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Städtereisen: Bei Flugzeugen zeigt die Ökobilanz nicht auf Grün

Bild: Getty Images

Ein verlängertes Wochenende in einer europäischen Stadt: Das liegt voll im Trend. Ist es sinnvoller, das Flugzeug oder den Zug zu nehmen, wollte der Beobachter wissen. Resultat: Ein kurzer Flug belastet die Umwelt und den Geldbeutel stärker.

von Christian Schmidt

Städtereisen sind begehrt. Jede dritte Buchung in der Schweiz führt nach London, Paris oder eine andere europäische Metropole. Entsprechend dick sind die Reisekataloge: Sie sind voll gepackt mit Hotelinfos, Hinweisen zu Konzerten und Museen sowie Stadt- und Fahrplänen. Sogar das Kleingedruckte über Zuschläge ist heute gross gedruckt.

Trotzdem bleibt eine erstaunliche Informationslücke: Die unterschiedliche Umweltbelastung der Verkehrsmittel Flugzeug und Bahn wird in den Prospekten entweder mit ein paar Sätzen abgetan (Imholz, Railtour), oder das Thema fehlt gar ganz (Kuoni, Helvetic Tours, Frantour).

«Wir wollen und können das Publikum nicht lenken», sagt Imholz-Pressesprecher Roland Schmid. Er fasst damit die grundsätzliche Haltung der Branche zusammen: Der Kunde ist König. Kuoni versucht immerhin eine passive Beeinflussung. «Wir haben eine wachsende Nachfrage nach Zugreisen festgestellt und fördern nun dieses Bedürfnis», sagt Pressesprecherin Eve Sobotich. Im neuen Katalog finden sich 13 neue Angebote für Städtereisen – mehrheitlich mit der Bahn.

Nur ein Anbieter ist vorbildlich
Von den angefragten Reiseveranstaltern erlaubt sich einzig SSR, seiner Kundschaft ins ökologische Gewissen zu reden: Für jede Destination ist der unterschiedliche Gesamtenergieverbrauch der Verkehrsmittel vermerkt. «Auf sehr kurzen Strecken lassen wir in der Regel gar keine Wahl und bieten nur die Eisenbahn an», sagt SSR-Sprecherin Andrea Ferlin.

Was die andern Anbieter lieber verschweigen, legt der Beobachter für sechs der gefragtesten europäischen Städtedestinationen offen: wie Flug- und Bahnreise im Vergleich abschneiden. Als Bemessungsgrundlage dienten vier Fragen:

  • Wie lang dauert die Reise, und zwar inklusive Check-in und Check-out und Fahrt ins jeweilige Stadtzentrum?

  • Wie hoch ist der Energieverbrauch pro Person und Reise, gemessen in so genannten Diesel-Äquivalenten? (Düsenflugzeuge brauchen für Städteflüge pro Person bis zwölf Liter auf 100 Kilometer, Hochgeschwindigkeitszüge benötigen ein Diesel-Äquivalent von drei Litern für die gleiche Strecke.)

  • Wie gross ist die Belastung der Atmosphäre mit Kohlendioxid, Methan und Lachgas pro Person und Reise, berechnet in CO2-Äquivalenten? (Düsenflugzeuge produzieren auf kurzen Strecken pro Reisekilometer und Person 310 Gramm CO2-Äquivalente, der Ausstoss eines Eisenbahnzugs liegt bei 34 Gramm pro Person und Kilometer.)

  • Wie viel kostet die Reise? (Zur Berechnung haben wir Pauschalangebote mehrerer Reiseunternehmen herangezogen, wobei als Basis der Preis für zwei Übernachtungen im besten Dreisternehotel angenommen wurde.)

Wichtigstes Fazit: Je kürzer die Distanz, desto schlechter schneidet das Flugzeug ab. 26 Liter auf 100 Kilometer pro Person bläst ein Jet auf dem Weg nach Mailand durch die Düsen, neun Liter benötigt umgerechnet die Bahn. Solch kurze Distanzen zu fliegen, bezeichnet SSR-Sprecherin Andrea Ferlin denn auch schlicht als «Quatsch». Der Verbrauch von Düsenjets auf 100 Kilometer sinkt erst auf interkontinentalen Strecken und bei maximaler Auslastung auf – minimal – zwei Liter pro Person.

Noch krasser zeigen sich die Unterschiede beim Ausstoss von Kohlendioxid: 259 Kilogramm sind es pro Person auf dem Flug nach Barcelona, nur 37 sind es bei der Bahn. Kohlendioxid gilt heute als eine der Hauptursachen für Klimaveränderungen, und der Flugverkehr trägt immer mehr dazu bei. Während die Industrie die Emissionen von Treibhausgasen seit 1990 um über zehn Prozent reduziert hat, sind sie beim Flugverkehr um 27 Prozent gestiegen.

Auch in preislicher Hinsicht ist die Bahn Sieger. Die Differenz für eine dreitägige Städtereise nach Paris (samt zwei Übernachtungen) beträgt 170 Franken, nach Wien sogar 300 Franken. Der Reisekomfort ist dabei grundsätzlich höher als in den eng gestuhlten Flugzeugen. Einzig bei der Topdestination London, um die ein Preiskampf tobt, ist die Fahrt mit dem Zug teurer: Sie kostet 766 Franken – das sind knapp hundert Franken mehr als per Flugzeug.

Mit dem Flugzeug gehts schneller
Nur einen Vorteil kann die Reisevariante mit dem Jet für sich verbuchen: den Faktor Zeit. Auf langen Strecken verliert die Bahn. 13 Stunden dauert die Zugfahrt nach Barcelona, knapp vier benötigt das Flugzeug. Doch auch dieses Plus gilt nur für Reisende ohne Musse. Und die Ziele im nahen Ausland wie Mailand oder Paris sind durch die Luft heute kaum mehr schneller erreichbar – dank Pendolino und TGV. Anfahrt zum Flughafen, Zeit für Check-in, Check-out, die Grenzformalitäten sowie die Fahrt ins Stadtzentrum nach der Landung summieren sich.

So verschlingt etwa in Mailand der Weg vom neuen Flughafen Malpensa ins Stadtzentrum mit 60 Minuten mehr Zeit als der Flug. Der Unterschied zwischen Flug- und Bahnreise in die norditalienische Metropole macht am Schluss ganze 15 Minuten aus. «Reisen unter acht Stunden bieten wir deshalb grundsätzlich nur per Bahn an», sagt SSR-Sprecherin Andrea Ferlin.

Dass nicht mehr Reiseveranstalter dem Beispiel von SSR folgen, ist erstaunlich – vor allem angesichts der im letzten März vorgestellten Studie «Tourismus und Umweltverhalten» der Hans-Imholz-Stiftung. Die Untersuchung zeigt, dass heute über die Hälfte der Reisenden am Thema Umweltschutz interessiert sind. Drei Viertel erklären sich sogar bereit, für ökologische Ferien einen höheren Preis zu zahlen.

www.mobilitaet-e2000.ch

Veröffentlicht am 2001 M04 19