Beobachter: Braucht es Mut, darüber zu urteilen, wer der Mutigste ist?
Pascale Bruderer: Ja, weil Jurieren etwas Subjektives ist. Courage ist ja nicht messbar. Darum bin ich sehr froh, auf die Mitarbeit routinierter Jurymitglieder zählen zu können. Das Schöne am Prix Courage ist zudem, dass die Leserinnen und Leser des Beobachters über den Publikumspreis ihre eigene Sichtweise einbringen können.

Beobachter: Was waren Ihre Beweggründe, das Jurypräsidium zu übernehmen?
Bruderer: Aus Zeitgründen kann ich längst nicht allen Anfragen entsprechen. Trotzdem habe ich fast spontan zugesagt, weil ich den Prix Courage schon lange kenne und als einzigartigen Preis enorm schätze. Als Nationalratspräsidentin durfte ich 2010 die Eröffnungsrede an der Preisverleihung halten und war sehr bewegt, wie die Leistungen der nominierten Personen gewürdigt wurden – auch jene, die zum Schluss nicht gewannen. Mein Ja war ein klarer Herzensentscheid.

Beobachter: Wonach werden Sie sich beim Jurieren richten?
Bruderer: Es gibt, grob betrachtet, zwei Kategorien von Nominierten. Einerseits Menschen, die sich mit viel Ausdauer und oft ehrenamtlich für ein gesellschaftlich erstrebenswertes Ziel engagieren. Anderseits solche, die in unvorhersehbaren Momenten Mut beweisen und beispielsweise ihr eigenes Leben riskieren, um ein anderes Leben zu retten. Letztere berühren uns sehr – zu Recht! Aber auch die erste Kategorie ist für unsere Gesellschaft enorm wichtig. Für die beiden Gruppierungen braucht es unterschiedliche Massstäbe, und ich möchte darauf achten, dass auch stilles Schaffen fernab der Schlagzeilen belohnt wird.

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Beobachter: Warum ist es so schwer, Zivilcourage zu zeigen?
Bruderer: Weil das Gegenteil – der Weg des geringsten Widerstandes – immer bequemer ist. Es braucht nicht nur Mut, sondern auch Kraft und breite Schultern, hinzustehen und auf Missstände aufmerksam zu machen. Ich denke an die beiden Publikumspreis-Gewinnerinnen von 2010, die Missstände im Zürcher Sozialamt aufdeckten, obwohl sie wussten, dass sie sich damit rechtlich auf Glatteis begaben.

Beobachter: Die Nomination von Margrit Zopfi und Esther Wyler löste nicht überall Freude aus, weil sie ein politisches Tabu berührte. Läuft Zivilcourage gegen den herrschenden Zeitgeist?
Bruderer: Das glaube ich nicht. Im konkreten Fall war das Problem eher, dass das Anliegen verpolitisiert wurde, vielleicht mehr, als den beiden Frauen lieb war. Aber grundsätzlich darf und soll der Prix Courage mehr auslösen als nur Applaus – wenn daraus Diskussionen entstehen, ist das wunderbar. Zivilcourage ist ja nicht einfach Unterhaltung.

Beobachter: Wie kann man Zivilcourage fördern? Was können die Politik, die Schule, die Eltern tun?
Bruderer: Das geht wohl nur anhand von Vorbildern. Natürlich spielt dabei die Erziehung eine Rolle, junge Menschen sollen zu ihrer Meinung stehen dürfen, und Eltern können dabei wichtige Vorbilder sein. Überhaupt lässt unser Alltag viel Platz für Zivilcourage.

Beobachter: Es braucht Vorbilder – sind Sie selber eines?
Bruderer: Nicht in dem Sinne, dass dank meinem zivilcouragierten Handeln einmal etwas ausserordentlich Schlimmes verhindert werden konnte, nein. Stetes Engagement hingegen ist durchaus meine Sache. So bin ich dem politischen Einsatz zugunsten von Menschen mit Behinderungen aus Überzeugung treu geblieben – obwohl mich anfangs viele warnten, mit diesem Thema sei kein Blumentopf zu gewinnen.

Beobachter: Ist die Schweiz generell eine Gesellschaft mit Zivilcourage?
Bruderer: Ja, zumindest ist Zivilcourage hier nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht. Nehmen wir die Möglichkeit, sich direktdemokratisch auszudrücken. Das braucht Mut und ein jahrelanges Durchhaltevermögen. Anita Chaaban hat dieses
Recht mit der Verwahrungsinitiative wahrgenommen – und sitzt jetzt auch in der Prix-Courage-Jury.

Pascale Bruderer Wyss, 34, studierte Politologie, Staatsrecht sowie Wirtschaftsgeschichte. 2002 wurde die Aargauer SP-Politikerin mit 24 Jahren zur jüngsten Nationalrätin gewählt. 2010 war sie Nationalratspräsidentin, und seit Herbst 2011 ist Pascale Bruderer im Ständerat. Sie ist verheiratet und wohnt mit ihrem Mann, der vier Monate alten Tochter Juliana und Labradorhündin Kala in Nussbaumen bei Baden.

Quelle: Christian Schnur