In den letzten Jahren sind in der Schweiz flächendeckend Anstrengungen unternommen worden, Fenster und Gebäudehüllen möglichst luftdicht abzuschliessen. Einerseits geht es darum, Wärmeverluste einzudämmen und Energie zu sparen. Anderseits sind schalldichte Fenster an lärmexponierten Lagen zwingend nötig. Über die Nachteile neuer Fenster spricht indes kaum jemand. Professor Hansruedi Preisig von der Zürcher Hochschule Winterthur sagt: «Unsere Forschungsarbeiten zeigen, dass der Luftwechsel durch bessere Luftdichtigkeit sehr stark eingeschränkt wird.»

Undichte Fenster haben den Vorteil, dass damit kontinuierlich Frischluft zugeführt wird: Der Luftwechsel in Bauten mit alten Fenstern liegt bei einem Wert von etwa 0,5 innerhalb einer Stunde wird die Hälfte der Luft ausgetauscht. Nach dem Ersatz der alten Fenster, aber auch in Neubauten sinkt der Luftwechsel auf einen Wert von 0,1. Die Folgen:

  • Die Luftfeuchtigkeit steigt. Typisches Merkmal: Kondenswasser an den Fenstern. Bei Werten ab etwa 50 bis 60 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit muss mit dem gefürchteten und ungesunden Schimmelpilz in der Wohnung gerechnet werden. Oft nehmen auch Wandbeläge, Möbel und Mauerwerk Schaden. Wenn es zu feucht ist, gedeihen ebenso Milben, welche wie Schimmelpilz bei vielen Menschen Allergien auslösen.

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Eine grössere Luftdichtigkeit führt dazu, dass die Schadstoffkonzentration in Innenräumen steigt etwa durch Tabakkonsum oder durch Wohngifte wie Lösungsmittel in Farben.



«Abgestandene» Luft beeinträchtigt das Wohlbefinden. Eine zu hohe CO2-Konzentration kann zu Unwohlsein und Kopfschmerzen führen.

Gemäss der Norm 180 des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA sollte ein Innenraumklima eine Luftfeuchtigkeit zwischen 30 und 50 Prozent aufweisen; im Winter ist eine Temperatur zwischen 19 und 24 Grad Celsius einzuhalten. Das Klima darf jedoch auch nicht zu trocken sein, weil bei einer Luftfeuchtigkeit von unter 30 Prozent Schleimhäute und Atemwege austrocknen damit steigt gerade im Winter die Empfindlichkeit für Husten und Erkältungen.

Um trotz grosser Luftdichtigkeit in neuen oder renovierten Gebäuden einen ausreichenden Luftwechsel zu erreichen, müssten mehrmals täglich alle Fenster geöffnet werden. Empfohlen sind jeweils fünf Minuten Durchzug. Fragt sich bloss: Wer hält sich daran? Wenn die Bewohner tagsüber ausser Haus sind, ist dies oft ein Ding der Unmöglichkeit, unabhängig davon, ob das Lüften in der Hausordnung festgeschrieben ist oder nicht. Gerade dort, wo die verbrauchsabhängige Heizkostenabrechnung angewendet wird, hat die Bewohnerschaft gute Gründe, die Fenster möglichst wenig zu öffnen. Auch keine Lösung ist es, die Fenster in Kippstellung offen zu lassen im Winter eine pure Energieverschwendung. Viel zu einfach ist es demnach, Feuchtigkeitsprobleme den Bewohnern in die Schuhe zu schieben. «Die Mieter lüften zu wenig», pflegen die Hausverwaltungen gerne zu behaupten.

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Gefordert sind stattdessen Architekten und Ingenieure geeignete Lüftungskonzepte müssen bereits in die Planung einfliessen. Eine Lösung stellt eine Abluftanlage dar, die im Innenraum Luft absaugt. Effizient sind solche Systeme aber nur, wenn sie mit Lüftungsöffnungen kombiniert werden, damit auch von aussen Frischluft nachströmt. Eine noch bessere Kontrolle des Raumklimas versprechen mechanische Zu- und Abluftanlagen mit Wärmerückgewinnung: Die Innenraumluft wird laufend ausgetauscht, wobei der Energieverlust durch Wärmerückgewinnung sehr gering gehalten wird. Doch auch das ist noch kein Allheilmittel, wie Fachmann Hansruedi Preisig betont: «Diese Anlagen funktionieren nur dann, wenn sie richtig eingestellt und dimensioniert sind und wenn sie fachgerecht unterhalten werden.» Eine solche Anlage muss analog einer Heizung gewartet werden.

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