Es ist eines der kürzesten Gedichte: In acht Wörtern beschreibt Erich Kästner eine grundlegende Tatsache menschlicher Gemeinschaft. «Moral» heisst der Zweizeiler. Er lautet: «Es gibt nichts Gutes ausser: Man tut es.»

Nicht Worte zählen, sondern Taten. Kästner beherzigte diese Maxime auch als Kind. Als eine Betrügerin seine Mutter, ­eine Friseurin, geschädigt hatte, verfolgte und stellte er sie. Diese Episode verar­beitete er später in seinem Jugendroman «Emil und die Detektive». Darin verfolgt der zwölfjährige Emil Tischbein auf eigene Faust den Mitreisenden, der ihm im Zug 140 Mark gestohlen hat. Tischbein ver­bündet sich mit anderen Jugendlichen. Sie stellen den Dieb in einer Bankfiliale und übergeben ihn der Polizei.

Wären sie lebende Personen, Tischbein und seine Clique hätten eine Nomination für den Prix Courage Next Generation auf sicher. Zum ersten Mal verleiht der Beobachter heuer diesen Preis. Mit ihm sollen Jugendliche bis 16 Jahre gewürdigt werden, die Zivilcourage gezeigt haben.

17 Jahr – und kein bisschen spiessig

Von ihnen gibt es eine ganze Menge, das hat der Aufruf des Beobachters gezeigt. Die vier Kandidaturen für den Prix Courage Next Genera­tion strafen diejenigen Lügen, die behaupten, Jugendliche seien heute langweilig, an­gepasst und nur auf den ­eigenen Vorteil bedacht. Wie unlängst etwa Udo Jürgens: «Wer damals jung war, hat Glück gehabt. Ich glaube, da lebt die ­Jugend heute bedeutend spiessiger.» Der Prix Courage Next ­Generation zeigt, dass der 80-jährige Schlagerbarde mit seiner Einschätzung falschliegt. Jugendliche von heute sind ­genauso aufmüpfig und engagiert, wie es ältere Generationen früher einmal waren.

Und immer noch sind. Denn über dem Next-Generation-Preis sollen die Leistungen der Nominierten für den Hauptpreis nicht in den Hintergrund rücken. Wie jedes Jahr präsentieren wir in der Haupt­kategorie eine spannende Auswahl an ­mutigen Erwachsenen. Es sind alles ganz gewöhnliche Menschen, die jedoch Aus­serordentliches geleistet haben. Alle aber verbindet der Umstand, dass sie sich Erich Kästners Kurzgedicht zu Herzen genommen haben: «Es gibt nichts Gutes ausser: Man tut es.»