Sie weilte nur für ein paar Tage in der Schweiz – und schon meldeten sich TV-Sender und baten um ein Interview. Doch bevor die Fernsehjournalisten ihre Kameras schultern konnten, war die couragierte Frau auch schon wieder weg – zurück am Horn von Afrika, bei den Ärmsten der Armen in Somalia. Dort brauchen nicht Medienleute, sondern Vertriebene, Verletzte und Kriegswaisen ihre Hilfe – heute genauso wie 1993, als sich Verena Karrer erstmals durch die Bürgerkriegsfront in die Slumviertel schlich.

Keine Frage: Die Schweizer Hebamme und Krankenschwester ist eine aussergewöhnlich mutige und engagierte Person. Sie ist deshalb auch Anwärterin für den Prix Courage 2000.

Der mit 25'000 Franken dotierte Beobachter-Preis ehrt couragierte Menschen und mutige Taten. Er wird dieses Jahr zum vierten Mal verliehen. Und so einzigartig wie der Preis ist auch das Nominierungsverfahren. Es schenkt nicht nur einer einzigen Person, sondern einer ganzen Reihe mutiger Persönlichkeiten monatelange öffentliche Anerkennung.

Bis zuletzt offener Wahlausgang
So auch dieses Jahr. Ende Mai hatte der Beobachter zehn mögliche Preisträger porträtiert und vorgeschlagen: den Dopingkritiker Kurt Bürgi, den katholischen Theologen Herbert Haag, die CVP-Politikerin Brigitte Hauser, die Sektenkritikerin Odette Jaccard, die Belegschaft der Krankenkasse KPT, die Hebamme Verena Karrer, die Schriftstellerin Mariella Mehr, den Anwalt Gerold Meier, die Lebensretterin Cornelia Walser und den Umweltschützer Andreas Weissen. Sie alle haben sich mit viel Zivilcourage gegen Unrecht oder Machtmissbrauch gewehrt, für Freiheit und Menschenwürde engagiert oder für eine gute und wichtige Sache eingesetzt.

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Aus dieser Kandidatenliste konnten die Beobachter-Leserinnen und -Leser fünf Favoriten wählen. Keine einfache Entscheidung. «Eigentlich hätten alle den Preis verdient!», stand denn auch als Kommentar auf vielen Wahlkarten. Bis zum Einsendeschluss am 31. Juli trafen rund 7000 Leserinnen und Leser ihre Wahl – und noch nie lagen die Stimmenzahlen aller Kandidatinnen und Kandidaten so nah beieinander, war der Wahlausgang so spannend.

Doch eines gilt auch dieses Jahr: Nur fünf Preisanwärter schaffen es in die Endrunde. Für den Prix Courage 2000 offiziell nominiert sind jene Persönlichkeiten, die schliesslich am meisten Leserstimmen erhalten haben:

  • Herbert Haag: Der Luzerner Theologe und Publizist kämpft seit Jahrzehnten für mehr Freiheit in der Kirche.
  • Odette Jaccard: Die Zürcherin warnt unermüdlich vor gefährlichen Heilslehren und berät Sektenopfer.
  • KPT-Belegschaft: Das Personal der Krankenkasse holte mit einer Streikaktion zwei entlassene Manager zurück.
  • Verena Karrer: Die Hebamme ging nach Somalia, als sich Hilfsorganisationen resigniert aus dem Land zurückzogen.
  • Cornelia Walser: Die Zürcher Lehrerin rettete einen Säugling vor dem Ertrinkungstod – und setzte dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel.


Wer den Beobachter-Preis entgegennehmen darf, entscheidet nun eine unabhängige Jury unter dem Vorsitz von alt Bundesrat Otto Stich. 1997 ging der – damals neu lancierte – Prix Courage an Hanspeter Heise und Angela Ohno, die Aufdecker der Zürcher Klärschlammaffäre. Dann wurde die Aargauerin Ruth Ramstein für ihren Einsatz gegen die sexuelle Belästigung von Schulkindern geehrt. Vor einem Jahr erhielt der Tessiner Garagist und Lebensretter Diego Barberis den Preis.

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Und im Jahr 2000? Am 23. September, punkt 21 Uhr, wird das Geheimnis gelüftet: im Rahmen einer Galafeier mit prominenten Gästen im Zürcher Hauptbahnhof.