Autolenker stoppte, der in die falsche Richtung fuhr. Am Steuer sass «eine gut gestellte Persönlichkeit». «Sie haben mich hier nicht gesehen», drohte der Mann und brauste davon.

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Am folgenden Tag wurde Giauque vor den Gemeinderat zitiert, wo sie einen Verweis erhielt. Kurze Zeit später wurde sie fristlos entlassen. Heute erledigen private Ordnungshüter ihre Arbeit – vom Gemeinderat bezahlt.

Catherine Giauque bleibt nur die Hoffnung, wieder einen Job als Polizistin zu finden. «Ich finde, gegen Unrecht muss man immer ankämpfen. Was mich angetrieben hat, war nicht Mut, sondern Wut.»