Beobachter: Der Zuger Justizdirektor Beat ­Villiger fordert von Bürgern mehr Zivilcourage gegen die steigende Kriminalität. Hat er recht?
Veronika Brandstätter: Die Forderung bringt zum Ausdruck, dass eine Gesellschaft die Wahrung der Grundrechte nicht einfach an den Staat delegieren kann. Das gefällt mir. Toleranz, friedfertiges Zusammen­leben, Respekt können sich nur durchsetzen, wenn sich alle dafür verantwortlich fühlen. Das heisst aber nicht, dass jede und jeder Polizist spielen soll.

Beobachter: Wenn einem um drei Uhr früh ein halbes ­Dutzend besoffene und pöbelnde junge Männer entgegenkommt, ist es nicht einfach, ­Zivilcourage zu zeigen.
Brandstätter: Besonders in alkoholisiertem Zustand scheinen manche Jugendliche Provokation und Drohung als eine Art Spiel zu sehen. Die Eskalation der Gewalt nehmen sie nicht nur in Kauf, sondern suchen sie bewusst. In einer solchen Situation ist es völlig unangebracht, sich aus Zivilcourage auf eine Schlägerei einzulassen. Zivilcourage heisst vor allem: wachsam sein. Dies bedeutet manchmal schlicht, mit dem Handy den Notruf zu wählen.

Beobachter: Das soll mutig sein?
Brandstätter: Ich höre diesen Einwand oft. Viele Leute setzen Zivilcourage mit Heldentum gleich. Das ist ein Missverständnis. Zivilcourage kann in banalen Alltags­situationen nötig sein: wenn am Arbeitsplatz Kollegen ausgegrenzt werden, wenn in der Schule Gerüchte verbreitet werden oder am Stammtisch fremdenfeindliche Sprüche fallen. Das Motto muss lauten: viele kleine Schritte statt Heldentaten.

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Beobachter: Wenn jeder jeden ständig zurechtweist, dann nervt das doch nur.
Brandstätter: Es gibt Leute, die sich gern als Moral­apostel aufspielen und Spass daran haben, andere zu massregeln. Das wollen wir nicht haben. Grundsätzlich kann jeder Mensch für sich selber einstehen. Wenn wir aber sehen, dass dies in einer bestimmten Situation nicht mehr möglich ist, sollten wir eingreifen.

Beobachter: Das fällt oft schwer. Warum?
Brandstätter: Manchmal ist es schlichte Ratlosigkeit. Wir wissen nicht, was wir genau tun sollen. Und uns fehlt die Routine. Es ist ähnlich wie bei der stabilen Seitenlage. Viele Menschen können die Lage genau beschreiben, aber im Notfall und unter Stress vermögen sie den Verletzten nicht richtig zu lagern. Das Wort Courage signalisiert, dass eine Handlung auch mit Nachteilen verbunden sein kann und deshalb Mut braucht. Es kann unangenehm sein, sich zu exponieren. Am Arbeitsplatz identifiziert man mich vielleicht mit jemandem, den man nicht mag. Oder ich kann die Gunst des Chefs verlieren.

Beobachter: Warum soll ich trotzdem aktiv werden?
Brandstätter: Wenn man Toleranz, friedfertiges Zusammenleben und Respekt als grundlegende Werte zwar akzeptiert, diesen Werten aber im täglichen Leben nicht nachlebt, bleiben unangenehme Gefühle zurück. Handelt man hingegen im Einklang mit ihnen, verschafft einem das Wohlbefinden und Zufriedenheit. Auch die Gesellschaft profitiert. Das Eintreten für Grundwerte verbessert das Klima an Schulen, am Arbeitsplatz und im öffentlichen Raum.

Beobachter: Kann man Zivilcourage lernen?
Brandstätter: Bis zu einem gewissen Grad, ja. Man kann sich die Dos and Don’ts aneignen. In unseren Trainings betonen wir etwa, dass man nur eingreifen soll, wenn man sich nicht selbst in unmittelbare Gefahr bringt.

Beobachter: Bei vielen Prix-Courage-Kandidaten war genau dies der Fall. Haben sie falsch gehandelt?
Brandstätter
: Was diese Menschen gemacht haben, ist bewunderungswürdig und verdient An­erkennung. Der Aspekt des Heldentums steht beim Prix Courage stark im Vordergrund. Zivilcourage braucht es aber auch in unspektakulären Situationen.

Sie sind gefragt!

Die Schweiz braucht mutige Menschen, die unerschrocken für eine Idee kämpfen. Seit 1997 verleiht der Beobachter den Prix Courage, den Preis für ­ausserordentliche Taten. Kennen Sie ­Personen, die sich in einer ­schwierigen Lage beherzt für andere eingesetzt haben?

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Redaktion Beobachter
Kandidaten Prix Courage
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Einsendeschluss: 31. Mai 2013