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JungfraubahnenUnsere Kritiker sind unsere Feinde

In Grindelwald wollen die Jungfraubahnen 200 Millionen Franken in zwei Seilbahnen investieren. Gegner des Megaprojekts werden benachteiligt und eingeschüchtert.

Die Familie von Almen kämpft gegen ein 200-Millionen-Projekt der Jungfraubahnen. Dafür wurden sie abgestraft. Sie sind nicht die Einzigen.
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Der Brief der Berner Jungfraubahnen an die Familie von Almen trägt das Datum des 24. Dezember 2014 – doch sein Inhalt hatte nichts Weihnachtliches. «Aus betrieblichen Gründen wird die Sta­tion Wengernalp ab 1.1.2015 für den Güterverkehr geschlossen», teilte Urs Kessler, Vorsitzender der Geschäfts­leitung der Jungfraubahnen, den von Almens mit. Die Sendungen müssten ab diesem Zeitpunkt in Wengen oder auf der Kleinen Scheidegg ab­geholt und aufgegeben werden.

Das ist brisanter, als es klingt. Die von Almens führen das Hotel Jungfrau auf der Wengernalp. Ihr Betrieb ist ausschliesslich per Bahn zu erreichen, eine Strasse gibt es nicht. Alle Lebensmittel und sämtliche anderen Güter, die für den Hotelbetrieb nötig sind, werden seit 1893 mit der Bahn angeliefert und an der Station Wengernalp beim Hotel aus­geladen.

Die Kündigung war kein Scherz

Der Entscheid der Jungfraubahnen wäre fatal gewesen: «Wir hätten das Hotel innerhalb von zwei Wochen schlies­sen müssen.» Er habe mit den Verantwortlichen der Bahnen das Gespräch gesucht. Ohne den erhofften Erfolg. «Wir mussten uns einen Anwalt nehmen und Beschwerde einlegen.»

Hinter der Schliessungsandrohung steckt etwas anderes als die vorgeschobenen «betrieblichen Gründe». Es geht um den Eiger-Express, das ehrgeizige 200-Millionen-Projekt der Jungfraubahnen. Es sieht den Bau zweier Seilbahnen vor, in der Region spricht man von V-Bahn. Die eine Bahn soll die bestehende Seilbahn von Grindelwald auf den Männlichen ersetzen. Die zweite soll zur Station Eigergletscher führen, wo die Gäste auf die Jungfraubahn umsteigen können, um auf das Jungfraujoch zu gelangen.

Widerstand gegen Projekt

Das Projekt gefällt nicht allen. Den von Almens schon gar nicht. «Die Jungfraubahnen setzen mit dem EigerExpress voll auf Masse, auf die Pauschaltouristen aus Fernost. Die Gäste fahren am Morgen aufs Joch und reisen am Abend weiter nach Paris», kritisiert Andreas von Almen. Er ist Urs von Almens Bruder und führt in der fünften Generation das Hotel Bellevue des Alpes auf der Kleinen Scheidegg. «Gerade im heutigen Umfeld mit dem starken Franken ist es wichtig, über eine intakte Landschaft zu verfügen», sagt er.

Im Vorfeld der Gemeinde­ver­sammlung vom vergangenen Oktober stellten Mitglieder der Familie deshalb die Seite «Eiger-Express verhindern» ins Netz, schrieben kritische Leserbriefe und bezogen in Medien und ­öffentlichen Veranstaltungen Stellung gegen das Projekt.

Doch die Grindelwalder hatten kein Gehör für die Argumente und stimmten mit 71 Prozent für den Bau. Trotzdem flatterte Urs von Almen wenige Wochen später der Brief mit der Ankündigung ins Haus, der Gütertransport für die Station Wen­gern­alp werde eingestellt.

Ungeschminkte Strafaktion

Auch Andreas von Almen und die Familie Wyss, die auf der Kleinen Scheidegg ein Sport­geschäft führt und gegen das Projekt ist, mussten für ihren Widerstand büssen. Im Dezember strichen ihnen die Jungfraubahnen die Freikarten, mit denen sie das Jahr über mit der Wengern­alp­bahn fahren konnten.

Dass es sich dabei um eine Straf­aktion handelt, verhehlen die Jungfraubahnen gar nicht. «Es besteht bei den Familien Wyss und von Almen offenbar kein Interesse, dass die Jungfrau­bahnen und damit auch die Jungfraure­gion auch in Zukunft wettbewerbsfähig und damit eine erfolgreiche Unternehmung/Ferienregion bleiben», heisst es ungeschminkt in einem Protokoll.

«Althergebrachte persönliche Privilegien sind gestrichen worden», bestätigt Bahnen-Chef Urs Kessler. Die aktuellen vertraglichen Verpflichtungen, wie etwa die Abgabe ­einer Zahl von Fahrkarten fürs Personal, würden aber alle eingehalten.

Seilziehen um ein Stück Bauland

Schikanen und Druckversuche auf die Gegner der V-Bahn scheinen System zu haben. Das bekam auch Adi Bohren zu spüren. Der Metzger und Wirt besitzt in Grindelwald ausgerechnet dort Land, wo die Talstation der V-Bahn gebaut werden soll. Bohren will seinen Boden aber nicht verkaufen. «Bei der touristischen Zukunft unserer Region muss man auf Qualität setzen, nicht auf Masse», sagt er.

Wie viel ihn diese Meinung und seine Ablehnung des Mega-Projekts kostet, lässt sich präzis beziffern: 1000 Franken im Monat. So viel muss Adi Bohren seit Anfang Jahr den Jungfraubahnen bezahlen, damit sie mit ­einem Pistenfahrzeug die 50 Meter zu seiner Skihütte pfaden. Ohne den Pfad kommen keine Gäste zu seiner Hütte.

«Bei der touristischen Zukunft unserer Region muss man auf Qualität setzen, nicht auf Masse.»

Adi Bohren, Projektgegner

In den letzten Jahren war die Verrechnung nie ein Thema gewesen. «Man hat mir ganz klar gesagt, ich müsse bezahlen, weil ich nicht kooperativ sei», sagt Bohren. «Die 1000 Franken decken einen Teil der Kosten für die Präparation des Zugangs zur Berghütte Widderfeld», begründet Bahnen-Chef Kessler den Entscheid.

Damit nicht genug. Als Bohren Anfang Juni in der Hütte nach dem Rechten sehen wollte, fand er sie verwüstet vor. «Ich kann mir gut vorstellen, dass es sich um einen Racheakt handelt. Aber beweisen kann ich es natürlich nicht», sagt er.

Angst statt offene Diskussion

«Eine offene Diskussion findet nicht statt. Viele haben Angst, sich zu exponieren», sagt ein Grindelwalder. Er hatte zugesichert, im Beobachter mit Namen zu seinen Aussagen zu stehen, lehnte das aber einen Tag später ab. Zwei weitere Auskunftspersonen machten ebenfalls einen Rückzieher. Der Grund ist verständlich: Mit 870 Mit­arbeitern sind die Jungfraubahnen die grösste Arbeitgeberin der Region.

Der Grindelwalder Arzt Marc Müller machte ähnliche Beobachtungen und schilderte diese im Februar 2014 in der «Jungfrau Zeitung». In seiner Sprechstunde hätten sich Patienten über politische und private Druckversuche der Befürworter des Projekts beklagt. «Im Wissen um das Arzt­geheimnis haben sie ihren Herzen Luft gemacht, weil sie sich an der Öffentlichkeit nicht wagen, ihre Sorgen laut zu äussern», schrieb Müller.

Beat Bucher zählt nicht dazu. Er setzte sich dafür ein, dass die Abstimmung zum V-Bahn-Projekt an der ­Urne und nicht an einer Gemeindeversammlung entschieden werde. Die Stimmbeteiligung ist bei Urnengängen meist höher, und es haben alle Stimmberechtigten die Möglichkeit, daran teilzunehmen. «Schliesslich handelt es sich ja um ein Jahrhundertprojekt», sagt Bucher.

Nach der Besprechung mit Vertretern des Gemeinderats klingelte bei ihm tags darauf das Telefon. Urs Kessler, Chef der Jungfraubahnen, habe in Erfahrung bringen wollen, was es brauche, damit Bucher seine Meinung ändere beziehungsweise dem Projekt positiv gegenüberstehe. Kessler bestreitet den Anruf: «Ich habe in dieser Angelegenheit keinen Kontakt mit Herrn Bucher aufgenommen.»

Ein Anruf vom obersten Boss

Bucher liess sich nicht einschüchtern und stellte an einer öffentlichen Veranstaltung Fragen zum Verkehrs­konzept des V-Bahn-Projekts. Einige Tage später erhielt Bucher, der die ­Filiale der Raiffeisen-Bank in Grindelwald führt, einen Anruf von Pierin Vincenz höchstpersönlich, dem Vorsitzenden der Geschäftsleitung der Raiffeisen Schweiz. Vincenz verlangte von Bucher, er solle sich mit seiner Kritik am V-Bahn-Projekt zurückhalten. «Bei einem solchen Projekt kann man dafür oder dagegen sein. Das geht für mich in Ordnung. Aber wenn Kritiker mit undemokratischen Mitteln unter Druck gesetzt werden, akzeptiere ich das nicht», sagt Bucher.

Raiffeisen Schweiz will den Anruf nicht als Druckversuch sehen. «Raiffeisen ist politisch neutral und hat den Grundsatz, sich in kontroversen Diskussionen nicht zu exponieren», sagt Mediensprecher Franz Würth. Als Bankleiter werde Bucher in der Öffentlichkeit als Raiffeisen-Vertreter angesehen und müsse sich deshalb zurückhaltend äussern.

Es sind noch 15 Einsprachen hängig

Sprecher Würth bestreitet, dass der Anruf auf Anregung eines Exponenten der Jungfraubahnen erfolgt sei. «Die Äus­serungen von Herrn Bucher sind uns mittels unserer routinemässigen Medienbeobachtung zur Kenntnis gelangt.»

Ein entsprechender Zeitungsartikel lässt sich allerdings in der Schweizer Mediendatenbank nicht finden. Auch Würth konnte den Artikel nicht vorlegen: «Wir haben in der Zwischenzeit die Medienbeobachtung auf einen anderen Anbieter umgestellt.»

Sicher ist: Jungfraubahn-Chef Urs Kessler und Raiffeisen-CEO Pierin Vinzenz kennen sich persönlich von Aktionen und Sponsoringaktivitäten, die die Raiffeisen-Banken auch in der Jung­frauregion regelmässig durch­führen.

Trotz grosser Zustimmung in der Bevölkerung von Grindelwald und Lauterbrunnen ist nicht klar, ob das Projekt realisiert wird. Es fehlt das Ein­verständnis der Bergschaft Wärgistal, die der Bahn Überfahrrechte gewähren muss. Die für Ende Juni vor­gesehene Sitzung der Bergschaft wurde «wegen hängiger Verfahrens­fragen» auf einen unbekannten Zeitpunkt verschoben. Zudem sind 15 Einsprachen gegen das Projekt hängig.

Veröffentlicht am 23. Juni 2015