Am 25. September dieses Jahres ist es wieder so weit: Zum siebten Mal wird der Prix Courage des Beobachters verliehen – an Menschen, die in den unterschiedlichsten Situationen Mut und Tatkraft bewiesen oder gegen alle Widerstände zu ihrer Überzeugung standen. Unter dem Vorsitz von alt Bundesrat Otto Stich vergibt die Jury den mit 25'000 Franken dotierten Hauptpreis. Die Beobachter-Leserschaft bestimmt über den Publikumspreis von 10'000 Franken.

Gesucht wird die Nachfolge von Professor Christian Sauter, der den Preis 2003 für das Aufdecken eines Titelbetrugs am Zürcher Unispital erhielt – als Anerkennung für sein Bemühen, mehr Transparenz und Demokratie in den Elfenbeinturm Hochschule zu bringen. Genau hier setzt auch Psychologin Veronika Brandstätter an: «Grenzüberschreitungen» – wie beispielsweise ein zu Unrecht getragener Doktortitel – «dürfen nicht toleriert werden.» Dem Klima von Gleichgültigkeit, der Haltung «das geht mich nichts an», müsse entgegengewirkt werden.

Zivilcourage kann man lernen, davon ist Motivationspsychologin Veronika Brandstätter überzeugt. Die 41-jährige Münchnerin unterrichtet und forscht seit März 2003 an der Universität Zürich. Sie vergleicht das Erlernen von Zivilcourage mit einem Erste-Hilfe-Kurs: Statt zu lernen, wie man am besten Schwerverletzte versorgt, lerne man Strategien, um angepöbelten, diskriminierten oder bedrohten Menschen zu helfen.

Grundsätzlich gelte: kleine Schritte statt Heldentaten. Zum Beispiel hinschauen und nicht wegschauen, hinhören und nicht weghören und stehen bleiben, nicht weglaufen. Unterlassene Hilfeleistung ist gesetzlich geregelt (Strafgesetzbuch, Paragraf 128). Es ist nicht nur eine persönliche Entscheidung, ob man in einer Notsituation hilft oder nicht. In der Schweiz wird die Unterlassung von Nothilfe mit Gefängnis oder Busse bestraft.

Anhand von fünf kritischen Alltagssituationen zeigt Veronika Brandstätter auf, wie man sich verhalten sollte:

Am Stammtisch in einer Beiz werden laut Ausländerwitze erzählt, oder Türsteher vor einer Disco filzen nur die «ausländisch aussehenden» Personen.

Es ist individuell sehr verschieden, was Leute als rassistisch empfinden und was nicht. Wenn jemand eine muslimisch gekleidete Frau abschätzig mustert, ist das für den einen schon zu viel: Er greift ein, indem er sich neben die Frau setzt oder sie in ein freundliches Gespräch verwickelt und so ein Zeichen setzt. Für jemand anders ist bei einer solchen Situation noch lange keine Grenze überschritten.

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  • Gerade bei fremdenfeindlichen Handlungen muss man sich im Klaren sein, dass es nicht darum geht, die Täterschaft von der eigenen Meinung zu überzeugen (ein Ausländerhasser wird nicht durch mich zum besseren Menschen), sondern darum, Einhalt zu gebieten. In der Beiz kann man aufstehen und den Ausländerwitze-Erzählern sagen: «Ich möchte mir das nicht länger anhören, ich finde das unangemessen und beleidigend» und sie damit vielleicht daran hindern, weiter schlechte Witze zu erzählen. Natürlich braucht das Mut, es ist unangenehm, sich zu exponieren. Negative Reaktionen muss man in Kauf nehmen. Aber das, was man gewinnt, überwiegt deutlich: Der ganzen Beiz, den Freunden und sich selber hat man gezeigt, dass man seinen Überzeugungen treu geblieben ist.
  • Dasselbe gilt auch im Umgang mit anderem ausländerfeindlichen Verhalten. Den Türsteher vor der Disco kann ich auf sein Vorgehen ansprechen. Es wird sich dadurch kaum sofort etwas ändern, aber ich zeige jedenfalls, dass ich damit nicht einverstanden bin.
  • Stillschweigen signalisiert Gleichgültigkeit oder gar (unbewusst) Zustimmung!


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Jugendliche randalieren im Bus, Angetrunkene bedrängen eine junge Frau im Tram.

Untersuchungen zeigen, dass viele Leute in solchen Fällen nicht reagieren, weil sie gar nicht mitbekommen, dass es sich um eine kritische Situation handelt. Im Bus oder im Tram ist oft die Sicht verstellt, und zudem ist es lärmig.

  • Wenn man lautes Stimmengewirr oder Beleidigungen hört: aufstehen, hingehen und sich einen Überblick über die Situation verschaffen. In Distanz bleiben und sich nicht selber in Gefahr bringen. Sind Gewalt und/oder Waffen im Spiel, sofort die Polizei benachrichtigen. Ansonsten: Verbündete suchen und Öffentlichkeit schaffen. Konkrete Personen ansprechen à la «Sie im grauen Pullover, kommen Sie bitte mit mir, da vorn braucht jemand unsere Hilfe», sich gemeinsam den Randalierern nähern, dem Opfer die Hand reichen und es aus der Situation befreien.
  • Grundsätzlich gilt: Täter siezen, keine Beleidigungen aussprechen, Öffentlichkeit schaffen, nicht provozieren und den Täter nicht anfassen!


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Ein Kollege trinkt, der Chef begrapscht eine Angestellte, und ein Mitarbeiter wird ausgegrenzt.

Am Arbeitsplatz Zivilcourage zu zeigen ist sehr schwierig, da man befürchten muss, selber sanktioniert oder kaltgestellt zu werden. Zudem haben gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten viele Leute ohnehin Angst um ihren Arbeitsplatz. Dennoch: wachsam sein und Verantwortung übernehmen. Trinkt der Kollege während der Arbeitszeit und verschlechtert sich dadurch seine Leistung, muss man ihn unter vier Augen auf sein Problem ansprechen.

  • Wichtig ist es, immer in Ich-Botschaften zu sprechen. Also zum Beispiel: «Ich habe beobachtet, dass du trinkst, und mache mir Sorgen.» Hilfe anbieten und auf Beratungsstellen aufmerksam machen.
  • Wenn ein Vorgesetzter einer Kollegin zu nahe tritt und sie belästigt, zuerst mit dem «Opfer» sprechen und eigene Beobachtungen mitteilen (in Ich-Botschaften). Die Betroffene ermuntern, dem Chef höflich, aber klar die Grenzen durchzugeben, etwa dass er mehr Abstand wahren soll. Nützt dies nichts, muss man sich an die Mitarbeitervertretung der Firma wenden.
  • Auch bei Mobbing ist das Ansprechen der erste Schritt. Eigene Wahrnehmung überprüfen und Kollegen fragen, ob ihnen auch auffällt, dass über XY schlecht geredet wird oder Besprechungen abgehalten werden, wenn er nicht da ist. In einer Teamsitzung muss Klartext gesprochen werden. Vorgängige Schuldzuweisungen vermeiden. Die Lage ist oft nicht eindeutig.


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Schlägt der Nachbar seine Frau? Werden die Kinder der Familie X misshandelt?

Gewalt in der Familie ist weit verbreitet. Nachbarn oder Familienangehörige schauen aber meist weg, weil die Familie nach wie vor als private Sphäre gilt. Man hat Angst, durch einen falschen Verdacht Schlimmes anzurichten. Auch hier gilt:

  • Den Nachbarn direkt sagen, was man beobachtet hat und was man befürchtet. Betroffenen signalisieren, dass es Hilfsangebote gibt. Oft hilft den Opfern schon, wenn sie merken, dass es nicht unbeachtet bleibt, was mit ihnen passiert. Falls die Nachbarn alles abstreiten, dranbleiben und weiter beobachten. Andere Nachbarn ansprechen und fragen, ob sie ähnliche Wahrnehmungen haben.
  • Es darf nicht toleriert werden, wenn ein Mensch schlecht behandelt wird. Falls man Angst vor Denunzierung hat, kann man bei einer Beratungsstelle anrufen und sich informieren lassen.


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Aussenseiter werden von Klassenkameraden fertig gemacht, die Lehrer schweigen.

Die Lehrerschaft muss Verantwortung übernehmen. Oft tun Lehrer Vorfälle als Bagatellen oder einmalige Ausrutscher ab. Sie müssen aber frühzeitig eingreifen und den Kindern sagen, dass es unfair ist, jemanden auszugrenzen oder zu plagen. Kindern muss von Eltern und Schule früh beigebracht werden, dass sie auch Verantwortung tragen, dass sie sich äussern sollen, wenn sie Ungerechtes wahrnehmen.

  • Die Lehrer dürfen Kinder, die ihnen mitteilen, eine Mitschülerin werde geplagt, nicht als Petzer hinstellen. Bei Konflikten unter Schülern sollten Klassenkonferenzen abgehalten werden.