Beobachter: Mussten Sie als Bundesrat je mutig sein?
Adolf Ogi: Sicher. Als ich zum Beispiel am Fernsehen Eier kochte, um in der Schweiz das Energiesparen zu fördern - das brauchte Mut. Da haben doch zuerst alle gelacht, dann wurde es aber ein Erfolg. Das hab ich immer wieder erlebt. So hielt ich die Neujahrsrede als Bundespräsident im Jahr 2000 am Eingang zum Lötschbergtunnel - mit dem Tannenbaum und den Ästlein, die ich einzelnen Bevölkerungsgruppen widmete. Und das machte ich, obwohl Mitarbeiter und der Fernsehchef davon abrieten. Sie wollten mich ins Tinguely-Museum stecken. Aber ich wollte vor den Tunnel und wusste, es wird gut. Heute wird jeder Bundespräsident an dieser Rede gemessen. Damals brauchte es Mut. Den Mut, anders zu sein als die andern, den Mut, ich selbst zu sein.

Beobachter: Sind Sie denn nie ausgewichen oder feige gewesen?
Ogi: Meines Wissens nicht. Ich sehe im andern Menschen immer etwas Positives. Deshalb hat mich der Mut nie verlassen - und die Angst nie eingenommen.

Beobachter: Auch nicht als Chef Ihrer Angestellten?
Ogi: Nein. Da hab ich mir immer unabhängig von Druckversuchen eine Meinung gebildet und stets aufgrund sachlicher Einschätzung an jemandem festgehalten oder ihn entlassen.

Beobachter: Hatten Sie immer den Mut, Christoph Blocher, damals noch Wortführer der SVP, die Meinung zu sagen?
Ogi: Ja, immer. Wenn wir Streit hatten, lud ich ihn jeweils nach Kandersteg ein. Die Atmosphäre wirkte dort von allein, sodass wir uns nach einer Stunde Gespräch immer wieder verstanden. Wenn dann Parteipräsident und Parteisekretär dazustiessen, hatten wir unsere Probleme gelöst. Wir marschierten zum Blausee, assen einen Fisch, und ich hatte wieder ein halbes Jahr Ruhe.

Beobachter: Und alt Bundesrat Otto Stich, der Sie als Skilehrer bezeichnete, haben Sie dem auch die Meinung gesagt?
Ogi: Das musste ich nicht. Er lud mich nach diesem Ausrutscher zu einem guten Essen mit einem feinen Glas Wein ein. So konnten wir die Sache wieder einrenken. Stich wusste, dass er zu weit gegangen war und dass viele Leute seine Bemerkung nicht goutiert hatten.

Beobachter: Das klingt, als seien Sie ein Superman. Hatten Sie denn nie Angst?
Ogi: Doch, oft. Etwa als ich in Schwyz vor der EWR-Abstimmung zusammen mit Arnold Koller einen Liveauftritt am Fernsehen hatte, da hat man mir aufs Auto gehauen. Da war Gewalt in der Luft. Oder wenn ich heute als Uno-Sonderbeauftragter für Sport in Länder reise, in denen Krieg herrscht. Da weiss man nie, was passiert.

Beobachter: Waren Sie denn schon immer mutig? Auch als Kind?
Ogi: Die Sprungschanze in Kandersteg, die war oben im Anlauf gelb. Wissen Sie wieso? Weil jeder noch sein Angstbisi machte. Ich hatte oft Angst. Wenn ich mit meinem Vater als Elfjähriger steile Eiswände hinunterkletterte, als ich in eine Lawine kam oder als ich beim Klettern auf einem Felsvorsprung auf Augenhöhe plötzlich eine Schlange entdeckte. Mein Vater hat sie gepackt und ins Tal geschmissen. Dort in Fels und Eis habe ich gelernt, der Angst ins Auge zu schauen. Vor der Angst keine Angst zu haben. So hat mir mein Vater - Bergführer, Gemeindepräsident, Skischulleiter und Förster - Eigenständigkeit und Mut beigebracht.

Beobachter: Wie hat er das gemacht?
Ogi: Indem er Vorbild war und indem er mich auch mal zum Mut gezwungen hat. So hat er mich zum Beispiel eigenhändig an den Bahnhof gebracht, als ich nach La Neuveville in die Unteroffiziersschule sollte. Hätte er das nicht gemacht, wäre ich nicht Offizier und wohl auch nicht Bundesrat geworden.

Beobachter: Aber als Jugendlicher sind Sie sicher auch mal ausgewichen.
Ogi: Ja, ich ging nicht so schnell auf die grosse Sprungschanze in Kandersteg.

Beobachter: Übermut ist ein naher Verwandter von Mut. Waren Sie je übermütig? Und wie ist das herausgekommen?
Ogi: Klar war ich übermütig als Junger. Ich suchte meine Grenzen und überschritt diese auch mal, als wir - noch bevor es Mountainbikes gab - mit unseren Velos die Treppe beim Bahnhof Kandersteg runterrasten. Diese Zeit zwischen fünf und fünfzehn Jahren ist enorm wichtig. Da muss man sich in Grenzsituationen austesten. So wird man vertraut mit Angst und Verantwortung. Man lernt sich kennen und lernt, bei Angst nicht wegzurennen. So entwickelt man Mut in voller Kenntnis seiner eigenen Grenzen.

Beobachter: Nur wenige Jugendliche wachsen heute in den Bergen auf. Wie kann man diese Grenzen trotzdem kennen lernen?
Ogi: Im Sport oder in der Kultur. Deshalb engagiere ich mich ja auch so für den Sport als Lebensschule.

Beobachter: Für mutige Taten muss man manchmal Grenzen überschreiten, manchmal sogar Gesetze. Erachten Sie das als legitim?
Ogi: Nein. Grenzen überschreiten ja, aber Gesetze brechen nein.

Beobachter: Und wenn die Gesetze unmenschlich sind?
Ogi: Dann muss man sich dafür einsetzen, dass die Gesetze geändert werden.

Beobachter: Welche Persönlichkeit verdient heute aus Ihrer Sicht besonders das Prädikat «mutig»?
Ogi: Mein verstorbener Vater. Sein Denken und Handeln sind mir immer Vorbild.

Quelle: Andreas Eggenberger