Anita raucht aus Lust, Reto überbrückt mit der Zigarette die Langeweile im Zug, und Karin unterscheidet zwischen «Genuss- und Stresszigaretten». Schulbesuch in einer Stadtberner Oberstufe. Neun der 23 Neuntklässler rauchen täglich, vier gelegentlich an Partys oder am Wochenende. Nur zehn Schülerinnen und Schüler rauchen nicht. Es ist die stillere Gruppe in der Klasse. Fast geht unter, was Peter sagt: «Rauchen ist unnötig, schadet dem Körper und ist teuer.»


Bei den Erwachsenen ist die Zahl der Raucher seit rund zehn Jahren stabil. Beunruhigend sei aber die steigende Verbreitung des Rauchens bei den Jugendlichen, mahnen die Statistiker. Innert fünf Jahren stieg die Quote der qualmenden 15- bis 24-Jährigen von 31 auf 43 Prozent. Zu einem ähnlichen Fazit kommt eine Schülerbefragung aus dem letzten Jahr: Mitte der achtziger Jahre rauchte jeder siebte 15-Jährige regelmässig, heute jeder vierte.


Lust aufs Rauchen ist ungebrochen

Die Experten sind ernüchtert. «Bei den Jugendlichen ist die Misserfolgsquote der Prävention enorm», sagt Richard Müller, Direktor der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA).


Weder Broschüren über die Tabakgifte Nikotin, Teer und Kohlenmonoxid noch Filme mit Bildern von Raucherlungen oder auf jung getrimmte Slogans wie «Die neue Lust – Nichtrauchen» bremsen den Trend. Müllers Fazit: «Menschen lassen sich nur schwer zur Gesundheit überreden.»

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Uberfordert sind auch die Lehrer. «Bei uns rauchten die Kinder in allen Winkeln», sagt Hanspeter Nyffeler, Leiter einer Schule in der Berner Gemeinde Köniz. «Ein Verbot war nicht mehr durchsetzbar.»


Nyffeler wählte die Offensive. Er kreierte eine «Raucherinsel» für all jene, die «sich nicht mehr in der Lage fühlen, den Schulunterricht ohne Zigarettenkonsum durchzustehen». Dort ist Rauchen in der Pause erlaubt, sofern die Eltern ihre schriftliche Zustimmung geben.


Erste Bilanz: Weniger geraucht wird nicht. «Viele Jugendliche rauchen jetzt halt nur noch auf dem Schulweg», sagt Hanspeter Nyffeler. Dafür ist der Pausenplatz jetzt nebelfrei.


Gleiche Gemeinde, andere Strategie. Die Könizer Schule Liebefeld hält am Rauchverbot auf dem Schulgelände fest. Um Treffen während Randzeiten zu verhindern, wurde es «rund um die Uhr» ausgerufen – und zwar im ganzen Quartier.

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Eine Karte im Schulhaus zeigt, wo Rauchen erlaubt ist und wo nicht.


Doch natürlich bleibt die Zigarette auch in diesem Schulhaus im Trend. «Jetzt lernen die Kinder das Orientierungslaufen», kommentiert Schulleiter Heinz Jenni zynisch. «Unsere Schule hat beim Thema Rauchen versagt», sagt er – und gibt aber den Ball an die Familie zurück: «Erziehung ist primär Sache der Eltern; von uns wird Unmögliches verlangt.»


Was macht die Zigarette so attraktiv? «Noch nie waren die Jugendlichen so gut über die Schädlichkeit des Rauchens informiert wie heute», sagt Verena El Fehri, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention (AT). Für sie bleibt die Ursachenforschung «ziemlich spekulativ». Denn: Die Jugendlichen selber kennen die versteckten Gründe für ihren Griff ins Zigarettenpaket kaum – und die Erwachsenen können darüber nur mutmassen.

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Die unterschiedliche Optik dokumentiert eine Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention bei 600 Deutschschweizern zwischen 13 und 19 Jahren. Die Raucher nennen «Lust», «Genuss», «Geschmack» und «rauchende Freunde» als Hauptgründe ihres Verhaltens. Die gleichaltrigen Nichtraucher dagegen orten bei ihren Kollegen ein anderes zentrales Motiv: «Weil Rauchen cool ist.»


Hier hakt Verena El Fehri ein. «Die Tabakwerbung wird im Jugendsegment immer aggressiver», stellt sie fest. Kaum ein «cooler» Grossanlass ohne Zigarettenfirmen auf Werbetour: Technopartys, Konzerte, Trendsport-Events. Die Fachleute vermuten weitere Effekte: schwindende Autorität von Eltern und Schule, ein stärkeres Konsumverhalten bei den Jugendlichen oder den Leistungsdruck in Schule und Elternhaus.


Stress als Suchtfaktor

Fast alle Raucher steigen als Teenager ein. Acht von zehn Jugendlichen mit Tabakerfahrung rauchen ihre erste Zigarette im Freundeskreis, an einer Party oder einem Wochenendanlass. Doch wer lässt es beim Versuch? Wer bleibt dabei? Und wer steigt später wieder aus?

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Der Psychologe Holger Schmid von der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme spricht von Risiko- und Schutzfaktoren. Für eine Raucherkarriere förderlich sind Ärger zu Hause, rauchende Eltern, schlechte Noten oder Uberforderung. Schützend wirken dagegen eine gute Beziehung in der Familie, nicht rauchende Eltern, positive Erlebnisse in der Schule, Anschluss bei Gleichaltrigen oder Lob und Anerkennung.


Immer mehr Kinder fühlen sich jedoch gestresst und überfordert: Die Konkurrenz unter den Gleichaltrigen und die Angst vor der Zukunft nehmen zu. «Keine Lebensphase ist derart mit Leistung verknüpft wie das Jugendalter», sagt SFA-Direktor Richard Müller.


Vor diesem Hintergrund sind einfache Antiraucherrezepte eine Illusion. Für Müller ist klar: «Jede Gesundheitserziehung muss intensiv, kontinuierlich und beharrlich sein.» Und ohne «sanften Zwang zur Gesundheit» gehe es offenbar nicht mehr.

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Eine härtere Gangart in der Tabakpolitik wünscht sich auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) – mit einem Teilverbot der Werbung und höheren Tabaksteuern. Seit Monaten bereitet BAG-Chef Thomas Zeltner das Terrain mit markigen Worten vor. «Für uns gibt es keinen Unterschied zwischen Heroin und Tabak, was das Suchtpotenzial der beiden Stoffe betrifft», sagt er etwa. Oder: «Dieses Suchtmittel ist weit gefährlicher als ein bisschen Dioxin in einem Pouletschenkel.» Laut dem Bundesamt für Gesundheit verursacht Tabak in der Schweiz jährlich Gesundheitskosten von rund zehn Milliarden Franken und 8300 Tote.


Tabakkommission macht Druck

Klare Töne kommen auch vom Tessiner SP-Nationalrat und Krebsarzt Franco Cavalli (siehe auch Interview). «Niemand kommt auf die Idee, Werbung für Kokain zu machen», sagt der Präsident der 1998 gegründeten Tabakkommission, die den Bundesrat fachlich berät. Ende November will sie ihre Empfehlungen der Öffentlichkeit vorstellen.

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Mit höheren Steuern wird ein Verkaufspreis von fünf Franken pro Zigarettenpaket angestrebt. Bei der Werbung gilt die EU als Vorbild. Diese will bis zum Jahr 2006 die Reklame nur noch an den Verkaufsstellen zulassen.


Bereits lanciert hat der Bundesrat ein Verkaufsverbot von Tabakwaren an unter 16-Jährige. Er schlägt einen neu formulierten Artikel im Strafgesetzbuch vor: «Wer einem Kind unter 16 Jahren alkoholische Getränke, Tabakwaren oder andere Suchtmittel verabreicht oder zum Konsum zur Verfügung stellt, wird mit Gefängnis oder Busse bestraft.» Laden- oder Restaurantbesitzer müssen mit «Gefängnis nicht unter sechs Monaten» und einer Schliessung ihres Betriebs rechnen.


Als «viel zu extrem» rügt Hans-Ulrich Hunziker, Direktor des Zigarettenindustrie-Verbands, die angedrohten Strafen. Auch der Vereinigung des Tabakwarenhandels geht der Artikel zu weit. «Damit wird etwa einer Kioskfrau eine Verantwortung übertragen, der sie im Alltagsstress nicht gerecht werden kann», glaubt Geschäftsführer Thomas Bähler.

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Gegen ein Verbot stemmt sich die Branche zwar nicht. «Auch wir wollen vermeiden, dass Kinder Zigaretten kaufen können», beteuert Hunziker. Doch Industrie und Handel setzen lieber auf ein freiwilliges Programm. Ziel ist eine brancheninterne Vereinbarung, dank der sündige Händler mit Konventionalstrafen gebüsst werden können. Das wäre laut Bähler «sympathischer als die rigorose Strafnorm».


Das sei «schön und gut», sagt BAG-Tabakspezialist Patrick Vuillème. Aber: «Ein Verkaufsverbot muss mit strengen Strafen durchgesetzt werden, sonst bringt es nichts.»


Weniger Werbung und das Verkaufsverbot sollen den Einstieg ins Rauchen hinauszögern – so die Hoffnung. Von einem höheren Tabakpreis wird dies nicht erwartet. Alberto Holly, Lausanner Professor für Gesundheitsökonomie, glaubt, «dass für Jugendliche der Zigarettenpreis keinen entscheidenden Einfluss auf die Entscheidung hat, mit dem Rauchen anzufangen». Denn der Ubergang von der ersten Zigarette zum regelmässigen Konsum dauert meist Monate. Teurere Zigaretten helfen laut Holly aber mit, den Ausstieg zu fördern.

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Diese Erkenntnis könnte auch die Ziele der Prävention beeinflussen. «Wenn Jugendliche dazu gebracht werden, täglich fünf Zigaretten weniger zu rauchen, verdoppelt sich ihre Ausstiegschance», sagt der SFA-Psychologe Holger Schmid. Sobald aber 16-Jährige zwei bis drei Jahre rauchen und täglich zehn Zigaretten konsumieren, sind sie in der Regel süchtig – und bleiben es. «Rauchenden Jugendlichen müssen so früh wie möglich Ausstiegshilfen angeboten werden», fordert Schmid. Solche fehlen jedoch bisher weitgehend.


Und vielleicht muss auch die Zielgruppe erweitert werden. «Die meisten Programme zielen auf 11- bis 17-Jährige», stellen englische Tabakforscher fest. In diesem Alter seien die ersten Zigaretten jedoch bereits geraucht. Aus diesem Grund brauche es neue Angebote, und zwar schon für Vier- bis Achtjährige.

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