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Rohstoffe«An unseren Metallen klebt Blut»

Ein Professor aus Rapperswil will mit einem Ökolabel für «saubere» Rohstoffe sorgen. Dazu will er Milliardenkonzerne wie Glencore bekehren. Ist das realistisch?

«Ich habe extreme Ausdauer»: Rainer Bunge, Wissenschaftler. Foto: Daniel Ammann
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Ein Bergsteiger braucht Zähigkeit. Rainer Bunge ist aktiver SAC-Tourenleiter. Aber auch Professor für Umwelttechnik an der Hochschule Rapperswil. Und was er vorhat, gleicht der Besteigung eines Achttausenders.

Bunge will ein Ökolabel für Rohstoffe entwickeln. Eines, das möglichst weltweit und für alle Metalle gelten soll. Er will die riesige, undurchsichtige Welt des Rohstoffhandels verändern. Sich mit Giganten wie der Zuger Glencore anlegen, Umsatz 214 Milliarden Dollar. Darf man Bunges Idee überhaupt ernst nehmen?

Der 53-Jährige redet sich in Rage, wenn er von den «Drecklöchern» erzählt, die er als Bergbauingenieur auf der halben Welt besucht hat. Von Arbeitern, die mit primi­tivem Gerät und hochgiftigem Quecksilber hantieren, und von den gewaltigen Landzerstörungen, die durch gigantische Minen angerichtet wurden und werden.

in Milliarden Franken

Die Schweizer Rohstofffirmen sind vor allem am Genfersee und in Zug angesiedelt....

Das Handy würde ein Prozent teurer

Bunge sagt: «An unseren Metallen kleben Blut und Dreck.» Für ihn ist das aber kein Grund, anklägerisch aufzutreten. Der gebürtige Deutsche kommt aus der Branche, er hat nichts gegen die Bergbaukonzerne. Doch die rohstoffreichen Schwellenländer sind ihm ans Herz gewachsen. «Dort lässt sich mit wenig Aufwand enorm viel für Umwelt und Mensch erreichen.» Also will er die Konzerne dazu bringen, die Roh­stoffe unter möglichst guten Bedingungen abzubauen und zu zertifizieren. «Wir können uns das leisten.» Der Anteil der Rohstoff­kosten am Endpreis des Produkts sei minim – beim Handy etwa 0,5 Prozent. Für die gesamte Wirtschaft würden sich trotz «sauberen» Rohstoffen die Preise um weniger als ein Prozent erhöhen.

Dass ausgerechnet ein Professor aus der rohstoffarmen Schweiz im Metallmarkt ein Zeichen setzen will, hat Gründe. Bunge hält das Land für optimal positioniert dazu: Die Schweiz verfüge über internationale Glaubwürdigkeit und hervorragend ausgebildete Fachleute. Ausserdem ist sie zum weltweit führenden Handelsplatz für Rohstoffe geworden, über den beispielsweise jede zweite weltweit abgebaute Tonne Kupfererz verkauft wird.

Und: Hierzulande leben einige der mächtigsten Rohstoffhändler, so etwa Ivan Glasenberg, Chef von Glencore Xstrata, wie das Fusionsprodukt der Firmen Glencore und Xstrata heisst. Doch weshalb sollte der milliardenschwere Glasenberg, nicht gerade als Umweltschützer bekannt, auf den Rapperswiler Professor hören und seine Metalle ökozertifizieren lassen?

«Weil das für die Firmen bald zu einem Wettbewerbsvorteil werden dürfte», argumentiert Bunge. Denn der Markt wandle sich. Im Zeitalter der Transparenz fragen sich Konsumenten vermehrt, wo und wie ihre Produkte hergestellt wurden. Vertrauen ge­niessen zum Beispiel Fair-Trade-Lebensmittel; ihr Marktanteil wächst stetig, die Schweiz ist «Weltmeister» beim «fairen» Konsum. Eine ähnliche Sensibilisierung findet gerade im Textilbereich statt, «und in Zukunft auch bei Rohstoffen», ist Bunge überzeugt.

Eine Mine, so gross wie der Kanton Zug

Tatsächlich tut sich etwas im Markt. Den Anfang macht das Gold: Ein «Fairmined Gold»-Label existiert seit einigen Jahren. Das nach den Standards der Organisation Fairtrade International zertifizierte Edelmetall ist aber erst in einzelnen Ländern erhältlich. Ob und wann es in die Schweiz kommt, ist offen, Max Havelaar klärt derzeit das Marktinteresse ab. Die zertifizierten Kleinmineure in Südamerika profitieren unter anderem von einem besseren Preis für ihr Erz als marktüblich. Trotzdem winkt Rainer Bunge ab. Zwar gehe das Gold-Label in die richtige Richtung, doch letztlich sei es nur ein ganz kleiner Tropfen auf den riesigen heissen Stein.

Umweltzerstörungen in gigantischem Ausmass: Mine für Kupfer, Silber, Blei und Zink...

Einige wenige Kleinminen arbeiten zwar nach ökologisch und menschenrechtlich einwandfreien Kriterien – doch das ändert wenig am weltweiten Bergbaudesaster. Ein aktuelles Projekt zeigt die Problematik: Glencore Xstrata plant, auf den Philippinen die grösste Kupfermine Südostasiens in Betrieb zu nehmen. Auf einer Fläche von 28'000 Hektaren – so gross wie der Kanton Zug – soll die Landschaft komplett auf­gerissen werden. Umweltschützer befürchten, dass dadurch in der Region wichtige Flussquellen zerstört werden. Ausserdem sollen 5000 Ureinwohner umgesiedelt werden, weg von ihren seit Jahrhunderten bewirtschafteten Feldern und den Gräbern ihrer Ahnen.

Ein Teil der lokalen Bevölkerung wehrt sich mit Gewalt gegen das Minenprojekt. Bei bewaffneten Auseinandersetzungen habe es mindestens acht Tote gegeben, berichtet das Hilfswerk Fasten­opfer. Es kritisiert Glencore Xstrata, mitverantwortlich für die Eskalation zu sein. «Entgegen dem öffentlichen Bekenntnis hat Glencore Xstrata bei diesem Projekt die Auswirkungen auf die Menschenrechts­situation nicht abgeklärt», sagt Daniel Hostettler von Fastenopfer. Die Firma widerspricht: Es gebe keine Gewalteskalation. Trotz gewissen Konflikten geniesse das Projekt «weitverbreitete Unterstützung» durch «viele Interessengruppen». Der Konzern habe grosse Bemühungen zur Wahrung der Menschenrechte vor Ort unternommen.

Der Schweiz drohen Milliardenforderungen

Dennoch spricht einiges dafür, dass sich der Rohstoffmarkt in Richtung mehr Transparenz bewegt. Denn nach dem neuen Dodd-Frank-Gesetz müssen an US-Börsen kotierte Rohstofffirmen sämtliche Zahlungen ab 100'000 Dollar an ausländische Regierungen offenlegen. Die Branche lief gegen dieses Antikorruptionsgesetz Sturm, allerdings erfolglos. Mehr Licht bringen die USA auch bei «Konfliktroh­stoffen» ins Dunkel. Die US-Industrie muss neuerdings sicherstellen, dass sie keine zur Finanzierung des Krieges im Kongo benutzten Materialien verwendet. Als Folge be­ginnen weltweit Firmen vor allem der Kommunikations- und IT-Branche, sich mit der Herkunft ihrer Rohstoffe auseinanderzusetzen. Eine Herkulesaufgabe: «HP, Apple oder Philips haben Tausende von Zulieferern, und die Rohstoffe wechseln von der Mine bis zum Kunden x-mal den Besitzer», sagt Rohstoffexpertin Chantal Peyer vom christlichen Hilfswerk Brot für alle. Als Trendsetter gibt sich eine niederländische Firma, die ein «Fair Phone» lanciert. Dieses soll unter – möglichst – fairen Arbeitsbedingungen hergestellt werden. Bisher haben knapp 5000 Kunden ein solches Telefon bestellt: Rainer Bunge wird es gern vernommen haben.

Doch vom Trend zur Transparenz ist in der Gesetzgebung der Rohstoffweltmacht Schweiz bisher wenig zu spüren. «Beim Bund gibt es grosse Widerstände gegen mehr Regulierung», sagt Urs Rybi von der Nichtregierungsorganisation Erklärung von Bern. «Glasenberg und Co. drohen schnell mit Wegzug – um sie nicht zu vergraulen, hält der Bund sie an der langen Leine.»

Und so ist der Rohstoffhandelsplatz Schweiz nicht nur umsatzmässig weltweit Nummer eins, er ist auch rekordverdächtig schwach reguliert. Wie einst im Finanz­bereich gilt das Land als sicherer Hafen für fragwürdige Geschäfte. Die lasche Haltung des Staates werde sich bitter rächen, prophezeite der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm im «Tages-Anzeiger»: Die Schweiz könnte eines Tages von Entwicklungsländern auf Schadenersatz in Mil­liar­denhöhe verklagt werden – wegen der riesigen Umweltschäden, die Schweizer Rohstoffkonzerne dort angerichtet haben.

«Ich will nicht die ganze Welt verändern»

Um so etwas abzuwenden, müssten die Firmen eigentlich an einer nachhaltigeren Arbeitsweise interessiert sein. Was sagt die Schweizer Rohstoffbranche zu Bunges Idee? Glencore schweigt. Der zuständige Nachhaltigkeitsverantwortliche reagierte nicht auf Anfragen des Beobachters. Auch Martin Fasser, Präsident der Zug Commodity Association, windet sich: «Ich würde es gut finden, wenn die Idee dieses Labels weiter verfolgt würde.» Begeisterung klingt anders. Ein Label würde zu mehr Aufwand und Kosten führen, fürchtet der Vertreter der Zuger Rohstoffhändler. Bunge glaubt dennoch, dass die Konzerne aus reinem ­Eigeninteresse bald «sauberer» geschäften werden. Einer der grössten Bergbaukonzerne der Welt, Rio Tinto, sei interessiert an seiner Idee, genau wie diverse wissenschaftliche Institutionen.

Trotzdem bleibt Skepsis. Ist Bunge grös­senwahnsinnig zu meinen, er könne mit seinem Projekt die Rohstoffwelt zum Guten verändern? Bunge lacht schallend. Dann fügt er ernst an: «Ich will nicht eigenhändig die ganze Welt verändern. Ich sehe mich eher als eine Art Katalysator.» So hofft er, dass seine Labelidee zum Selbstläufer wird, dass die fortschrittlichen Unternehmen die Initiative übernehmen und den Zertifizierungsprozess selber umsetzen.

Es tut sich was hinter den Kulissen

Dann lässt Bunge die Katze doch noch aus dem Sack. Er evaluiere bereits für einen Schweizer Grosskunden Metallminen auf der ganzen Welt, möglicherweise die Vorstufe zu einer Zertifizierung. Mehr Details dazu will er aber nicht verraten.

Und bald könnte Bunge einen wichtigen Verbündeten finden: den Bund. Dieser scheut zwar mehr Regulierung, doch er unterstützt zugleich zahlreiche – freiwillige – internationale Initiativen für Menschenrechte und bessere Standards im Bergbau. Bunges Label würde dazu gut passen, das Staatssekretariat für Wirtschaft und das Bun­desamt für Umwelt signalisieren Interesse.

«Ich habe extreme Ausdauer», sagt Rainer Bunge. «Bei meiner Pensionierung in knapp 15 Jahren wird es ein Metall-Label geben.» Es wäre die Ankunft auf dem Gipfel seines persönlichen Mount Everest.

Veröffentlicht am 10. Juni 2013