1. Home
  2. Umwelt
  3. Ölförderung: Bis zum letzten Tropfen

ÖlförderungBis zum letzten Tropfen

Bis zum letzten Tropfen
Brennende «Deepwater Horizon» im Golf von Mexiko Bild: Wikimedia

Die Ölindustrie zapft gefährliche Öl-Quellen in der Tiefsee an und verwandelt mit aufwendigen Fördermethoden ganze Regionen in vergiftete Wüsten.

von Stefan Bachmann

Die Katastrophe begann ausgerechnet am «Earth Day», dem weltweiten Tag der Umwelt. Nach einer Explosion versank am 22. April die Ölplattform «Deepwater Horizon» im Golf von Mexiko – und in 1500 Meter Tiefe begann Öl ins Meer zu sprudeln.

Die Folgen sind derzeit nicht absehbar. Dass es irgendwann zu einem solchen Unfall kommen musste, dagegen schon. Denn die Techniken, die in solchen Tiefen zum Einsatz kommen, sind riskant und noch kaum erprobt (siehe Grafik «Tiefer und tiefer»). Ab 200 Meter Tiefe können Unterwasserarbeiten nur noch mit Robotern ausgeführt werden, und das Material muss extremen Bedingungen standhalten: Das Öl ist siedend heiss, das Wasser eiskalt, der Druck enorm. «Bohrungen in Tiefen ab 1500 Metern sind mit neuen Herausforderungen und Risiken verbunden», sagt Axel Brohm vom Rückversicherer Swiss Re. Auch BP-Chef Tony Hayward räumte gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» ein: «Die Energieindustrie arbeitet hier sicherlich an den Grenzen der Geologie, Geographie und Technologie.»

Klicken Sie auf die Grafik, um diese vergrössert darzustellen.
Quelle: Wikimedia
Klicken Sie auf die Grafik, um diese vergrössert darzustellen.
Quelle: Wikimedia

Quellen in zehn Kilometer Tiefe

Dennoch erlauben die Regierungen der Ölindustrie, immer tiefer gelegene Hochsee-Ölfelder auszubeuten. Vor allem im Golf von Mexiko und vor Angola bohrt man derzeit tief unter dem Meeresspiegel. Und vor Brasilien sollen gar Quellen angezapft werden, die bis zu zehn Kilometer unter der Meeresoberfläche liegen. Zuerst gilt es dort, eine Meerestiefe von bis zu sechs Kilometern zu überwinden; anschliessend müssen die Bohrer vier Kilometer dicke Gesteins- und Salzschichten bewältigen.

Grund für die immer riskanteren Fördertechniken ist der ungebrochene Durst nach Öl. Weltweit werden jeden Tag 13,5 Milliarden Liter Erdöl verbrannt; das entspricht dem Inhalt von 5400 Olympiaschwimmbecken à 50 Meter Länge. Jeder Erdenbürger verbraucht zwei Liter pro Tag. Die regionalen Unterschiede sind gross: Ein Inder kommt mit 0,37 Litern aus, ein US-Bürger braucht 30-mal mehr, nämlich elf Liter pro Tag. Je nach Szenario wird der globale Verbrauch in den nächsten zehn Jahren um 20 bis 60 Prozent ansteigen (siehe Grafik «Weltweiter Energieverbrauch»). Denn mit dem wirtschaftlichen Erstarken von Ländern wie Indien oder China wächst die Zahl der Autos markant – Experten gehen von einer Zunahme von einer auf zwei Milliarden Fahrzeuge in den kommenden zwei Jahrzehnten aus.

Gleichzeitig neigen sich die Ölvorräte langsam, aber sicher dem Ende zu. Der gefürchtete «Peak Oil», der Zeitpunkt, ab dem die Ölproduktion mangels Ressourcen rückläufig ist, soll bereits in zehn Jahren erreicht sein. Das prognostizieren verschiedene Fachorganisationen wie etwa die renommierte deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Die Energy Watch Group (EWG) geht sogar davon aus, dass der «Peak Oil» schon jetzt überschritten ist. «Bis 2020 und erst recht bis 2030 ist ein dramatischer Rückgang der Ölförderung zu erwarten», schreibt die Organisation in einer Studie.

Klicken Sie auf die Grafik, um diese vergrössert darzustellen.
Quelle: Wikimedia

Abbau im Naturschutzgebiet

Die Ölsuche in immer tieferen Meeresregionen sei ein untrügliches Zeichen für den näher rückenden «Peak Oil», sagen Geologen wie der BGR-Fachmann Hilmar Rempel: «Das hätte sich früher nicht gerechnet.» Doch für den Ölexperten und Meeresbiologen Christian Bussau von Greenpeace Deutschland sind diese Aktivitäten in der Tiefsee vor allem eines: «verantwortungslos». Man habe keinerlei Erfahrungswerte, wie sich das Öl nach einem Unfall verteile. Und: «Das meiste gelangt gar nie an die Oberfläche, sondern verklumpt gleich nach dem Austritt und bleibt dann lange liegen», sagt Bussau. «Was das für den Lebensraum Tiefsee bedeutet, ist völlig unklar.»

Noch riskanter ist die Erschliessung von Ölquellen in den Polargebieten. Der U.S. Geological Survey, eine Behörde des US-Innenministeriums, geht davon aus, dass von den noch unentdeckten Öl- und Gasvorräten rund 13 respektive 30 Prozent in der Arktis liegen. Weil im hohen Norden grosse Gebiete immer länger eisfrei sind, ist der Wettlauf um diese Ressourcen eröffnet. Die Ölförderung hat bereits begonnen. «In Sibirien, vor Norwegen, vor Neufundland oder auch in Alaska stehen bereits Ölplattformen», sagt Rempel.

Heiss umstritten ist ein Ölförderprojekt im nördlichsten Naturschutzgebiet der USA, dem Arctic National Wildlife Refuge an der Nordküste Alaskas. Millionen von Vögeln nisten im Gebiet, es ist die Heimat riesiger Karibu-Herden und vieler Eisbären. Das Projekt würde zwar «bloss» acht Prozent der Fläche in Anspruch nehmen, doch die geplanten Pipelines, Raffinerien, Strassen und Flugplätze würden das ganze Gebiet wie ein Spinnennetz überziehen. Immerhin sind die Pläne laut Bruce Woods vom U.S. Fish and Wildlife Service derzeit auf Eis gelegt. George W. Bush zeigte sich noch bereit, das Gebiet der Ölindustrie zu opfern, doch Barack Obama ist dagegen.

Unkontrollierte Verschmutzung

Ölunfälle sind in Polargebieten besonders verheerend. «Im hohen Norden wird ausgelaufenes Öl etwa viermal langsamer abgebaut als in gemässigten Gebieten», sagt Christian Bussau. «Deshalb erholt sich die Natur nach einer Havarie nur sehr langsam.» Exemplarisch habe man das beim Unfall der «Exxon Valdez» 1989 vor Alaska gesehen. «Noch heute ist die Küste verschmutzt, und noch heute haben sich viele Tierbestände nicht erholt», sagt Bussau. Anders bei der Havarie der «Amoco Cadiz» 1978 vor der Bretagne: Obwohl sechsmal mehr Öl ausgelaufen sei, habe sich die Natur in der gemässigten Zone relativ rasch erholt. «Schon nach fünf Jahren konnte man fast keine Schäden mehr feststellen.»

Auch die Pipelines sind eine Verschmutzungsquelle. Im Winter müssen die Rohre und Dichtungen Temperaturen von bis zu minus 50 Grad aushalten, im Sommer heizen sie sich bis auf plus 40 Grad auf. Diese enormen Temperaturunterschiede sind laut Bussau der Grund, weshalb die Pipelines rasch lecken. Dadurch können grosse Gebiete unkontrolliert verschmutzt werden – was in Russland schon heute an der Tagesordnung ist.

Immer stärker im Fokus der Begehrlichkeiten stehen heute nichtkonventionelle Ölquellen: die Ölsande, die Ölschiefer und die Schwer- und Schwerstölfelder. Dank dem steigenden Ölpreis beginnt sich deren Ausbeutung zu rentieren. Die BGR sagt voraus, dass diese Quellen bis 2030 bis zu zehn Prozent der gesamten Förderung ausmachen werden.

Ölsande sind Schichten, die aus Sand, Ton, Wasser und zähflüssigem, ölhaltigem Bitumen bestehen. Die weitaus grössten Vorkommen finden sich in Kanada (siehe Grafik «Quellen der Zukunft?»), wo sie eine Fläche von über 140'000 Quadratkilometern einnehmen – das entspricht fast der dreieinhalbfachen Fläche der Schweiz.

Rund die Hälfte des Abbaus erfolgt im besonders umweltschädlichen Tagebau. Im Abbaugebiet Fort McMurray in der Provinz Alberta stehen die Raffinerien in einer ausgedehnten Mondlandschaft mit grossen Abraumhalden. In Absetzbecken werden die hochgiftigen Abwässer der Ölextraktion gelagert. Die Gewinnung von Öl aus Sand verbraucht Unmengen von Wasser: Pro Liter Öl werden zwei bis fünf Liter Wasser benötigt. In den Absetzbecken verdunstet dieses, während die Gifte zurückbleiben. Allerdings sickert ein Teil davon in den Boden, wo das Grundwasser verschmutzt wird. Auch die Flüsse und die Luft rund um die Abbaugebiete werden massiv vergiftet.

Bizarr mutet die Energiebilanz des Ölsandabbaus an. Laut Bernhard Piller von der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) muss ein Kilojoule Energie aufgewendet werden, um drei Kilojoule Energie in Form von Erdöl zu gewinnen. Zum Vergleich: Bei einfach auszubeutenden Ölfeldern ist das Verhältnis 1 zu 40.

Unterirdischer Flächenbrand

Bei tieferen Schichten kommen sogenannte In-situ-Verfahren zum Einsatz. Dabei presst man Dampf in den Untergrund, der das Bitumen verflüssigt. Anschliessend kann die ölhaltige Flüssigkeit hochgepumpt werden. In einem anderen In-situ-Verfahren löst man unterirdische Flächenbrände aus. Dafür wird ebenfalls Dampf in die ölhaltige Schicht gepumpt, bis das Bitumen heiss ist. Dann wird Luft beigefügt, worauf der Ölschlick sich entzündet. Beim Brand verflüssigt sich ein Teil des Bitumens und kann hochgepumpt werden.

Die Konzessionsfläche für die In-situ-Verfahren beläuft sich in Kanada laut der BGR bereits auf über 63'000 Quadratkilometer. Immerhin hinterlässt diese Art der Förderung keine Mondlandschaften. «Doch auch so vergiftet man Unmengen von Wasser», sagt Piller. Zudem ist das Verfahren noch energieaufwendiger als der Tagebau – und es ist ein engmaschiges Netz von Strassen und Anlagen notwendig.

Bei Lagerstätten von Schwerstöl, das fast so zähflüssig ist wie Bitumen, wendet man ähnliche Methoden an. Beim Ölschiefer hingegen ist noch keine wirtschaftliche Ausbeutung möglich. Ölschiefer sind Schichten organischen Materials, das sich noch nicht zu Erdöl entwickelt hat. Man kann diesen Prozess beschleunigen, indem man das Material thermisch behandelt.

Ölschiefer werden wohl die letzte Quelle sein, aus der sich der globale Durst nach dem schwarzen Gold stillen lässt. «Solange es sich irgendwie rechnet, wird man wohl Öl fördern, aus welchen Quellen auch immer», prophezeit Ölexperte Christian Bussau.

Schon heute ist gewiss, dass der Ölpreis in Zukunft noch stärker steigen wird. Für die Umwelt könnte sich das als Segen erweisen: Alternative Energien werden so an Attraktivität gewinnen. «Wie es heute aussieht, ist der Ausbau der erneuerbaren Energien aber zu wenig schnell, um den Ausfall des Öls auffangen zu können», glaubt Energieexperte Bernhard Piller. «Um den weltweit steigenden Energiebedarf abzudecken, wird das Erdöl in Zukunft wohl grossteils einfach durch Erdgas und Kohle ersetzt.»

Klicken Sie auf die Grafik, um diese vergrössert darzustellen.
Quelle: Wikimedia

Das kommt nach dem Erdöl

Mehr als die Hälfte des Erdöls wird heute für den Verkehr eingesetzt. Es gibt viele Alternativen, doch nicht alle werden sich durchsetzen. Mit welchen Treibstoffen werden wir uns in Zukunft fortbewegen?

Erdgas
Erdgas wird noch für einige Zeit weiter an Bedeutung gewinnen. Doch das fossile Gas hat zwei Nachteile: Erstens ist es nicht viel umwelt- und klimafreundlicher als Erdöl. Und zweitens reichen die Vorräte gemäss Gasindustrie nur noch für etwa 60 Jahre.

Treibstoff aus Kohle

Eine Methode, wie man aus Kohle flüssigen Treibstoff herstellen kann, ist schon lange bekannt. Heute wird sie nur in Südafrika und in geringem Ausmass in asiatischen Ländern angewandt. Weltweit wird sich das Verfahren wohl kaum durchsetzen, weil es teuer ist – und weil sowohl seine Energie- als auch seine Klima­bilanz ­ausserordentlich schlecht sind.

Agrotreibstoffe aus Raps, Holz, Palmöl, Algen
Gemäss der Internationalen Energie-agentur könnten die Agrotreibstoffe 2030 global bereits zehn Prozent der Treibstoffe ausmachen. Aller-dings ist anzunehmen, dass sie sich nie grossflächig durchsetzen werden, weil ihre Herstellung die Produktion von Nahrungsmitteln konkurrenziert.

Elektrizität
Alle Zeichen stehen auf Strom: Bernhard Piller von der Schweizerischen Energie-Stiftung geht davon aus, dass die Zukunft voll und ganz der Elektromobilität gehören wird. Weniger euphorisch sieht es Shell: Der Ölkonzern sagt voraus, dass bis 2050 auch im günstigsten Fall erst 40 Prozent des Verkehrs elek-trifiziert sein werden. Wie umweltfreundlich E-Mobile sind, hängt von der Stromquelle ab. Sollten sich die globalen Energie­szenarien bewahrheiten, wird sich die Strom-produktion künftig immer mehr auf Erdgas und Kohle abstützen, was sehr unökologisch ist.

Veröffentlicht am 2010 M05 28