Ein blaues Auge, Blutergüsse am Rücken und Striemen am Oberschenkel: Als Theres Schneider ihre geistig behinderte Tochter Silvia an einem Wochenende im Frühling 1994 aus der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft von Alex W. im thurgauischen Dussnang abholt, ist ihr sofort klar, dass etwas nicht stimmt. Die Verletzungen können nicht von einem epileptischen Anfall stammen, wie W. versichert.

Schon einige Wochen zuvor sind ihr bei einer Mitbewohnerin ihrer Tochter ähnliche Verletzungen aufgefallen. Für Theres Schneider ist der Fall klar: Ihre Tochter ist geschlagen worden. Die besorgte Mutter reicht Strafanzeige ein, aber die Mühlen der Thurgauer Justiz mahlen langsam – erst 1997 wird Anklage erhoben. Schneider kämpft all die Jahre hindurch allein: «Ich wollte verhindern, dass dieser Mann weiterhin Schützlinge schlägt.»

Wegen der Untersuchung im Thurgau setzt sich Alex W. ins sankt-gallische Bazenheid ab und eröffnet dort die Wohngemeinschaft Sonnenhof. Dort fallen dem türkischen Hilfspfleger Hüseyin Günsel unübliche Verletzungen bei den betreuten Behinderten auf. An «Unfälle», mit denen W. die Blessuren erklärt, mag er nicht glauben. Günsel dokumentiert die blauen Flecken heimlich mit seiner Kamera: «Ich konnte das nicht länger zulassen.»

Anzeige

Die Fotos zeigt er seinem Hausarzt, schliesslich dem Kantonsarzt. Die Anklage gegen W. wird erweitert. Hüseyin Günsel sagt als Zeuge gegen den Heimleiter aus – und verliert deshalb seine Stelle im «Sonnenhof». Er bleibt anderthalb Jahre arbeitslos, bevor er einen neuen Job findet.

Erst im August 2003 fällt das Thurgauer Obergericht ein Urteil gegen Alex W.: sechs Wochen Gefängnis bedingt sowie vier Jahre Berufsverbot. Durch das lange juristische

Hickhack gelten einige der Anklagepunkte als verjährt, so auch die Schläge gegen Schneiders Tochter. Noch hängig ist ein Verfahren im Kanton St. Gallen.

Die Wohngemeinschaft von Alex W. ist aber bereits heute geschlossen – dank der Hartnäckigkeit von Theres Schneider und Hüseyin Günsel.