Noch am Samstag hatte Odette Jaccard, bereits stark gezeichnet von ihrer Krankheit, an der Galafeier des Prix Courage im Hauptbahnhof Zürich teilgenommen. Am Tag vor der Preisverleihung hatte ich mit ihr telefoniert, da ihre Teilnahme unsicher war. «Nei, nei, ich chume, ghaue oder gstoche», sagte sie fast kampfeslustig.

Am gleichen Tag hatte man bei Odette Jaccard festgestellt, dass ihr tödlicher Feind, ein seit einiger Zeit bestehendes Krebsleiden, bereits ihren ganzen Körper angegriffen hatte. Ihr Arzt teilte ihr die schreckliche Diagnose noch nicht mit, wusste er doch, wie sehr sie sich freute, an der Galafeier anwesend zu sein. Ihr Mann Claude unterstützte diesen Wunsch ebenfalls. «Es hat ihr gut getan», versicherte er uns danach.

Den Abend selbst erlebte die Nominierte im Rollstuhl unter dem Einfluss starker Schmerzmittel. Als ich mich zwei Tage später nach ihrem Befinden erkundigte, sagte sie mit leiser Stimme: «Ja, es war schön.» Schmerzen habe sie keine gehabt, auch jetzt nicht. Doch am nächsten Abend erlosch Odettes Lebensgeist. «Sie ist ruhig und sanft entschlafen», teilte ihr Mann mit.

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Odette Jaccard war im Mai von der Beobachter-Redaktion zusammen mit neun anderen Kandidatinnen und Kandidaten für den Prix Courage vorgeschlagen worden. Ein paar Wochen später war die 66-jährige Hausfrau – eine unerschrockene Aufklärerin über Seelenfänger und Betreuerin von Sektenopfern – von den Beobachter-Leserinnen und -Lesern zu einer der fünf Nominierten gewählt worden.

Dieser Preis gehöre nicht ihr, fand Odette Jaccard. «Andere haben viel mehr und Wichtigeres getan.» Aber sie freute sich, durch die Beförderung in die Endrunde einen moralischen Rückhalt für ihre Arbeit und jene ihrer Mitstreiterinnen bekommen zu haben. «Wenn ich nicht mehr kann, machen meine Kolleginnen weiter», sagte sie, als sich ihre Krankheit vor einem Jahr erstmals abzeichnete.

Erschöpft, aber mit innerem Frieden verabschiedete sie sich von uns am Abend der Preisverleihung. Dass es für immer sein musste, macht uns traurig und betroffen.

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