Zivilcourage hat viele Facetten. Das zeigen eindrücklich die Kandidatinnen und Kandidaten für den diesjährigen Prix Courage. Allen aber ist gemeinsam, dass sie die eigenen Interessen zugunsten der Interessen anderer zurückgestellt haben.

Manchmal bleibt kaum Zeit für diese Güterabwägung. So etwa bei ­Erna Niedermann, die mit ihrem Hund an der Thur spazieren geht. Plötzlich hört sie Schreie, sieht im Wasser eine Frau, die wild mit den ­Armen fuchtelt, daneben eine zweite, die mit dem Gesicht nach unten im Fluss treibt. Sie sei keine gute Schwimmerin, sagt die 70-jährige Niedermann. Trotzdem zögert sie keine ­Sekunde, stürzt sich ins Wasser und schafft es, die beiden ans Ufer zu ziehen. Die gerettete 17-jährige Asylbewerberin aus Eritrea bedankt sich mit Blumenstrauss und Umarmung.

Das findet jener Betrunkene unnötig, den Senat Iseni im Zürcher Bahnhof Stadelhofen vom Gleis zerrt. Iseni riskiert dabei sein eigenes Leben, denn als der Alkoholisierte stürzt, fährt der Zug ein. Iseni beirrt die fehlende Dankbarkeit nicht. Er würde es wieder tun.

Von Zivilcourage profitieren aber auch ganze Gruppen. Das humanis­tische Engagement von Mussie Zerai führte ihn vor Jahren in ein libysches Gefängnis, die Häftlinge ritzten seine Telefonnummer in die Wand. Die Nummer machte die Runde, es meldeten sich Flüchtlinge in Seenot bei ihm. Zerai ­informierte die Küstenwache. Die Flüchtlinge wurden gerettet.

Auch Bianca Koller engagiert sich im humanitären Bereich. Die Pflegefachfrau arbeitete als freiwillige Helferin für das Rote Kreuz in Gebieten, die die wenigsten von uns be­suchen würden, etwa in ­Sierra Leone, wo die hochansteckende Seuche Ebola wütete.

An die Öffentlichkeit gebracht

Nicht immer rettet Zivilcourage Leben. Manchmal sorgt sie wie bei Alexander Marx dafür, dass Dinge ans Licht kommen. Etwa dass die mittlerweile konkursite Fleischproduktionsfirma Carna Grischa ­jahrelang Kunden mit falsch deklarierter Ware täuschte. Alle in der Firma hätten davon gewusst, sagt Marx. Doch nur er handelte.

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Auch Petra und Bruno Zürcher brachten ­etwas zur Sprache, worüber sonst geschwiegen wird: die Tragik des Suizids. Nachdem sich ihre 19-jährige Tochter das Leben genommen hatte, erzählten sie ihre Geschichte dem «Tages-Anzeiger» und trugen dazu bei, ein tabuisiertes Thema ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.