Liebe Gäste, liebe Nominierte

die Geschichten, die der Jury des «Prix Courage» vom Beobachter jeweils vorgelegt werden, lesen sich wie ein Streifzug durch die Schatten unserer Gegenwart. Es geht um alltäglichen Rassismus, gegen den sich zwei junge Frauen in bewundernswürdiger Weise zur Wehr setzen, es geht um die Gleichgültigkeit, mit der sich Menschen von gewalttätigen Vorgängen abwenden und sich von einem Buben oder einer Mutter mit ihrem Kind eine Lektion in Menschlichkeit erteilen lassen müssen, es geht um die Ausschaffung von Fremden, die eine Familie auseinanderreisst, welche dann von einem beherzten Gemeindepräsidenten wieder zusammengeführt wird, es geht um einen städtischen Angestellten, der den Mut hat, gegen eine Verschlechterung des Pensionskassenreglements zu kämpfen und vom Gemeinderat unterstützt, aber dafür vom Stadtrat gekündigt wird, es geht um zwei junge Arbeiter, die auf einer Baustelle mit dem Abbau von Asbest beauftragt werden, ohne dass sie dafür ausgerüstet sind und deren hartnäckige Proteste schliesslich zu einem Baustopp, aber gleichzeitig zu ihrer Entlassung führen.

Wir haben all diese Dossiers in der Jury ausführlich besprochen, und ich bitte die Kandidatinnen und Kandidaten, ihre Nomination und somit ihre Anwesenheit heute Abend als Zeichen des Respekts zu betrachten, den wir ihrer Zivilcourage entgegenbringen. Wenn wir Gewinner auswählen, heisst das auf keinen Fall, dass die andern Verlierer sind.

Die Jury hat beschlossen, den diesjährigen Prix Courage an Lukas Klauser und Philip Lechner zu vergeben.

Lieber Lukas Klauser, lieber Philip Lechner, Ihre Geschichte ist ein Fall, wie er in der heutigen, auf reibungslose Effizienz getrimmten Arbeitswelt leider immer wieder oder vielleicht sogar immer mehr vorkommt und wie er eigentlich nicht vorkommen dürfte. Deshalb schien es uns wichtig, mit diesem Preis an Sie ein Zeichen zu setzen. Ihre Bedenken, die Sie bei den Vorgesetzten vorbrachten, nachdem Ihnen der Verdacht gekommen war, es handle sich bei Teilen, die Sie entsorgen mussten, um das hochgefährliche Asbest, dessen Beseitigung nur mit spezieller Schutzausrüstung vorgenommen werden darf, diese Bedenken wurden so lange verharmlost, bis Sie sich Hilfe von aussen holten.

Damit erreichten Sie einen Baustopp, und die Materialproben ergaben, dass Sie Recht hatten. Sie handelten nicht nur im Interesse Ihrer eigenen Gesundheit, sondern auch derjenigen aller beteiligten Arbeiter, bekamen aber von Ihrer Temporärfirma und vom renommierten eidgenössischen Unternehmen, für das diese Firma tätig war, nur Vorwürfe zu hören, mehr noch, das Unternehmen drängte darauf, dass Sie nicht mehr weiter beschäftigt wurden, und die Temporärfirma, die wohl um weitere Aufträge fürchtete, schickte Ihnen prompt den blauen Brief.

Mit andern Worten, kritische Stimmen im Arbeitsprozess werden nicht als Mitarbeit, sondern als Störung, ja als Sabotage empfunden. Man warnte Sie sogar davor, die Suva zu benachrichtigen. Niemand wollte mit Ihnen über Ihre Fragen diskutieren. Niemand hat Ihnen gedankt. Deshalb danken wir Ihnen jetzt.

Wir überreichen Ihnen für Ihren Mut und Ihre Beharrlichkeit den Prix Courage 2006.

Laudatio von Jurypräsident Franz Hohler