Liebe Gäste,

die Fälle, die der Beobachter der Jury zur Beurteilung vorlegt, lesen sich zum Teil fast wie eine Schattengeschichte unseres Landes: Da gibt es idyllische Kuhweiden, die zur Hölle werden, da gibt es in den edlen Hotels unseres Tourismuslandes Arbeitsverträge, die zum Nachteil ausländischer Angestellten in keiner Weise eingehalten werden, da gibt es Drohungen gegen Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen, da gibt es grausame Angriffe auf Leib und Leben, die sich mit besserer Information verhindern liessen, da gibt es Ausgrenzungen und Diffamierungen Andersdenkender, die nichts anderes tun als ihre Rechte wahrzunehmen oder einzufordern – aber was immer wieder in diese Schattenlandschaft hineinleuchtet und sie aufhellt, ist  die Unerschrockenheit von Menschen, die sich nicht mit einer schlimmen Situation abfinden, sondern den Mut haben, zu handeln, sei es den kurzfristigen Mut, sofort dort einzuspringen, wo niemand anderer da ist, sei es den langfristigen Mut, sich der Mühsal eines langwierigen und schmerzhaften Prozesses zu stellen, um eine schlimme Situation zu verbessern.

Seien Sie versichert, liebe Nominierte, dass wir alle ihre Geschichten sorgfältig studiert haben und dass es uns leid tut, nur eine davon auszeichnen zu können. Wir hoffen, dass sich alle Kandidaten und Kandidatinnen dadurch gewürdigt fühlen, dass ihre Geschichte einer grossen Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde und dass ihr Foto auf dem Titelbild einer der meist gelesenen Zeitschriften der Schweiz zu sehen war.

Die Jury möchte den Prix Courage dieses Jahr nicht einer einzelnen Person überreichen, sondern einer Gruppe: Frau Michèle Christe, Herr Jean-Marc Christe, Herr Raoul Challet und Herr Bernard Hegny haben sich während über drei Jahren unermüdlich dafür eingesetzt, dass in ihrer Gemeinde kein Landwirtschafts- und Erholungsland in eine Sonderzone für eine Autopiste umgewandelt wird, auf welcher an 7 Tagen in der Woche Testfahrten durchgeführt werden sollten. Sie haben von ihren Rechten Gebrauch gemacht und ihren Rekurs bis vors Bundesgericht gezogen, das ihnen schliesslich recht gab. Dabei liessen sie sich auch durch zermürbende Druckversuche und Verunglimpfungen der Befürworter dieses Projekts nicht beirren und kämpften so lange für ihr Anliegen einer intakten Landschaft, bis sie ihr Ziel erreichten.

Wir gratulieren den mutigen Vier aus Vendlincourt, wir hoffen, dass auch ihre Gegner ihren guten Willen wieder anerkennen  und sich mit ihnen versöhnen können, und wir sehen die Preisvergabe nicht zuletzt als Ermutigung für Menschen an, sich dort zusammen zu tun und gemeinsam zu wehren, wo sie ihre Werte bedroht sehen.

Franz Hohler, 9.9.2011

Franz Hohler anlässlich seiner Rede

Quelle: Adi Bitzi, usgang.ch
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