Der Täter rammt brutal das Fahrrad der 13-jährigen Katja mit dem Auto. Anschliessend missbraucht und würgt er das Mädchen. Erst als sie sich tot stellt, lässt der Mann von ihr ab – Katja überlebt. Geschehen am 2. Februar 1996. Die Polizei fasst den Kinderschänder vier Tage später. Ein Wiederholungstäter.

Katjas Mutter, Doris Vetsch, und ihre Tante, Anita Chaaban, weigern sich, das Verbrechen einfach hinzunehmen. Die Schwestern aus dem St.Galler Rheintal lancieren die «Verwahrungsinitiative»: Wenn zwei Psychiater einen Gewalt- oder Sexualstraftäter als nicht therapierbar einstufen, soll er lebenslang verwahrt werden. Spätere Beurteilungen finden nur statt, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen.

An Standaktionen kommen – harzig genug – die ersten Unterschriften zusammen. Anita Chaaban, 44, und Doris Vetsch, 45, die sich nächtelang durch Gesetzestexte und Fachliteratur arbeiten, führen einen einsamen und oft belächelten Kampf. Weder Parteien noch Prominente engagieren sich. Fachleute spotten, die Medien – der Beobachter eingeschlossen – kochen auf Sparflamme. «Bei Podiumsgesprächen haben selbst die Moderatoren gegen uns Partei ergriffen», erzählt Anita Chaaban.

Negative Reaktionen bleiben nicht aus, anonyme Drohbriefe treffen ein. «Damit lernt man leben», sagen die beiden zupackenden Frauen. Weniger gut wegstecken kann Anita Chaaban den Besuch eines entwichenen Gewalttäters. Es braucht einiges, bis sich die Polizei herbemüht. Mit der Verhaftung des Mannes hört die Bedrohung nicht auf: Er türmt wenig später.

Anfang 2000, drei Monate vor Ablauf der Sammelfrist, fehlen immer noch 60'000 Unterschriften. Dann strahlt der Fernsehsender Tele 24 eine Sendung über das kontroverse Volksbegehren aus: «Endlich kamen wir zu Wort – und wurden gehört.» Die Initiative wird mit 194'000 Unterschriften eingereicht. Am 8. Februar 2004 wird die Standhaftigkeit der Initiantinnen endgültig belohnt: Die «Verwahrungsinitiative» findet an der Urne ein überwältigendes Mehr. Keiner lacht mehr über die entschlossenen Frauen.

Quelle: Ursula Meisser