Sehr geehrte Damen und Herren 

Bitte erlauben Sie mir, gleich zu Beginn einen Dank an den Beobachter und speziell die Organisatoren von heute Abend auszusprechen - für die Zeit, die sie mir geschenkt haben.

Natürlich danke ich daneben auch und insbesondere für die Einladung und überhaupt für die wunderbare Idee, Jahr für Jahr den Prix Courage zu verleihen - einen Preis für gesellschaftliches Engagement und unerschrockenes, mutiges Handeln zugunsten einer offenen, solidarischen und gerechten Schweiz. 

Nun zur Zeit, die Sie mir Zeit geschenkt haben: Bei der Vorbereitung auf den heutigen Abend machte ich mir selbstverständlich Gedanken, was ich ganz persönlich mit dem Prix Courage verbinde. Schnell kam ich auf den Begriff «Zivilcourage» und von da war es nur noch ein kleiner Schritt hin zu einer Kindheitserinnerung - zu meiner Lieblingslektüre als Zehnjährige, als Fünfzehnjährige und nun fast wieder ein bisschen als Dreiunddreissigjährige: «Das Fliegende Klassenzimmer» von Erich Kästner.

Der deutsche Schriftsteller Erich Kästner, berühmt für seine scharfsinnigen Kinderbücher – wobei mich auch die Erwachsenenromane und vor allem seine Gedichte begeistern -, hat uns manchen klugen Satz mit auf den Weg gegeben. Einer der klügsten versteckt sich vielleicht ganz unscheinbar mitten im «Fliegenden Klassenzimmer»: in einem Schulzimmer, in welchem soeben ein etwas schwächlicher Junge in einen Korb gesteckt und mit einem Seil an die Decke hinauf gezogen wurde. Niemand will sich zur Tat bekennen oder Auskunft dazu geben, als der Lehrer eintritt, den Schüler im Korb oben entdeckt und die Klasse um Aufklärung der Situation bittet. Als Strafe müssen alle Schüler fünf Mal den Satz schreiben:

Ein Satz – so einfach und doch so wahr. Und wichtiger als die allermeisten Parolen, die jeweils im Vorfeld von Abstimmungen oder Wahlen unsere Plakatwände zieren. Dieser Satz kam mir also vor ein paar Tagen hinsichtlich dieser heutigen Preisvergabe in den Sinn und die Erinnerung animierte mich dazu, «das Fliegende Klassenzimmer» aus dem Bücherregal hervor zu holen und darin zu stöbern. Beim Stöbern blieb es nicht; ich vergass die Zeit, ich erlebte die Geschichte nochmals mit bis hin zum Happy End – eine wahre Freude. 

«An jedem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die Schuld, die ihn begehen, sondern auch jene, die ihn nicht verhindern». Ein Satz mit viel Tiefe – ein Satz, der hervorragend zum heutigen Abend passt. 

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Übrigens fragt in Kästners Geschichte ein Schüler dann noch vorwitzig, wieso sie den Satz fünf Mal und wieso nicht gleich 50 Mal niederschreiben sollen; worauf der Lehrer erwidert: «Damit er nicht vergessen geht.» 

Zivilcourage ist ein grosses Wort, auch wenn es oft Kleinen gründet und sich in ganz alltäglichen Situationen zeigt. 

Ich wollte mich diesem grossen Wort, dieser Bürgertugend, noch mehr nähern und bin dabei auf eine Online-Umfrage des Psychologischen Instituts der Universität Zürich zum Thema Zivilcourage gestossen: Ein Fragebogen, in welchem verschiedene Situationen geschildert werden, in denen eine andere Person bzw. eine Gruppe von Personen schlecht behandelt oder angegriffen wird.

Teilweise ging es um Diskriminierungen, teilweise um die Androhung oder Ausübung roher Gewalt. Man wird im Fragebogen gebeten, sich so lebendig wie möglich vorzustellen, man würde die jeweilige Szene beobachten. Zudem sollte man sich vor Augen führen, wie man sich in einer solchen Situation verhalten würde.

Eine sehr schwierige Denkaufgabe – und noch grösser ist selbstverständlich die Aufgabe, die Herausforderung, wenn es ich dabei eines Tages einmal tatsächlich nicht um Fiktion, sondern um die Realität handelt. Wenn Worte allein nicht reichen, sondern Taten gefordert sind. Wenn keine Zeit bleibt, gross nachzudenken, sondern es hinzustehen, Verantwortung zu übernehmen und zu reagieren gilt.  

Was mir mit dem Fragebogen wieder richtig bewusst wurde, war, dass der Schutz der Menschenwürde nicht erst bei der Eskalation beginnt – nicht erst dort beginnen darf. Sozialer Mut ist überall in unserer Gesellschaft gefragt: am Arbeits- und Ausbildungsplatz, in der Politik, im Sport, und so weiter. Echte Zivilcourage kommt dabei selten im Heldenanzug des Supermannes oder der Superfrau daher, sondern trägt sehr oft ein einfaches Alltagskleid – schlicht, aber robust, wenn es darauf ankommt.

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«An jedem Unfug, der passiert», – und ich erlaube mir zu ergänzen: an jedem Unrecht, das passiert - «sind nicht nur die Schuld, die ihn begehen, sondern auch jene, die ihn nicht verhindern».

Liebe Kandidatinnen und Kandidaten 

Ich will Ihre Leistungen nicht mit der Geschichte im «Fliegenden Klassenzimmer» vergleichen.

Aber sie geben diesem Satz Wahrheit, sie geben ihm ein Gesicht – ihr eigenes Gesicht aufgrund ihrer eigenen Geschichte.

Sie sind hin gestanden. Sie haben sich gegen Unrecht zur Wehr gesetzt, Menschenleben gerettet, sich eingemischt, ihre Meinung öffentlich kundgetan. Kurz: Sie haben Zivilcourage bewiesen. Dafür danke ich Ihnen herzlich. Und ich wünsche mir sehr, Ihr Mut wird viele weitere Bürgerinnen und Bürger zum Nachahmen ermutigen.

Geschätzte Damen und Herren

In unserer Gesellschaft war und ist unerschrockenes, beherztes Eingreifen gegen Unrecht immer wieder nötig. Das kann auch in Zukunft nicht einzig und alleine Aufgabe der Ordnungshüter sein; das ist auch ein Teil der Aufgabe von uns allen, einzeln und gemeinsam. 

Ich freue mich sehr, heute Abend mit Ihnen hier zu sein, mit Ihnen gesellschaftlichen Mut und jene Menschen, die ihn bewiesen haben, zu feiern.