Filisur ab 08.59, umsteigen in Samedan 09.41, von dort weiter nach Cinuos-chel-Brail (Ankunft 10.34), zu Fuss nach Zernez, mit Zug Nr. 760 nach Scuol-Tarasp, Ankunft um 15.26 Uhr. Rückfahrt acht Minuten später, Ankunft in Klosters um 16.24 Uhr. Wegen schlechten Wetters Weiterfahrt nach Davos Platz (Ankunft 16.53 Uhr). Zeit für Kaffee und Kuchen, Abfahrt Richtung Filisur um 17.22 Uhr, Ankunft um 17.49 Uhr.

Der gestrige Tag verlief nach Fahrplan. Auch heute, keine 14 Stunden später, stehen Helmut und Rosemarie Fuchs aus Krumbach bei Augsburg bereits wieder am Bahnhof und warten auf den nächsten Zug. Das Ziel heisst Tirano, die Fahrzeit für Hin- und Rückfahrt beträgt laut Fahrplan exakt 6 Stunden und 25 Minuten. Im Veltliner Grenzort sind 1 Stunde und 39 Minuten für Kaffee und Shopping vorgesehen, Verpflegung gibts aus dem Rucksack.

Filisur, Herz der Bahnbegeisterung


Im Hotel Grischuna, hundert Meter neben dem Bahnhof, direkt an den Gleisen nach Bergün, dürfte die Fahrt nach Tirano für den Tagesrekord unter den Gästen reichen. Die für heute bekannten Ziele sind: Spinas im Val Bever (retour 1 Stunde 29 Minuten ab Filisur), Chur (2 Stunden 7 Minuten), Lagalb (2 Stunden 57 Minuten) sowie «bloss ein kleiner Ausflug nach Arosa» (via Chur, 5 Stunden 42 Minuten).

Das «Grischuna», 1903 als Hotel Bahnhof fast gleichzeitig mit der eben fertig gestellten Albulalinie eröffnet, ist kein Ort für Langschläfer. «Um neun sind die meisten Gäste weg», stellt Hotelier Reto Uffer lakonisch fest. Ausgeflogen in Richtung Chur oder St. Moritz, hinauf nach Davos, zum Wiesner Viadukt, auf die Bernina oder sonst an einen Punkt des 397 Kilometer langen Netzes der Rhätischen Bahn. Denn Filisur ist das Mekka der Schmalspur- und RhB-Fans aus aller Welt, und das «Grischuna» ist ihre Herberge. Wer eines der beiden Eckzimmer 5 oder 11 ergattert hat, mit der Aussicht auf Schienen und Bahnhof, gehört zur Crème de la Crème der Ferrophilen.

Helmut und Rosemarie Fuchs verbringen eine Woche im «Grischuna», «leider nur eine Woche». Wie jedes Jahr seit 1999. Und wie wohl noch manches Jahr. Der Ausflug heute, am zweitletzten Ferientag, dient einer reinen «Kontrollfahrt» und soll keinesfalls in Stress ausarten: «Wir wollen schauen, ob alles noch so ist wie im letzten Jahr», sagt Rosemarie Fuchs, Buchhalterin und durch ihren Mann schwer mit dem RhB-Virus angesteckt.

Ein Hoch auf die gelben Wagen


Helmut Fuchs, von Beruf Lokführer, studiert vor Abfahrt noch den aktuellen «Lokumlaufplan», der am Bahnhof aufgehängt und – schliesslich will die RhB dem geneigten Publikum etwas bieten – für zwei Franken zu kaufen ist. Nach zwei Minuten weiss er, mit welchen Triebfahrzeugen heute auf dem Weg nach Tirano zu rechnen ist. Dass dann «Die kleine Rote», die Lokomotive Nummer 650 mit Eigenwerbung der RhB, vom Landwasserviadukt her in Filisur einfährt, überrascht ihn nicht.

Trotz Lokumlauf- und Fahrplan – nicht alles ist berechenbar. So kommt beim Umsteigen in Pontresina zum ersten Mal Hektik auf. Helmut Fuchs entdeckt im eben eingefahrenen Zug aus Tirano zwei gelbe Reisezugwagen, Baujahr 1913. Von stressfreier «Kontrollfahrt» ist plötzlich keine Rede mehr, auch nicht davon, dass er «das meiste» in den vergangenen Jahren schon auf Film gebannt hat. Fuchs packt seine Kamera und stürmt los. Fünf Minuten später sind die beiden Wagen geknipst, der Lokführer im Urlaub sitzt wieder im Zug und ist zufrieden: «Diese Wagen in der Originalfarbe, das hatte ich noch nicht.»

Eigentlich wäre Helmut Fuchs gerne Lokführer bei der RhB geworden, «so zur Aushilfe oder in den Ferien». Auf seiner Heimstrecke in Mittelschwaben fährt er nur noch Personenzüge. Lokomotiven mit Computer und jeder Menge Elektronik, «das ist kein richtiges Bahnfahren mehr». Wie würde es ihn, den Schmalspurfan, doch locken, mit einem dieser roten Triebwagen Modell ABe 4/4 I über Ospizio Bernina, Alp Grüm, Poschiavo nach Tirano zu fahren. An Sonntagen würde Ehefrau Rosemarie mitfahren, wie sie das zu Hause in Mittelschwaben auch tut. Sie würde ihm die Signale ankünden («64 Promille Gefälle auf 70 Meter»), und Helmut Fuchs würde dosiert und von Hand bremsen, ohne Computer. Und wenn der Zug nach exakt 60,688 Kilometern sanft am Prellbock im Bahnhof von Tirano zum Stehen käme, würden sie sich schon gemeinsam auf die Rückfahrt bergauf freuen.

Es wird wohl beim Traum bleiben. Über Erkundigungen ist Helmut Fuchs nie hinausgekommen, weil schon die erste Antwort den Traum platzen liess: Wer einen Zug über die Bernina führen will, muss einen Schweizer Pass haben.

Tirano, Mittag. Es reicht für einen Cappuccino und ein paar Einkäufe im nächsten «Alimentari». Dann gehts wieder bergauf Richtung Bernina. Vorerst allerdings nur bis Brusio. Helmut Fuchs hat ein Bild im Kopf: den Kreisviadukt unterhalb des Dorfes, ein kühnes Bauwerk, zu sehen auf zig Postkarten. Eine solche zu kaufen, nein, das käme nicht in Frage. Den richtigen Aufnahmeort meint Fuchs in einem Geröllhang hoch oberhalb des Dorfes auszumachen. Dort hängen jedoch Hochspannungskabel ins Bild. Geschossen wird es trotzdem. Am sechsten Ferientag geht der siebte Film mit Bahnsujets zu Ende.

Nur die 2. Klasse darf es sein


In der Kurve gleich vor dem Bahnhof Brusio hat sich André Pingot einen ganz anderen Aufnahmeort gesucht. In roten Socken, Knickerbockers und weissem Unterhemd wartet er auf den Bernina Express. Jungfraubahn und Glacier Express hat der Franzose aus dem Saarland bereits auf stundenlangen Videobändern verewigt, «die Berninabahn fehlt mir noch». Als der ersehnte Bernina Express auftaucht, zeigt sich, dass Pingot Platz und Zeitpunkt für seine Aufnahme umsichtig gewählt hat. In zwei kleinen Schwenken schlängelt sich der Zug direkt vor die Linse, fährt dann an der Station Brusio vorbei, beschreibt drei Kurven und verschwindet schliesslich weit oben am Hang zwischen den Häusern. Pingot ist zufrieden: Sein Filmarchiv ist um drei Minuten vollständiger.

Zug Nummer 464 bringt Helmut und Rosemarie Fuchs wieder nach St. Moritz. Gefahren wird 2. Klasse, aus Prinzip: In den vollklimatisierten Wagen der 1. Klasse lassen sich die Fenster nicht öffnen, und das ist für einen echten Bahnfreak eine Zumutung. Schliesslich gilt es, jederzeit bereit zu sein für ein Bild eines Bautriebwagens in Cavaglia. Oder eines offenen Güterwagens mit ausgedienten Signalen auf dem Berninapass. Oder ein Bild der Baustelle unterhalb von Cavaglia.

Jägerlatein ohne Flunkereien


Denn abends im Speisesaal des «Grischuna», im Epizentrum der RhB-Fanwelt, da zählt jedes Detail von der ferrophilen Trophäenjagd. Die vorbeifahrenden Züge im Augenwinkel – «der 584er ist wieder mal superpünktlich» –, wird über Gesehenes, Gehörtes und Fotografiertes debattiert. Diskret zwar, aber sichtbar mit Freude über das Erlebte. Hier, und vielleicht noch auf dem Verdauungsspaziergang zum Bahnhof, offenbaren die wahren Kenner ihr Wissen und geben es häppchenweise an interessierte RhB-Novizen weiter.

Helmut und Rosemarie Fuchs können heute mit dem in Campocologno gesichteten historischen Triebwagen ABe 4/4 32 aufwarten, ebenso mit dem restaurierten Speisewagen «La Bucanada», Modell Nummer C 114. Thomas Bitter, Diplomverwaltungswirt aus Arnsperg im Sauerland, kennt beide und hat beide Wagen schon fotografiert. Wie er schon fast alles fotografiert hat auf den 397 Kilometern RhB. Und weil er schon fast alles fotografiert hat, weiss er auch fast alles über die Rhätische Bahn. Sein Tag war mit dem kurzen Ausflug nach Arosa «nicht sehr ergiebig». Ein einziger Film liess sich füllen. Immerhin entdeckte er zwei neue Signale, «solche, wie sie nur die RhB hat».

Seit 13 Jahren steigt der 33-Jährige im «Grischuna» ab, jeweils im Juni und September, immer für eine Woche. Seit er als Schüler in Scuol-Tarasp seine erste Zugkomposition sah, ist er RhB-Fan bis ins Mark. Bitter hat auch andere Schmalspurbahnen «ausprobiert», die Chemin de fer du Jura etwa oder die Solothurn-Niederbipp-Bahn. Aber er ist immer wieder nach Filisur zurückgekommen, «denn hier ist es am interessantesten».

Die RhB-lose Zeit überbrückt er mit einer Gartenbahn im Massstab IIm (1:22,5) auf einem 700 Quadratmeter grossen, eigens dafür gemieteten Grundstück. Thema: die Strecke Chur–Arosa, «das geologisch spannendste Stück der RhB», mit Brücken, Tunnels, Felsen, Bahnhöfen und allem, was dazugehört. Vieles auf der Anlage hat er selbst gebaut, auch die Bäume für die Wälder entlang der Strecke stellt er selber her: Bitter, der Miniaturliebhaber, züchtet Kiefern und Föhren im Bonsaiformat.

Mike de Punte hingegen kauft «seine» RhB auf Internetauktionen zusammen. Er ist Präsident der Sektion «Easter New England» der «European Train Enthusiasts» und nennt «irgendetwas zwischen 40 und 50» Modelle von RhB-Triebfahrzeugen sein Eigen, plus die entsprechenden Reisezugwagen natürlich: «Mehr gibt es leider nicht zu kaufen.»

Auch in den USA ist die RhB zu Hause


Zu Hause in Cape Cod, Massachusetts, steht der Bahnhof Filisur auf einer Fläche von 8 mal 17 Fuss, was immerhin knapp 15 Quadratmetern entspricht. Die Pläne dazu erhielt er von einem RhB-Fan aus Kanada. Als Gegenleistung lichtete der ehemalige Profifotograf die Station Cavaglia an der Berninalinie ab.

Mike und Ehefrau Janath kommen mindestens alle zwei Jahre nach Filisur. Den historischen Bahnlehrpfad von Preda nach Bergün, eigentlich ein Muss für die Fans, nehmen sie an diesem sonnigen Frühsommertag jedoch zum ersten Mal unter die Füsse. Der Wegweiser gibt für die acht Kilometer zwei Stunden an, Mike und Janath rechnen vorsichtig mit der doppelten Zeit. Er sei «keiner der ganz Angefressenen», beteuert Mike de Punte mehr als einmal, aber allein die Ausrüstung verrät das Gegenteil. Am Gurt, in der selbst gemachten Tasche mit Schlangenledereinsatz, hängt griffbereit die Digitalkamera, in der linken Brusttasche stecken Lesebrille, Lineal und Kugelschreiber. Das wichtigste Utensil jedoch trägt der 61-Jährige in der rechten Brusttasche: die digitale Agenda, in der er den Fahrplan für die Strecke von Chur nach St. Moritz gespeichert hat.

Bei Brücken und vor Tunnels, an den guten Fotostandorten eben, greift Mike fast automatisch danach: «There’s one due in five minutes.» Und kündigt sich fünf Minuten später der nächste Zug tatsächlich mit einem leisen Sirren an, geht die Hand blindlings zur Kameratasche, und der gemütliche Wanderer verwandelt sich für ein paar flüchtige Sekunden in einen hektischen Fotografen. Ob Güterzug beim Rugnux-Spiraltunnel oder Bernina Express auf dem Rugnux-Viadukt – Mike fotografiert.

Erst kurz vor Bergün lässt die Aufregung etwas nach. Dort verläuft der Bahnlehrpfad auf der linken, die Bahnlinie hingegen auf der rechten Talseite. Zwischen den Wanderern und den vorbeifahrenden Zügen liegen gut und gerne 500 Meter. Und das ist nicht bloss für die Kamera zu weit. Für einen echten RhB-Fan ist das eine halbe Weltreise.

Quelle: Ursula Meisser