1. Home
  2. Prix Courage
  3. Prix Courage 2014: Die Sieger stehen fest

Prix Courage 2014Die Sieger stehen fest

Der «Beobachter Prix Courage» geht an Adrian Roggensinger. Mit dem «Prix Courage Next Generation» werden Arina Binz und Fitore Kastrati geehrt.

Prix Courage 2014: Adrian Roggensinger

Die Jury unter dem Vorsitz von Ständerätin Pascale Bruderer zeichnet Adrian Roggensinger mit dem «Beobachter Prix Courage» aus.

Eigentlich wollte Lisbeth Weber nur schnell den Bahnübergang in Freienbach überqueren. Doch plötzlich verfing sich ihr Rollator in den Schienen. Die 81-Jährige stürzte und lag auf dem Bauch. Benommen vom Aufschlag merkte sie nicht einmal mehr, dass sich die Bahnschranken schlossen und ein Zug herannahte.

Genau in diesem Augenblick fuhr der junge Postangestellte in seinem Lieferwagen zum Bahnübergang. Er sah die Frau und reagierte blitzschnell. Um sie sanft hochzuheben, reichte die Zeit nicht mehr. Der Postangestellte musste Weber mit einem kräftigen Ruck von den Gleisen ziehen. Die Rettung gelang in allerletzter Sekunde. Kaum waren beide in Sicherheit, rauschte der Zug vorbei.

Bis auf eine Ellbogenprellung blieb die Rentnerin unverletzt. «Ich bin überglücklich, dass der junge Mann mir zur Hilfe geeilt ist. Ohne ihn wäre ich nicht mehr da», sagte Weber bei einem späteren Treffen mit ihrem Retter. Doch Roggensinger sieht sich nicht als Held: «Es ist klar, dass ich ihr helfen musste. In diesem Moment habe ich nicht lange nachgedacht, sondern instinktiv gehandelt. Ich würde es wieder so machen.»

Der Preis wurde den Gewinnern am Freitagabend in festlichem Rahmen überreicht. Beobachter-Chefredaktor Andres Büchi würdigte in seiner Laudatio den Preisträger: «Zivilcourage zeigt sich in Haltung, Integrität und in der Entschlossenheit, in der entscheidenden Situation das Richtige zu tun. Das Gute dabei ist: Zivilcourage erkennen wir sofort, wo sie uns begegnet. Der Wert dieser Tugend ist unbestritten. Sie ist in unserer DNA angelegt als eine Art innere Stimme. Wie mutig wir sind, dieser Stimme zu folgen, zeigt sich, wenns drauf ankommt. Adrian Roggensinger ist ein Mann, der nie davon träumte, ein Held zu werden, aber im entscheidenden Moment das tat, was einen Helden ausmacht. Denn Helden werden nicht geboren. Sie erwachsen aus Situationen. In einer Welt, die zunehmend zersplittert in Eigeninteressen, bewies Adrian Roggensinger, dass es Hoffnung gibt, weil es Menschen gibt, die Zivilcourage zeigen. Menschen, die dem inneren Kompass folgen für eine bessere Welt. Menschen, die den Unterschied ausmachen. Adrian Roggensinger hat die Welt mit seinem Einsatz ein kleines bisschen besser gemacht.»

Prix Courage Next Generation: Arina Binz und Fitore Kastrati

Arina Binz und Fitore Kastrati gewinnen den «Prix Courage Next Generation».

Gemeinsam haben Fitore Kastrati und Arina Binz als Peacemakerinnen an einer Hombrechtiker Schule nicht nur Streithähne getrennt, sondern sich auch eingeschaltet, als eine Schülerin in der 1. Sekundarklasse gemobbt wurde, traurig und einsam wurde und letztlich Selbstmordgedanken äusserte.

Die beiden 16-jährigen Mädchen kontaktierten die Präventionsstelle der Schule, die umgehend reagierte. Die beiden Mädchen wurden gecoacht, und sie kümmerten sich sofort um die Erstklässlerin. «Wir haben uns mit ihr getroffen und ihr versichert, dass sie uns vertrauen kann», sagt Fitore. «Und wir haben sie auch immer wieder kontaktiert, wenn wir eine Weile nichts von ihr hörten», ergänzt Arina.

Zum Glück geht es der jüngeren Schulkollegin inzwischen besser. Arina und Fitore haben eine wichtige Lektion fürs Leben gelernt: «Wir wissen, wie wichtig es ist, andern zu helfen, denen es gerade nicht so gut geht.»

Für ihr beherztes Eintreten wurden Arina Binz und Fitore Kastrati von der Jury mit dem Jugendpreis «Prix Courage Next Generation» in der Höhe von 3000 Franken ausgezeichnet.

Dazu Jury-Präsidentin Pascale Bruderer: «Ein offenes Ohr zur richtigen Zeit, eine ausgestreckte, unterstützende Hand im entscheidenden Moment – das kann alles verändern, zum Guten, sagte ein Jurymitglied und berührte mit diesen Worten auch uns mitten im Herz. Und uns wurde klar: Ja, auch das ist Mut. Der Mut, für einen Mitmenschen einzustehen. Der Mut, hinzuhören und zuzuhören. Ein stiller Mut, der uns enormen Eindruck macht. Auch und gerade in Zeiten, in denen sich Jugendliche regelmässig mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, oberflächlich, gleichgültig und ich-bezogen zu sein. Die Jury beeindruckte dabei die Abgeklärtheit, mit der die beiden jungen Frauen unterscheiden konnten zwischen den eigenen Möglichkeiten einerseits und den eigenen Grenzen andererseits. Ihnen war klar, dass sie einen Experten informieren und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen mussten, was sie auch von Beginn weg taten. Gleichzeitig stahlen sie sich selber aber nicht aus der Verantwortung, sie fanden einen Draht zum verzweifelten Mädchen, unterstützten sie auf einfühlsame Weise und leisteten so einen persönlichen Beitrag daran, dass sich ihr Zustand wieder besserte und nachhaltig stabilisieren konnte. Wir zeichnen heute Zivilcourage aus, die im entscheidenden Moment den Unterschied machen kann. Den Unterschied zwischen Trost und Ausweglosigkeit, zwischen Zuversicht und Hoffnungslosigkeit, zwischen Leben und Tod. Dieser Mut, seine Verbindlichkeit, Ruhe und Wärme hat uns berührt. Wir freuen uns, wenn er andere Jugendliche zu ebensolchem Einstehen für Klassenkameraden, Freundinnen, Mitmenschen animiert.»

Laudatio zum Prix Courage 2014

von Andres Büchi, Chefredaktor Beobachter

Sehr geehrte Damen und Herren,

Zivilcourage zeigt sich auf verschiedenste Arten: im spektakulären Mut von Lebensrettern, im kämp-ferischen Mut, gegen einen Missstand vorzugehen, im beharrlichen Mut, für ein gesellschaftlich wichtiges Anliegen Engagement zu zeigen.

All diesem Mut gemeinsam ist das Eintreten für Werte, die höher liegen als im eigenen Interesse. Kurz: Zivilcourage zeigt sich in Haltung, Integrität und in der Entschlossenheit, in der entscheidenden Situation das Richtige zu tun. Das Gute dabei ist: Zivilcourage erkennen wir sofort, wo sie uns begegnet. Der Wert dieser Tugend ist unbestritten. Sie ist in unserer DNA angelegt als eine Art innere Stimme. Wie mutig wir sind, dieser Stimme zu folgen, zeigt sich aber erst, wenns drauf ankommt.

In diesem Jahr wurden aus unserm Leserkreis besonders viele Kandidaten vorgeschlagen, die Mut bewiesen haben, indem sie in Gefahrensituationen eingegriffen haben. Einige besonders herausragen-de Beispiele darunter haben wir aufgegriffen im Beobachter. Ihre Geschichten, ihre Nominationen zum Prix Courage, sollen Vorbilder sein und zeigen, was sie geleistet haben.

Jury und Beobachter-Leserschaft haben ihre Meinung abgegeben. Die besten Werte in beiden Katego-rien erzielte der Glarner Adrian Roggensinger.

Adrian Roggensinger ist ein Mann, der nie davon träumte, ein Held zu werden, aber im entscheidenden Moment das tat, was einen Helden ausmacht. Denn Helden werden nicht geboren. Sie erwachsen aus Situationen.

Es ist der 23. Oktober 2013, kurz nach elf Uhr nahe Freienbach am Zürichsee. Beim Bahnübergang Pfarrmatte stoppt der 22-jährige Postangestellte seinen Wagen vor der geschlossenen Barriere. Da sieht er, dass eine ältere Frau auf den Gleisen liegt. Ihr Rollator hatte sich in den Schienen verfangen, und sie war so unglücklich gestürzt, dass sie nicht mehr aufstehen konnte.

Jeder weiss, welche Beklemmung ein herandonnernder Zug auslösen kann. Das drohende Unfallbild wagen wir uns kaum vorzustellen, so beängstigend ist es. Dennoch zögert Adrian Roggensinger keine Sekunde. Er steigt über die Bahnschranke und zieht die gestürzte 81-Jährige vom Gleis. Unmittelbar danach rast der Zug vorbei und zerstört den Rollator vollständig.

Erst zwei Stunden nach dem Vorfall wurde sich Roggensinger der Gefahr bewusst und bekam «weiche Knie». Doch die Tat war für ihn selbstverständlich: «Es ist klar, dass ich helfen musste. Ich würde es wieder tun.»

In einer Welt, die zunehmend zersplittert in Eigeninteressen, bewies Adrian Roggensinger, dass es Hoffnung gibt, weil es Menschen gibt, die Zivilcourage zeigen. Menschen, die dem inneren Kompass folgen für eine bessere Welt. Menschen, die den Unterschied ausmachen.

Adrian Roggensinger hat die Welt mit seinem Einsatz ein kleines bisschen besser gemacht.

Laudatio zum «Prix Courage Next Generation» 2014

von Ständerätin Pascale Bruderer Wyss, Jury-Präsidentin

Sehr geehrte Damen und Herren,

Die Frage, was Mut bedeutet, beschäftigte uns an der diesjährigen Jury-Sitzung gleich zwei Mal – neu und zusätzlich auch im Rahmen des Prix Courage Next Generation.

Aus guten Gründen soeben ausgezeichnet wurde die Bereitschaft, das eigene Leben für jenes eines anderen Menschen aufs Spiel zu setzen. Das ist mutig, ohne Zweifel.

Ist Mut also die Fähigkeit, tapfer, kühn und schnell zu reagieren? Wächst Mut demnach stets aus einer akuten Situation heraus? Bedeutet echter Mut immer Spektakel - oder kann er sich vielleicht auch im unauffälligen Alltag beweisen, ganz ohne fette Schlagzeilen und fernab vom öffentlichen Fokus?

Dieses andere Gesicht von Zivilcourage wurde im Rahmen der Next Generation Nominationen an uns heran getragen. Leise, sanft und zurückhaltend – aber in höchstem Masse eindrücklich.

Ja, die Jury zeigte sich beeindruckt von allen Persönlichkeiten, die für den Prix Courage Next Generation nominiert wurden.

Liebe junge Kandidatinnen und Kandidaten,

Ihr alle verdient unseren grossen Respekt. Im Namen der Jury danke ich Euch von Herzen für Eure Taten; für den Mut, den Ihr bewiesen und für die Zielstrebigkeit, die Ihr dabei an den Tag gelegt habt. Ihr habt damit für Begeisterung gesorgt, die Diskussionen in der Jury waren lebhaft und angeregt.

Und doch gab es auch jenen einen Moment, in dem es ganz still wurde an der Jurysitzung. Ungewöh-nlich still. Wir lauschten gebannt dem Votum eines Jurymitglieds, das sich zu seinen Favoritinnen äusserte – zu jenen Kandidatinnen, die in wenigen Minuten den Preis in Empfang nehmen dürfen.

«Ein offenes Ohr zur richtigen Zeit, eine ausgestreckte, unterstützende Hand im entscheidenden Moment – das kann alles verändern, zum Guten», sagte das Jurymitglied und berührte mit diesen Worten auch uns mitten im Herz. In der Tat, solche ehrlichen, selbstlosen Zeichen der Anteilnahme können auch eine scheinbar ausweglose Situation in neuem Licht erscheinen lassen.

Und uns wurde klar: Ja, auch das ist Mut. Der Mut, für einen Mitmenschen einzustehen. Der Mut, hinzuhören und zuzuhören. Ein stiller Mut, der uns enormen Eindruck macht. Auch und gerade in Zeiten, in denen sich Jugendliche regelmässig mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, oberflächlich, gleichgültig und ichbezogen zu sein.

Der Prix Courage Next Generation, der dieses Jahr erstmals vergeben wird, geht an die Peacemake-rinnen Arina Binz und Fitore Kastrati.

Die beiden 16-jährigen Jugendlichen haben nicht nur regelmässig reagiert, wenn auf dem Pausenplatz Streithähne aufeinander losgingen, sondern sie haben auch beherzt agiert, als sie beobachteten, wie ein Mädchen in der 1. Sekundarklasse gemobbt wurde, darüber traurig und einsam wurde. Als dieses Mädchen gar Selbstmordgedanken äusserte, haben sie überlegt und besonnen interveniert.

Die Jury beeindruckte dabei die Abgeklärtheit, mit welchen die beiden jungen Frauen unterscheiden konnten zwischen den eigenen Möglichkeiten einerseits und den eigenen Grenzen andererseits. Ihnen war klar, dass sie einen Experten informieren und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen mussten, was sie auch von Beginn weg taten.

Gleichzeitig stahlen sie sich selber aber nicht aus der Verantwortung, sie fanden einen Draht zum verzweifelten Mädchen, unterstützten sie auf einfühlsame Weise und leisteten so einen persönlichen Beitrag daran, dass sich ihr Zustand wieder besserte und nachhaltig stabilisieren konnte.

Wir zeichnen heute Zivilcourage aus, die im entscheidenden Moment den Unterschied machen kann. Den Unterschied zwischen Trost und Ausweglosigkeit, zwischen Zuversicht und Hoffnungslosigkeit, zwischen Leben und Tod.

Dieser Mut, seine Verbindlichkeit, Ruhe und Wärme hat uns berührt. Wir freuen uns, wenn er andere Jugendliche zu ebensolchem Einstehen für Klassenkameraden, Freundinnen, Mitmenschen animiert.

Im Namen der gesamten, einhelligen Jury gratuliere ich Arina Binz und Fitore Kastrati von Herzen.

Veröffentlicht am 07. November 2014