Liebe Kandidatinnen, liebe Kandidaten

Die schwierige Frage, was Zivilcourage im Kern ausmacht, haben Sie auf Ihre Art und Weise beantwortet: nicht mit Worten, sondern mit Taten. Und vielleicht ohne dass Sie sich selber hätten darauf vorbereiten können. Wir gratulieren Ihnen allen zu Ihrem Mut und zu Ihren Leistungen!

Sie haben es uns, der Jury, nicht leichtgemacht. Wir haben ausgiebig diskutiert – die schlussendliche Wahl war dann aber klar und eindeutig: Der diesjährige Prix-Courage-Jury-Preis geht an Ursula Biondi, Bernadette Gächter, Jean-Louis Claude und Walter Emmisberger. Der Preis geht an sie – aber nicht ausschliesslich an sie, sondern auch an viele Tausende weitere ehemalige Verdingkinder und Opfer behördlicher Willkür.

Ohne Schutz, ohne Erklärung wurden sie an einem fremden Ort platziert, wurden verletzt, verachtet, gedemütigt, missbraucht, zwangssterilisiert, erniedrigt. Ledigen Müttern nahm man die Kinder weg, gab sie zur Adoption frei; Kinder wurden in Waisenhäusern platziert, obwohl sie Eltern hatten; Jugendliche wurden jahrelang ins Gefängnis gesteckt, ohne dass sie je für eine Straftat verurteilt oder auch nur angeklagt wurden. Als völlig inakzeptable Begründung genannt hatte man damals mal ein liederliches Leben, mal sogenannte Arbeitsscheu, mal ein ärmliches Umfeld.

Geschätzte Damen und Herren

Die Jury verbindet den diesjährigen Prix Courage mit drei uns wichtigen Botschaften:

Der Preis soll Mut belohnen:

Den Mut von Menschen, die in ihrem Innersten, nämlich in ihrer Würde, verletzt wurden. Den Mut von Menschen, die ihres Ichs beraubt wurden. Den Mut von Menschen, die trotz allem die Kraft gefunden haben, ihre Stimme zu erheben und das persönliche, schier unbeschreibliche Unrecht zu beschreiben. Sie waren fähig, ihr Ich zurückzuerobern, und bereit, zu ihrem Ich und ihrer Geschichte öffentlich zu stehen.

Ihre Geschichte ist Teil der Geschichte von uns allen, Teil der Geschichte unseres Landes. Es darf nicht sein, dass dieses dunkle Kapitel der schweizerischen Sozialgeschichte vergessen und damit historisches Unrecht aus unserem Bewusstsein verdrängt wird. Das ist der erste Grund für die heutige Auszeichnung: Wir danken ihnen für ihr Engagement, denn ihr Mut und ihr Mitwirken sind von entscheidender Bedeutung für die dringend nötige, lückenlose historische Aufarbeitung

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Der Preis ist Ausdruck unseres Respekts:

Jedes einzelne Jurymitglied ist tief beeindruckt von den vier Persönlichkeiten, die wir heute mit dem Prix Courage auszeichnen dürfen.

Frau Biondi, Frau Gächter, Herr Claude und Herr Emmisberger,

Sie erhalten den Prix Courage 2013 für das Hier und Heute. Auch ohne Blick auf die Vergangenheit und im Unwissen, was die Zukunft noch bringen mag, möchten wir Ihnen mit dieser Auszeichnung sagen: Wir haben grossen, tiefen, ehrlichen Respekt vor Ihnen als Menschen. Und vor Ihrem Engagement. Mit Ihren Worten geben Sie auch jenen Opfern behördlicher Willkür eine Stimme, die über das Erlebte noch nicht oder nicht mehr reden können. Auch jenen, die das vielleicht gar nicht wollen – das gilt es vollumfänglich zu respektieren, ohne Wenn und Aber. Der selbstbestimmte Entscheid, über die eigene Geschichte zu reden oder nicht, ist das Recht jedes einzelnen Menschen.

Hingegen hat die Gesellschaft kein Recht wegzuschauen. Vielmehr stehen wir in der Pflicht, eine vollständige Aufarbeitung zu ermöglichen und einzufordern – und damit komme ich zum dritten und letzten Aspekt unserer Wahl.

Der Preis ist auch ein Aufruf an die Gesellschaft:

In diesem Jahr 2013 hat die Justizministerin, Bundesrätin Sommaruga, alle ehemaligen Verdingkinder und Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen öffentlich im Namen der Schweizer Regierung um Entschuldigung gebeten und einen runden Tisch initiiert. Ebenfalls in diesem Jahr hat die Guido Fluri Stiftung in Mümliswil (SO) eine nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder eröffnet.

Der Zeitpunkt ist also richtig, um mit dem Prix Courage ein Signal auszusenden: Die bisherigen Bestrebungen können nur ein Anfang sein, der Weg der gesellschaftlichen Aufarbeitung muss weiter-, viel weiterführen. Er ist nicht zuletzt wichtig, um jedem einzelnen Opfer aufzuzeigen, dass es in keiner Art und Weise schuldig ist an dem, was ihm widerfahren ist. Vergessen wir nicht: Viele von ihnen tragen bis heute nebst Wut und tiefen Verletzungen auch Scham in sich.

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Ob der diesjährige Prix Courage an diesen Weg der Aufarbeitung und Sensibilisierung einen kleinen Beitrag beisteuern kann, weiss ich nicht. Was ich aber weiss und mit mir die ganze Jury: Dieser Weg wäre völlig undenkbar ohne Ihren Beitrag, Ihren Mut, ja Ihre Zivilcourage. Herzliche Gratulation zum Prix Courage!

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