Beobachter: Sie fahren jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit. Im Ausland staunt man über die Ministerin, die solches wagt. Sind Sie besonders mutig?
Bundesrätin Ruth Dreifuss: (lacht) Nein. Die tägliche Busfahrt beschert mir viele gute Begegnungen. Manchmal machen die Mitreisenden auch kritische Bemerkungen, aber auch das schätze ich. Mein Arbeitsweg ist nicht gefährlich, sondern schön.

Beobachter: Mut brauchen Sie dazu nicht?
Dreifuss: Nein, nur die Lust, mich unter Menschen zu mischen. Das nenne ich nicht Mut, sondern Lebensfreude. Es ist eine schöne Ergänzung zur oft anstrengenden Büro- und Sitzungsarbeit. Wir leben in der Schweiz in Sicherheit und können uns politisch frei ausdrücken. Unser Mut wird insofern sehr selten auf die Probe gestellt.

Beobachter: Was ist für Sie Zivilcourage?
Dreifuss: Zum Mut gehört die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen. Und Zivilcourage heisst, dass man ein Risiko eingeht, das einen einsam machen kann. Dass man etwas tut, das von der Mehrheit nicht akzeptiert wird, das aber mit dem Ziel verbunden ist, für die Gesellschaft etwas Besseres herauszuholen. Wer hingegen einfach das Risiko sucht, um seine physische Stärke zu beweisen, ist meiner Ansicht nach nicht mutig. Im wahren Mut sehe ich ein Ziel, das über den Eigennutz hinausgeht.

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Beobachter: Welche Persönlichkeiten sind denn für Sie mutige Menschen?
Dreifuss: Da gibt es viele. Zum Beispiel all jene, die sich im Zweiten Weltkrieg nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten für eine menschlichere Haltung gegenüber Flüchtlingen eingesetzt haben – wie etwa der St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger. Mutig sind auch all die unzähligen Militärdienstverweigerer, die aus Gewissensgründen lieber ins Gefängnis gegangen sind, als zu lernen, wie man tötet. Als ich in der Entwicklungszusammenarbeit tätig war, habe ich auch in der Dritten Welt viele mutige Menschen getroffen: Gewerkschafter, Bauern, einfache Leute, die sich unter Lebensgefahr für bessere Lebensbedingungen und Demokratie einsetzten.

Beobachter: Welche Bedeutung haben couragierte Menschen für ein Land wie die Schweiz?
Dreifuss: Wir brauchen solche Menschen, damit unsere Gesellschaft nicht nur Wissen ansammelt, sondern auch ein Gewissen hat. Diese mutigen Frauen und Männer setzen einen Gegenpol zu unseren Denkgewohnheiten und zum weit verbreiteten Rückzug aufs rein Persönliche.

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Beobachter: Viele sagen, die Schweizer seien zu wenig mutig. Teilen Sie diese Ansicht?
Dreifuss: Nein. Ich finde, dass es in der Schweiz viele mutige Menschen gibt. Mit sehr viel Respekt und Freundschaft wage ich sogar zu sagen, dass es in der Schweiz viele «verrückte» Leute gibt, die sich mit Haut und Haaren für ihre Ideen einsetzen. Auch wenn ich diese Ideen nicht immer teile, so schätze ich doch den Einsatz. Die Schweiz ist nicht nur ein Volk von braven Leuten, sondern auch eines von sehr couragierten. Ich denke da auch an ganz einfache Leute, die nicht in jeder Situation den eigenen Vorteil suchen, sondern sich für den Nächsten einsetzen.

Beobachter: Gibt es denn Bereiche, in denen Sie sich von den Schweizerinnen und Schweizern mehr Mut wünschen würden?
Dreifuss: Wir Schweizer haben einen ausgeprägten Hang zur Sicherheit. Man könnte sogar von einem Hang zur Versicherung sprechen. In kaum einem anderen Land versucht man, sich so konsequent gegen Risiken abzusichern wie in der Schweiz. Das bedeutet einerseits, dass uns unsere Unabhängigkeit sehr am Herzen liegt. Anderseits entspringt es auch einem diffusen Unsicherheitsgefühl. Das macht mich immer wieder betroffen. Wenn es den Schweizern nicht gut geht – wem dann? Ich traf in der Dritten Welt auf kämpferische Menschen, die viel lebendiger und hoffnungsvoller durchs Leben gingen als wir Schweizer. Da wünsche ich mir etwas mehr Lebensfreude. Ich würde nicht sagen, dass unser Volk weniger mutig ist als andere. Aber es herrscht eine gewisse Ängstlichkeit.

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Beobachter: Viele Bürgerinnen und Bürger werfen unseren Politikern vor, eine mutlose und kraftlose Politik zu betreiben. Was sagen Sie dazu?
Dreifuss: Politiker müssen mehrheitsfähige Lösungen erarbeiten. Das ist an sich nichts besonders Mutiges. Doch mich stört, dass in unserem Land oft der Mut fehlt, heikle Diskussionen zu führen. Es mangelt an Mut zu einer klaren Sprache. Man flüchtet sich lieber in Floskeln. Ausserdem stört mich an manchen Politikerinnen und Politikern, dass sie oft ihren eigenen Interessen verhaftet bleiben. Wirklich mutige Politiker sind für mich jene, die fähig sind, über den eigenen Schatten zu springen, und die auch mal ihren eigenen Leuten sagen: «Wir sind auf dem Holzweg, wir können nicht nur auf unseren Vorteil schauen, sondern müssen auch Opfer erbringen.» Leider werden solche Politiker oft nicht wahrgenommen, denn sie sind nicht die lautesten.

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Beobachter: Stehen politische Entscheide an, bei denen Sie sich diesen Mut besonders wünschen, über den eigenen Schatten zu springen?
Dreifuss: Ja, ich sehe solche Entscheide. Im Gesundheitswesen etwa müssen viele zugunsten des Gemeinwohls auf eigene Interessen verzichten, damit wir die Kosten in den Griff kriegen. In der Drogenpolitik und der Aidsbekämpfung hat die Schweiz den Mut gehabt, über den eigenen Schatten zu springen, um Leben zu retten.

Beobachter: Wer Zivilcourage an den Tag legt, erntet längst nicht immer Lorbeeren. Auch Sie vertreten immer wieder unpopuläre Standpunkte und müssen dafür Kritik einstecken. Wie gehen Sie damit um?
Dreifuss: Es gibt einen Menschen aus dem 19. Jahrhundert, den ich sehr bewundere: Victor Schoelcher. Er schaffte die Sklaverei in Frankreich ab. Schoelcher pflegte zu sagen, er habe einen inneren, moralischen Kompass. Danach handle er. Ich denke, die meisten Menschen besitzen diesen Kompass. Aber man muss ihn nicht nur haben, sondern ab und zu darauf schauen und entsprechend handeln. Das ist mein Motto.

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Beobachter: Wer Zivilcourage beweist, muss unter Umständen Nachteile in Kauf nehmen. Gibt es auch so etwas wie einen Lohn für gelebten Mut?
Dreifuss: Mutig sein ist kein Tauschgeschäft. Es ist die innere Stimme, die einem sagt, dass man dies oder jenes tun soll. Es geht darum, sich am Morgen im Spiegel ins Gesicht schauen zu können, ohne zu erröten. Sich selber treu zu sein ist Lohn genug.

Beobachter: Zivilcourage hat auch mit Solidarität zu tun. Grosse Werke wie die AHV basieren darauf. Doch diese Solidarität wird zunehmend angezweifelt. Beunruhigt Sie das, oder ist das ein normales Auf und Ab?
Dreifuss: Es gibt eine Form von Solidarität, die einfach zu verstehen ist. Man weiss ganz genau, wem sie zugute kommt. Und es gibt eine andere Solidarität, die abstrakter ist und eine gewisse Distanz zum alltäglichen Leben hat, weil man nicht direkt sieht, wer der Nutzniesser ist. Diese Solidarität muss organisiert werden. Aber im Grunde genommen spielt sie eine sehr viel wichtigere Rolle im Bereich der sozialen Sicherheit. Doch da sie weniger fassbar ist, gibt es auch ständig ein Auf und Ab in der Bereitschaft, diese Solidarität zu leben.

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Beobachter: Sind die Schweizer Medien mutig?
Dreifuss: Ich wäre nicht mutig, wenn ich sagen würde, alles sei perfekt. Grundsätzlich bin ich ein Medienfreak. Die wesentliche Aufgabe der Medien ist die Informationsvermittlung, sie müssen die Politik erklären. Ob sie diese Aufgabe wirklich wahrnehmen? Na ja! Ein mutiges Medium ist nicht einfach ein aufmüpfiges. Ich lese Zeitungen nicht, um das Gemüt des Journalisten kennen zu lernen. Auch nicht, um zu erfahren, dass Herr X besser gekleidet ist als Frau Y. Die Medien sollen mich kontinuierlich informieren über Entwicklungen. Sie müssen aufzeigen, welche Interessen im Hintergrund eine Rolle spielen. Mutiger Journalismus liefert Röntgenbilder. Davon gibt es leider nicht allzu viele. Aber nochmals: Auch die Politiker ziehen gern das Bleischürzchen an, damit man ja nichts sieht, wenn doch mal einer mit einem Röntgengerät vorbeikommt.

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Beobachter: Der Beobachter zeichnet mit dem Prix Courage mutige Menschen aus. Welche Bedeutung hat ein solcher Preis für die Schweiz?
Dreifuss: Mut gehört zum Zusammenleben der Menschen. Eine Gesellschaft, in der jeder nur auf seinen eigenen Vorteil schaut, ist eine kranke Gesellschaft. Was nicht heisst, dass es nicht auch sehr viel Mut braucht, nur das Alltägliche zu bewältigen. Viele Menschen, die mir schreiben, besitzen alltäglichen Mut, den ich höher einschätze als romantische Heldentaten. Der Prix Courage setzt dort an und zeichnet alltägliche mutige Taten oder ein mutiges Leben aus. Ich finde den Preis gut, weil seine Botschaft ist: «Wenn du heute das Haus verlässt, kann es gut sein, dass du deinen Mut unter Beweis stellen musst.»

Beobachter: Was macht Ihnen persönlich Mut?
Dreifuss: Ich brauche keine speziellen Mutmacher. Ich bin eine glückliche Frau. Mut ist für mich insofern nichts Schwieriges. Ich bin mir all der Chancen und Möglichkeiten bewusst, die mir ein Land wie die Schweiz bietet. Ich freue mich darüber, arbeiten zu dürfen und Menschen um mich zu haben, die ich schätze und die mich schätzen. Und wissen Sie: Leben an sich ist schon eine mutige Tat. Aber auch eine schöne.

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