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SelbstversorgerKraut und Rüben aus Manhattan

Im New Yorker Central Park gedeiht mehr Essbares als man denkt.
Im New Yorker Central Park gedeiht mehr Essbares als man denkt. Bild: Thinkstock Kollektion

Wenn amerikanische Grossstädter ihr Gemüse aus den Ritzen im Asphalt kratzen, geht es weniger um Ernährung als um eine Haltung.

von Sacha Verna

Eine Handvoll Weinberglauch brachte Ava Chin von ihrer ersten kulinarischen Expedition im Asphaltdschungel zurück. Sie war fünf Jahre alt. Der Ausflug hatte sie in den Hinterhof ihres Wohnblocks im New Yorker Stadtteil Queens geführt, wo das grasartige Gewächs in den Ritzen im Beton gedieh. Es roch genau gleich wie die Frühlingszwiebeln, die ihr Grossvater zum Kochen verwendete. Deshalb war Ava sicher: Sie hatte etwas Essbares gefunden. Als Beweis machte der Opa am Abend ein Rührei, das er mit dem gehackten Weinberglauch bestreute.

Heute, 35 Jahre später, ist Ava Chin Expertin für Essbares aus Betonritzen. Sie weiss, auf welcher Höhe der Fifth Avenue die Ginkgonussernte im Herbst jeweils besonders reichhaltig ausfällt und dass der Portulak von der Lower East Side nussiger schmeckt als der von der Upper West Side. Chin sammelt Wildpflanzen in New York City. «Urban Foraging» nennt sich das Hobby, dem immer mehr Grossstädter in den USA frönen. In Los Angeles, Portland und Seattle ziehen Foraging-Kollektive auf Obst- und Gemüsetouren durch die Strassen. Websites verzeichnen Parkplätze mit Kirschbäumen und leerstehende Grundstücke mit Himbeerbüschen in Boston und Miami. In New Orleans und Chicago haben es Foraging-Expeditionsleiter zu wahrer Kleinprominenz mit grosser Gefolgschaft gebracht.

Eicheltee von Parkbäumen

Gelegentlich ist auch Chin mit Pflück­enthusiasten im Central Park unterwegs. Vor allem aber schreibt sie den Foraging-Blog für die «New York Times». «Als ich vor zwei Jahren damit begann, reagierten die Leute überrascht, belustigt und neugierig», sagt sie. «Das Grünzeug neben der Bushaltestelle als Salat? Das konnte sich damals niemand vorstellen.» Heute braucht sie bloss ein paar Eichen in Park Slope zu erwähnen, und schon brüht halb Brooklyn Eicheltee. «Den Leuten gefällt die Vorstellung, sich mitten in der Stadt ein Stück Natur zurückzuerobern», sagt sie. «Es reizt sie das Gefühl der Ursprünglichkeit, das mit dem Sammeln von Essen verbunden ist.»

Selbstversorgerphantasien gedeihen gut, wo der nächste Supermarkt gleich um die Ecke liegt. Und die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit ist nichts Neues. Bereits 1962 verfasste der Freiluftaktivist Euell Gibbons mit «Stalking the Wild Asparagus» die Bibel der Foraging-Jünger. Allerdings umfasst das Spektrum der Fruktopisten längst nicht mehr nur die Hippies und Möchtegernaussteiger von einst. Konsumkritiker, die zum Kampf gegen Lebensmittelmultis und Verschwendung aufrufen, verfolgen Chins Blog-Einträge ebenso wie Schnäppchenjäger, die sich über alles freuen, was gratis ist. Robinienblüten aromatisieren Glace wie Vanille und kosten nichts? Prima, her damit!

In Internetforen und, ganz real, in Gemeinschaftszentren und Kochschulen treffen sich Freunde der Do-it-yourself-Kultur und Eltern, die ihre Kinder über die Wurzeln der Dinge und diejenigen von Kletten aufklären wollen. Ökohedonisten, Hobbybotaniker und Menschen, die das Motto «lokal, saisonal, nachhaltig» sehr, sehr wörtlich nehmen.

«Immer mehr Leute wollen genau wissen, woher ihr Essen stammt», sagt Chin. Es genügt ihnen nicht mehr, mit dem Bauern per Du zu sein, bei dem sie auf dem Markt ihre Kartoffeln kaufen. Erst selbstgepickte Sonnenblumenkerne machen ihr Müesli zum Kraftfrühstück. Tatsächlich stellen umweltbewusste Gourmets einen grossen Teil der Urban Forager. Zeitgeistige Feinschmeckerlokale sprechen diese Leute an, wenn sie statt mit weissen Trüffeln aus Alba mit Maitake-Pilzen aus dem Quartierpark locken.

Inzwischen haben viele Gastronomen im Gehsteiggemüse einen neue Nische erkannt. Einige Restaurants und Delikatessenläden in New York und San Francisco beschäftigen Flora-und-Fauna-Spezialis­ten, die den Löwenzahn aus der allernächs­ten Umgebung bei Bedarf gleich korbweise liefern. Die «Bio»-Frucht vom Baum auf der Verkehrsinsel findet durchaus Kunden, die dafür zu zahlen bereit sind.

Glück der Sammlerin: Ava Chin zeigt stolz einen Riesenbovisten - ein essbarer Pilz aus einem New Yorker Park.
Quelle: Thinkstock Kollektion

Immigranten waren die Ersten

Urban Foraging ist ein Wohlstandsphänomen. Das war nicht immer so. Die ersten städtischen Sammler waren Immigranten. Sie suchten nach Kaktusfeigen und Weinblättern, weil sie auf diese Weise ein paar wertvolle Cents sparen konnten. Und weil ihnen, im Gegensatz zu den Eingesesse­nen, diese Pflanzen aus ihrer Heimat vertraut waren. Heute fehlt den Arbeitsmigranten die Zeit dafür. «Urban Foraging ist die langsamste Art des Slow Food», sagt Chin. Man muss es sich leisten können, ­einen Nachmittag lang nach wilden Pastinaken zu graben. Selbst wenn sich das Erntegebiet gleich jenseits der Kreuzung vor dem Fenster befindet.

Kommt hinzu, dass zwei Pastinaken zwar stolz, aber noch kein Ragout machen. Für substantielle Nahrunsmengen fährt man immer noch besser auf eine Farm und pflückt dort Erdbeeren. Ein traditionsreiches Sonntagsvergnügen für die ganze Familie. Mit dem Prädikat «städtisch» darf man die daraus eingekochte Marmelade aber nicht schmücken.

Die urbane Mittelschicht mythologisiert die Natur. Naherholungsgebiete liegen in amerikanischen Metropolen oft erstaunlich fern. Auch in New York wohnen nicht alle in Gehdistanz zum Central Park. Deshalb rührt ein Häufchen Erde zwischen Auspuffrohren und Wolkenkratzern manchen Krawattenträger zu Tränen. Gibt dieses Flecklein überdies etwas so Wunderbares her wie Holunder (Sirup!) oder Knoblauchrauke (Pesto!), schwebt der Feld-, Wald- und Wiesenträumer im siebten Himmel.

Die Urban-Foraging-Produkte helfen, einen Status zu demonstrieren. Da sind jene, die sich das Topinambur-Carpaccio teuer servieren lassen und so zu Trendsettern werden. Andere halten an der Grund­idee fest und feiern das «Free for all» – das «Gratis für alle». Urban Foraging befriedigt die Bedürfnisse von CO2-Bilanzierern und von allen, die sich die unschuldigen Tage des Jagens und Sammelns zurückwünschen. Als wir noch selber Mammuts erlegten! Und die Minze nicht in Teebeuteln wuchs! Da waren wir rein und unverdorben. Selbst als der Mensch den Pflug erfand, war noch nicht alles verloren. Der Bauer säte und sah die Früchte seiner Arbeit, der Verbraucher hatte zumindest noch den Dreck an der Karotte.

Erholsames Brennnesselsammeln

Die Gurus des Urban Foraging versprechen, den Glanz der guten alten Zeit zurückzubringen. Ava Chin ist da wesentlich pragmatischer. Doch auch sie verbindet mit dem Sammeln von «Urkost» im Schatten des Empire State Building archaische Gefühle. «Meine Beziehung zur Stadt und zu mir selber hat sich damit verändert», sagt sie. Leben entdecken, wo man keines vermutete, und geniessen, was man für ungeniessbar hielt: «Man lernt, die Welt und seinen Platz darin mit neuen Augen zu sehen.» Chin gewinnt dem Urban Foraging meditative, metaphysische und therapeutische Qualitäten ab. Nach einem Tag im Büro Brennnesseln hinter der nächsten Bar zu pflücken erscheint manchen Grossstädtern erholsamer, als ein Bier in der Bar zu trinken.

Neulich hat Chin über Epazote – lateinisch: Dysphania ambrosioides, deutsch: Mexikanischer Drüsengänsefuss – gebloggt. Das Kraut fand sie vor einem gewaltigen Häuserblock im Osten Manhattans. Es stank nach Abgas. So riecht es von Natur aus. Chin mischte es ihrer Guacamole bei. Nur ein Avocado-Dip. Doch hatte sie damit sämtliche Verheissungen des Urban Foraging in einem Töpfchen – cracker-kompatibel, authentisch im Geschmack und garniert mit gutem Gewissen.

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Veröffentlicht am 2012 M03 30