Prix Courage 2017«Mit Egoismus allein kommt man nicht weit»

Der Psychologe Willibald Ruch befragt für eine Studie derzeit frühere Prix-Courage-Gewinner. Bild: Renate Szinyei/goldenpictures.ch

Wer sich couragiert für andere einsetzt, macht sich selbst glücklicher, sagt der Zürcher Psychologe Willibald Ruch.

von Rebecca Wyssaktualisiert am 2017 M06 08

Beobachter: Sie sind Glücksforscher. Sagen Sie uns: Was macht ein glückliches Leben aus?
Willibald Ruch: Ein glückliches Leben hat mit fünf Faktoren zu tun – so viel wissen wir heute. Es geht einem erstens gut, wenn man positive Emotionen hat. Wichtig ist auch, dass man in seinen Aufgaben aufgeht und Herausforderungen bewältigen kann. Eine dritte Form von Glück ist es, gute Beziehungen zu haben. Viertens muss man in seinem Leben einen Sinn sehen und fünftens das Gefühl haben, etwas geleistet zu haben.

Beobachter: Das klingt einleuchtend. Aber manche leiden nun mal unter Depressionen oder sind unzufrieden mit ihrem Leben. Können diese Menschen denn irgendwie lernen, zufriedener zu sein?
Ruch: Wenn Menschen ihre Stärken kennen und es schaffen, sich darauf zu fokussieren, können sie viel Zufriedenheit zurückgewinnen. Und wer mehr als vier Stärken am Arbeitsplatz einsetzen kann, empfindet seinen Beruf als Berufung und nicht nur als Möglichkeit, Karriere zu machen. Generell lässt sich sagen: Je mehr man seine Stärken kultiviert, desto eher ist man immun gegen das Auf und Ab des Lebens.

«Mit Egoismus allein kommt man nicht weit.»

 

Willibald Ruch, Soziologe

Beobachter: Wie sieht so ein Stärken-Training aus? Was muss ich tun?
Ruch: Zuerst suchen Sie eine oder mehrere Stärken aus. Zum Beispiel Humor. Dann nehmen Sie sich jeden Abend eine halbe Stunde Zeit und schreiben auf, was Ihnen an diesem Tag Lustiges passiert ist. Am Anfang fällt das schwer, weil man sich eher an negative Dinge erinnert. Mit der Zeit sieht man im Alltag aber immer mehr das Lustige. Das Hirn wird umprogrammiert. Und das nachhaltig. Bei Menschen, mit denen wir solche Trainings durchführten, sahen wir: Eine Woche Tagebuchschreiben reicht bereits aus, um einen Effekt zu erzielen, der Monate anhält. Aber es macht viel Sinn, länger zu trainieren.

Beobachter: Der Prix Courage des Beobachters zeichnet Leute aus, die sich für andere einsetzen, also uneigennützig handeln. Ist dieser Altruismus wichtig, um glücklich zu sein?
Ruch: Mit Egoismus allein kommt man nicht weit. Studien zeigen: Dinge, die nur mir allein guttun, steigern nur kurz die persönliche Zufriedenheit. Wenn ich anderen etwas Gutes tue, hält das positive Gefühl lange an. Das gilt selbst für anonyme Taten. Wenn die Parkuhr abzulaufen droht und ich für einen anderen Geld einwerfe, damit er keine Busse erhält, gibt mir das für längere Zeit das bessere Gefühl, als wenn ich etwas Gutes esse.

Prix Courage 2017 – Aufruf

Wer hat im vergangenen Jahr Zivilcourage gezeigt? Und uns allen ein Vorbild gegeben?


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Einsendeschluss ist der 30. Juni 2017.

 

Der Beobachter wird die besten Kandidaturen im Herbst der Leserschaft vorstellen.

Die Jury unter der Leitung von Ständerätin Pascale Bruderer und Sie, liebe Leserinnen und Leser, entscheiden dann, wer am 17. November 2017 mit dem Prix Courage des Beobachters ausgezeichnet wird.

Beobachter: Gilt das Prinzip auch bei Zivilcourage? Da setzt sich jemand für andere ein und nimmt dafür persönliche Nachteile in Kauf.
Ruch: Der Effekt ist tatsächlich stärker. Wenn ich jemandem etwas Gutes tue, macht mich das zufrieden. Hinzu kommt die Dankbarkeit, die ich dann erfahre. Ich werde anerkannt und bekomme so mehr zurück für die eine gute Tat.

Beobachter: Wieso haben manche mehr Zivilcourage als andere?
Ruch: Hindernisse überwinden, sich durchbeissen, um sich für etwas oder jemanden einzusetzen – das machen in der Regel Leute, die mit ihrem Leben zufrieden sind. Denn für solche Taten braucht es Energie, die nicht alle aufwenden können. Hinzu kommt die Persönlichkeit. Wenn Mut eine meiner Stärken ist, muss ich mutig handeln. Ich kann gar nicht anders.

Beobachter: Kann man Zivilcourage trainieren?
Ruch: Jede Stärke ist trainierbar. Stärken sind Angewohnheiten, für die ich mich nicht speziell aufraffen muss. Die laufen quasi automatisch ab, sie sind Teil meiner Persönlichkeit. Solche Automatismen kann man durchaus üben. Es gibt zum Beispiel Trainings für Zivilcourage, die recht erfolgreich sind. Dabei werden brenzlige Situationen nachgespielt.

Beobachter: Jemanden aus einem reissenden Fluss zu retten ist nicht jedermanns Sache.
Ruch: Zivilcourage heisst nicht, dass man sich in Gefahr bringen muss. Wenn jemand angegriffen wird, muss nicht ich der Einzelkämpfer sein, der das Risiko eingeht, verletzt zu werden. Man kann auch laut werden, um Hilfe rufen und zeigen, dass man das nicht hinnimmt.

Beobachter: Fehlt heute ganz allgemein die Zivilcourage?
Ruch: Ich bin nicht so pessimistisch. Wenn zehn Leute Zeugen einer Notsituation sind, fühlt sich der Einzelne nicht unbedingt verantwortlich. Nicht, weil es ihm egal ist. Oft fürchtet er sich oder will nichts falsch machen. Dann braucht es Einzelne, die die andern einbeziehen, zum Helfen animieren. Solche Menschen gibt es immer wieder.

Willibald Ruch ist Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Zürich. In seinen Forschungsarbeiten geht es immer wieder um die Frage, wie man ein erfülltes Leben führen kann.

Derzeit arbeitet er an einer Studie, wie Charakter und Zivilcourage zusammenhängen. Dafür befragt er frühere Prix-Courage-Gewinner.