13_00_rg_qigong.jpgWas tun gestresste Politiker, um sich zu erholen? Adolf Ogi geht Ski fahren, Tony Blair wechselt Windeln und Helmut Kohl machte jedes Jahr zu Ostern eine Kur. Die Politiker Chinas aber halten sich mit einer besonderen Methode fit: Qi Gong.

In Bei Dai He, das rund 250 Kilometer östlich von Peking liegt, unterhält die chinesische Regierung das einzige offizielle Qi-Gong-Forschungs- und -Trainingszentrum. Dort kurieren die hohen Funktionäre Chinas regelmässig ihre stressbedingten Beschwerden und betreiben unter Anleitung vorbeugende Massnahmen.

Im Gegensatz zu den gut verdienenden Politikern können sich die meisten der eine Milliarde Chinesen einen Aufenthalt in Bei Dai He nicht leisten. Sie praktizieren Qi Gong im Park, hinter dem Haus oder am Strassenrand. Jeden Vormittag ein bis zwei Stunden.

Für den westlichen Besucher ein ungewohnter Anblick: Die Menschen scheinen wie in Trance; langsam und mit weit ausladenden, beinahe schwerelos anmutenden Bewegungen folgen sie einem unhörbaren, doch deutlich wahrnehmbaren Rhythmus.

Eine Erfindung der Mönche

Ursprünglich wurde Qi Gong von chinesischen Mönchen entwickelt, die sich mit diesen Bewegungsübungen vom stundenlangen Meditieren erholen wollten. Im Unterschied zum Tai Chi («Schattenboxen») sind die Bewegungen beim Qi Gong ruhiger und langsamer; die Entspannung steht im Mittelpunkt.

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Qi Gong vereint Bewegung, Atmung und Konzentration gleichermassen und wirkt sich dadurch sehr positiv auf das psychische und das physische Allgemeinbefinden aus. Dies haben sogar die kommunistischen Machthaber Chinas frühzeitig erkannt und entsprechende Massnahmen getroffen: Für angehende chinesische Ärzte gehört Qi Gong zur Grundausbildung, und in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) hat die Methode einen festen Platz. So wird Qi Gong zum Beispiel bei der Behandlung von Herzinfarktpatienten eingesetzt.

Die eher körperlich orientierten Formen von Qi Gong werden in vier Gruppen unterteilt: das stehende gegen das bewegende, das nährende gegen das aktivierende Qi Gong. Die verschiedenen Formen gehen ineinander über. Allen gemeinsam ist die philosophische Grundlage: Die Chinesen glauben, dass die Energie «Qi» (ausgesprochen «dschi») im Körper in einem 24-Stunden-Rhythmus harmonisch zirkuliert und die Organe im ganzen Organismus gleichmässig versorgt.

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Faktoren wie Stress, Fehlernährung, schlechte Körperhaltung, Infektionen oder Unfälle können das freie Fliessen von Qi behindern. «Stagnation» nennt der Arzt für chinesische Medizin dieses Phänomen. Solche Stagnationen können Schmerzen oder funktionelle Störungen wie Unwohlsein oder Ubelkeit auslösen. Werden Stagnationen über längere Zeit nicht beseitigt, so verursachen sie unter Umständen ernsthafte psychische oder organische Erkrankungen.

Auch zu Hause leicht anwendbar

Ein TCM-Therapeut kann mit Qi Gong solche Stagnationen aufspüren und beseitigen. Oder er kann dem Patienten zeigen, wie er zu Hause selbst Qi-Gong-Ubungen zur Vorbeugung und zur Behandlung anwenden kann. Denn Qi Gong ist vor allem Hilfe zur Selbsthilfe.

In den letzten Jahren hat sich Qi Gong auch in den Industrienationen verbreitet. Zwar ist Qi Gong hier noch nicht so allgegenwärtig wie im Reich der Mitte, aber fast alle, die die chinesischen Ubungen ausprobiert haben, sind davon begeistert. Was macht Qi Gong so faszinierend? Einerseits verbessert Qi Gong die Beweglichkeit, regt die Durchblutung an und fördert damit die Sauerstoffsättigung des Blutes und die Sauerstoffversorgung des Gehirns. Diese Effekte sind nicht zu unterschätzen. Wer unter den Plagen der Wohlstandsgesellschaft leidet einseitige Ernährung, stressige Autofahrten und stundenlange Sitzungen sind nur einige davon , kann von den ruhigen, entspannenden Bewegungen des Qi Gong profitieren.

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Auf die innere Stimme hören

Anderseits setzt die Lust an der betonten Langsamkeit einen Kontrapunkt in die alltägliche Hektik. Qi-Gong-Ubungen vermitteln eine wohltuende Ruhe und Konzentration. Ein Teilnehmer an einem Qi-Gong-Seminar drückt es so aus: «Mit Qi Gong kann ich für eine kurze Ewigkeit in ein einfaches, schwebendes Sein entfliehen. Ich lerne wieder, auf meine innere Stimme zu hören.»

Qi Gong ist aber bei weitem nicht so entrückt, wie es für Aussenstehende erscheinen mag. Schon eine einfache Ubung wie das Finden, Fühlen und Erhalten der eigenen Mitte lässt sich direkt und sofort in den Alltag einbauen. Dazu stellt man sich unter einen Baum oder ans offene Fenster, atmet mehrmals langsam, tief und mit geschlossenen Augen in die Tiefe des Bauchs ein und versucht zu fühlen, wie der Bauch und der Brustkorb sich dehnen. Das Ziel: Gedanken, Atmung und Aufmerksamkeit auf das Energiezentrum unterhalb des Bauchnabels zu konzentrieren.

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Diese Ubung hilft beispielsweise einem Schüler, vor einer Prüfung die Ruhe zu bewahren, oder dem Manager, der vor versammelter Belegschaft einen Vortrag halten muss. Das Zentrieren mit Qi Gong bringt Körper und Geist wieder ins Gleichgewicht, und dies ohne aufwändige «Turnübungen». Qi Gong entspannt mindestens so gut wie eine Beruhigungspille, hat aber garantiert keine Nebenwirkungen.

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