In den zehn Jahren, in denen der Beobachter den Prix Courage verleiht, wurden immer wieder starke Frauen ausgezeichnet, die persönliche Nachteile in Kauf genommen haben, um ihren Grundsätzen treu bleiben zu können: Angela Ohno, Ruth Ramstein, Malica Skrijeli, Anita Chaaban und Doris Vetsch.

Die Preisträgerin des Publikumspreises 2007 reiht sich in diese Tradition ein: Sie hat das demokratiefeindliche Verhalten ihrer Vorgesetzten aufgedeckt und in Kauf genommen, dass sie dabei wohl fast zwangsläufig ihre Stelle verliert.

Der Publikumspreis 2007 geht an Frau Caroline Kramer.

Frau Kramer war sechs Jahre lang eine geschätzte und bestens qualifizierte Mitarbeiterin im Bundesamt für Gesundheit. Dass weder Bundesrat Couchepin noch BAG-Direktor Thomas Zeltner grosse Anhänger der Alternativmedizin sind, war ihr natürlich bekannt. Doch dass das Bundesamt heimlich einen 300'000 Franken schweren «Kampffonds» gegen die Volksinitiative «Ja zur Komplementärmedizin» organisierte, erstaunte sie doch. Steuergelder zur Manipulation der öffentlichen Meinung? Dabei hatte das Parlament über die Volksinitiative noch gar nicht debattiert.

Frau Kramer machte die Pläne des BAG publik, die Parlamentskommission rügte das Bundesamt, der PR-Auftrag wurde gestoppt und Frau Kramer verlor ihre Stelle. Denn für die BAG-Vorgesetzten war «das Vertrauensverhältnis gestört»: Unrecht schien ihnen nicht das demokratiefeindliche Verhalten des eigenen Bundesamtes, «unrecht» war die Indiskretion darüber.

Die Leserinnen und Leser des Beobachters sind anderer Meinung. Sie belohnen das Verhalten von Caroline Kramer mit dem Publikumspreis 2007.

Laudatio von Balz Hosang, Chefredaktor Beobachter

Interview mit Caroline Kramer

Beobachter: Frau Kramer, Sie haben den Publikumspreis des Prix Courage gewonnen. Wie fühlen Sie sich?
Caroline Kramer: Ich fühle mich einfach super. Und fühle mich bestätigt in dem, was ich gemacht habe.

Beobachter: Sie haben mit dem Publikumspreis 10'000 Franken gewonnen. Wissen Sie schon, was Sie mit dem Geld machen werden?
Kramer: Ich werde mir eine schöne, grosse Werbetafel für meine Praxis leisten, denn diese steht ein Stück abseits der Strasse. Und vielleicht lasse ich einen Gärtner kommen, damit der mir hilft, meinen eher unordentlichen Garten schöner zu machen.

Beobachter: Hatten Sie damit gerechnet, dass Sie gewinnen könnten? Immerhin hatten Sie mit dem Berufsstand der Alternativmediziner eine grosse Lobby hinter sich.
Kramer: Nein. Ich dachte, dass Margrit Kessler den Jurypreis gewinnt und Marina und Ruedi Suter den Publikumspreis. Aber natürlich freut es mich ungemein, dass so viele Leute für mich abgestimmt haben.

Beobachter:Wegen Ihnen wurden Thomas Zeltner, Chef des Bundesamtes für Gesundheit, und Bundesrat Pascal Couchepin von einer Untersuchungskommission gerügt. Wie fühlt es sich an, wenn man der Auslöser einer solchen Rüge an höchste Stelle ist?
Kramer: Extrem gut! Aber eigentlich genügt eine Rüge nicht, schliesslich wollten sie das Volk manipulieren, und dies sogar mit Steuergeldern. 300'000 Franken wurden dafür einfach so budgetiert. Jeder kleine Angestellte würde in so einem Fall viel härter zur Kasse gebeten.

Beobachter: Sie waren von Thomas Zeltner, Ihrem Chef, wegen Vertrauensbruch und Amtsgeheimnisverletzung «in gegenseitigem Einvernehmen» entlassen worden. Wie lange waren Sie arbeitslos?
Kramer: Ganze neun Monate. Dann hatte ich eine Stelle, die ich nach wenigen Monaten kündigte. Ich hatte das Gefühl, dass man mir nicht traute. Ein Abschlussgespräch bestätigte meinen Verdacht. Jetzt bin ich selbständig und sehr glücklich dabei.

Beobachter: Wie ging Ihr Umfeld damit um, dass Sie quasi Ihr Amt verpfiffen haben?
Kramer: Gut. Meine Bekannten und Verwandten bestärkten mich darin, dass ich das Richtige getan hatte. Das tat gut, schliesslich hat man auch Selbstzweifel.

Beobachter: Wurden Sie je offen angefeindet?
Kramer: Nein, Gott sei Dank nie. Das muss sehr schlimm sein.

Beobachter: Ihr Fall beschäftigte eine ganze Weile die Presse, sogar im Fernsehen traten Sie auf. Wurden Sie danach von Passanten auf der Strasse erkannt?
Kramer: Im Dorf schon, sonst nicht. Ich verlasse mein Dorf aber auch nicht gerade häufig, bewege mich vor allem zwischen Arbeitsplatz und Zuhause.

Beobachter:Und wie war es, von fremden Leuten erkannt zu werden?
Kramer: Lässig!

Beobachter: Würden Sie beim nächsten Mal etwas anders machen?
Kramer: Ich würde auf jeden Fall dafür sorgen, dass ich schnell einen Rechtsvertreter zur Hand hätte, der mir beratend zur Seite steht - für alle Fälle.

Beobachter: Vor drei Tagen hat der Nationalrat zur Alternativmedizin-Initiative ein «Nein» herausgegeben. Sowohl Umfragen wie auch Ihre Wahl zur Prix-Courage-Preisträgerin deuten aber darauf hin, dass das Volk bei der Abstimmung anders entscheiden wird. Freut Sie das?
Kramer: Das freut mich extrem. Es scheint mir aber auch normal: Immerhin haben 70 Prozent der Bevölkerung eine Zusatzversicherung für Komplementärmedizin.

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