Der BMW gerät auf der A12 bei der Ausfahrt Flamatt FR in voller Fahrt ins Schleudern. Der Wagen wird über das Wiesenbord meterhoch in die Luft katapultiert und kracht mit einem Knall zu Boden. Aus dem Wrack züngeln erste Flammen, Schreie ertönen. Eine Szene wie aus einem Actionfilm, fast unwirklich. Zwei Menschen erfassen den Ernst der Lage und tun, was sich als lebensrettend erweisen wird: Sie handeln, ohne einen Moment zu zögern.

Der 46-jährige Mechaniker Fritz Luchsinger schaut an seinem Arbeitsplatz zufällig aus dem Fenster, als der Wagen von der nahen Autobahn her über die Böschung rast. Zu überlegen gibt es nichts: «Mir war sogleich klar, dass es um Leben und Tod ging.» Luchsinger rennt zum Unfallort. Dort trifft er auf Naser Zubaku, einen in Köniz BE wohnhaften Kosovaren. Der 32-jährige Kurier hat sofort angehalten, um zu helfen.

Die beiden Männer, die sich nie zuvor gesehen haben und sich nur schwer verständigen können, funktionieren in der Notlage als Team: Zubaku birgt das 18 Monate alte Baby aus dem Wagen, Luchsinger zerrt mit einiger Mühe dessen Mutter durch das Seitenfenster ins Freie und bringt sie in Sicherheit. Sekunden später explodiert das Unglücksauto. Die Polizeimeldung hinterlässt keine Zweifel: «Dank der raschen Bergung blieb den Verunfallten der Flammentod erspart.»

Schon kurz nach der Rettungsaktion, die ihn selber in Lebensgefahr gebracht hat, setzt Naser Zubaku seine Kurierfahrt fort – die Kunden warten. Ein grosses Aufheben will er um die Sache nicht machen. «Mir reicht die Gewissheit, etwas Gutes getan zu haben.»

Umso stärker bewegt ist Fritz Luchsinger, für den die Geschehnisse dieses kalten Februartages ein Déjà-vu-Erlebnis sind. 1993 verursachte der damalige Lastwagenfahrer aus Schmitten FR einen Verkehrsunfall, bei dem ein Kind starb. Ein schmerzlicher Einschnitt für den Mann, der heute selber Vater einer fünfjährigen Tochter ist: Luchsinger geriet in eine tiefe Krise, verlor Arbeit und Lebensmut. Jetzt, da er Leben gerettet hat, kann er etwas von dieser Schuld ablegen. «Es ist, als habe mir jemand einen schweren Rucksack abgenommen», sagt er.

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