Wir alle müssen in unserem Alltag immer wieder Entscheidungen treffen. Meist haben wir Zeit, das Für und das Wider sorgfältig gegeneinander abzuwägen und eine für uns befriedigende und Gewinn bringende Lösung zu finden. Seltener müssen wir Entscheidungen fällen, die schwerwiegend sind und deren Konsequenzen wir überhaupt nicht abschätzen können. Und schliesslich gibt es jene Situationen, in denen wir uns der möglichen negativen Auswirkungen voll bewusst sind. Dennoch fühlen wir uns «gezwungen», das Risiko auf uns zu nehmen und über unseren eigenen Schatten zu springen. Dies haben in irgendeiner Form auch jene getan, die heute Abend für einen der Prix Courage nominiert sind.

Sie sahen sich mit einer Situation konfrontiert, in der sie wussten: «Das Mass ist voll. Ich muss jetzt handeln. Ich kann einfach nicht anders!» Sie strebten die Grenze an und überschritten den «Point of No Return». Sie fielen buchstäblich «aus der Rolle»und wuchsen über sich selbst hinaus. Ein innerer Antrieb verlangte dies von ihnen und liess sie die Angst um ihr eigenes Wohl überwinden. Sie wurden zu Heldinnen und Helden ohne Heldenallüren. Deshalb verdienen sie unsere Bewunderung und unseren Respekt.

Die menschliche Wärme, die von ihren Taten ausgeht, ist für uns wie die Luft zum Atmen. Sie geben uns Vertrauen: Wenn wir uns selbst in einer Notlage befänden, könnten auch wir auf die mutige Tat eines Mitmenschen hoffen. Wir können aber auch die Hoffnung schöpfen, dass wir, mit der Notlage eines anderen konfrontiert, ebenfalls das Richtige tun würden und den Mut hätten, uns für einen Mitmenschen einzusetzen. Erst wenn wir uns dieses Zugehörigkeitsgefühls sicher sind, können wir uns wie die Fische im Wasser so richtig wohl fühlen.

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Die Kandidatinnen und Kandidaten für den Prix Courage hatten nicht nur den Mut zu handeln. Sie hatten vielmehr auch den Mut, einen Verlust – und zwar keinen geringen – in Kauf zu nehmen. Für einige von ihnen hatte die Tat den Verzicht auf die Verwirklichung eines lang geplanten Projektes, den Verlust von Karrierechancen oder des Arbeitsplatzes zur Folge. Andere verloren die Anerkennung und Zuneigung von Freundinnen und Freunden, setzten sich der Gefahr der Gewaltanwendung aus oder blickten gar dem Tod ins Auge. 

Doch weshalb gehen Menschen solche Risiken ein? Welcher ist dieser innere Antrieb, der sie über Normen, Regeln und Eigennutz hinweggehen lässt? Sie lassen sich führen von einer übergeordneten Moral, von Werten, die ganz tief in ihnen eingeprägt sind, und einer Verantwortung, die sie nicht delegieren können und wollen. Sie widersetzen sich der Ungerechtigkeit gegenüber Schwächeren und Notleidenden. Sie lassen sich von Mitleid und tiefer Solidarität leiten.

Doch gibt es auch einen Lohn für solche Taten? Lohnt es sich, der inneren Stimme, dem Gewissen so viel zu opfern? Niemand tut es mit dem Kalkül, des Prix Courage einzuheimsen. Niemand baut insgeheim auf spätere Genugtuung. Paul Grüninger zum Beispiel, der unzählige jüdische Flüchtlinge hat einreisen lassen und deshalb Rang und Ehren verlor, wurde erst nach seinem Tod rehabilitiert. Ich glaube, der einzige Lohn, der einem winkt, ist der Blick in den Spiegel und das Eingeständnis an sich selbst: «So bin ich. Ich bin mir treu geblieben!» Und im besten Fall: «Menschen, die ich schätze, verstehen und unterstützen meine Tat!»

Aus der Geschichte wissen wir, dass diese innere, persönliche Moral sich den Regeln und Gesetzen der Gesellschaft widersetzen kann. Natürlich muss sich auch die Politik von moralischen Gesetzen leiten lassen, aber selbst das ausgeklügeltste und humanste Rechtssystem kann das Individuum nicht aus seiner moralischen Verantwortung entlassen.

Was wir aber durchaus vom Staat erwarten können und müssen, ist die – ich würde sagen – organisierte Solidarität, die Solidarität zwischen den Generationen (ich denke an die AHV), die Solidarität zwischen den Geschlechtern, die Solidarität zwischen Immigrantinnen und Immigranten und Schweizer Bürgerinnen und Bürgern, die Solidarität zwischen jenen, die sich materiell fast alles leisten können, und jenen, die nicht gerade auf Rosen gebettet sind, die Solidarität zwischen den Kerngesunden und jenen, die sich keiner robusten Gesundheit erfreuen (ich denke an die Idee, die dem KVG zu Grunde liegt). Wir brauchen diese Solidarität innerhalb unserer Gesellschaft. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass eine übergeordnete, staatliche Instanz Schwächere schützt und Gleichbehandlung, Gleichberechtigung und Chancengleichheit für alle fördert und garantiert. Dies gibt uns die Sicherheit – als Innenministerin bin ich versucht zu sagen: die soziale Sicherheit -, die wir brauchen, um ruhig zu leben.

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In einer Welt, die uns vor immer mehr Herausforderungen stellt, denen nicht mehr regional zu begegnen ist, brauchen wir auch die organisierte internationale Solidarität, zum Beispiel im Rahmen der Uno. Sie ist bestrebt, das Verhältnis zwischen den Staaten und Völkern zu regeln, und lebt auf globalem Niveau die gleichen Ideale wie unser demokratisches System innerhalb der Schweiz.

Damit unsere Gesellschaft für uns alle menschlich und solidarisch ist, brauchen wir die «organisierte» Solidarität, auch wenn sie immer komplexer und weniger greifbar scheint und längere Prozesse der Konsensfindung durchläuft als die spontane Einzelaktion. Wir brauchen aber auch immer wieder die mutigen Taten einzelner.

Wir brauchen individuelle Taten der Menschlichkeit, die uns die Gewissheit geben, in einer Gesellschaft zu leben, in der Mitleid - nicht nur Eigennutz - existiert und gelebt wird. Die alten Griechen sagten schon, die Demokratie brauche die Tugenden der Bürger und - ich ergänze – der Bürgerinnen.

Liebe Anwärterinnen und Anwärter auf den Prix Courage 2002, ich danke Ihnen für Ihren Mut, Ihren Einsatz und die gelebte Solidarität. Ihr Beispiel ermutigt uns alle.